Sie gibt den Toten ihre Namen zurück

Dr. Gabriele Lindemaier soll die Opfer von AF 447 identifizieren

München Dr. Gabriele Lindemaier sitzt auf gepackten Koffern: Die Zahnärztin vom Institut für Rechtsmedizin der LMU in der Nussbaumstraße wartet auf ihren Einsatz in Brasilien. Vom BKA ist sie bereits verständigt worden – die Leichen des Air France Flugs 447 von Rio de Janeiro nach Paris, abgestürzt am 1. Juni im Atlantik, müssen identifiziert werden. Ginge es nach dem BKA, wäre die 64-Jährige, die als einzige Zahnmedizinerin Münchens der Identifizierungskomission (IDKO) angehört, schon in Brasilien gelandet. Doch die örtlichen Behörden haben die Mission des deutschen Teams noch nicht genehmigt. "Es kann sich aber nur noch um ein paar Tage handeln. Brasilien braucht unsere Hilfe, denn bei einem so großen Unglück ist Unterstützung von internationalen Fachkräften unerlässlich", sagt die Ärztin, die schon nach dem Gletscherbahn-Unglück in Kaprun, dem Tsunami in Asien und dem Einsturz der Eishalle in Bad Reichenhall als Expertin vor Ort war (siehe Kästen). Mit dem Anruf des BKA hat die Neuhausenerin gerechnet: Schon seit über zehn Jahren hilft sie freiwillig bei großen Katastrophen, die Leichen zu identifizieren und somit für die Angehörigen Gewissheit zu schaffen. Schließlich sei es nicht nur für die Psyche der Hinterbliebenen wichtig, Abschied nehmen zu können: "Damit beispielsweise Versicherungen zahlen und Schadensersatz beantragt werden kann, ist in Deutschland ein Totenschein nötig", betont die Rechtsmedizinerin. 28 Deutsche sind unter den 228 Opfern der Flugzeug-Katastrophe. Gabriele Lindemaier hat, wenn sie nach Brasilien reist, alle zahnärztlichen und sonstigen medizinischen Unterlagen über die Toten im Gepäck. Künstliche Hüftgelenke, Kronen im Gebiss, fehlende Zähne – der kleinste Hinweis kann bei der Identifikation helfen. Das hat die Medizinerin in all ihren Berufsjahren gelernt. "Es ist wie ein Puzzle", sagt sie. Vertieft in ihren Job, kann sie auch schreckliche Bilder und Gerüche verdrängen. "Die Arbeit", merkt sie an, "ist eigentlich keine große Kunst. Man muss es nur mögen und können." Gabriele Lindemaier kann es – sie ist "psychisch taff", wie sie es selbst ausdrückt, und liebt ihre Arbeit. Weil sie täglich etwas Neues erwartet, weil sie stets dazu lernt, Kollegen aus aller Welt kennenlernt. "Die Auslandsaufenthalte sind begehrt", sagt die 64-Jährige, die als weltweit anerkannte Expertin gilt. Daheim in München brilliert sie auch in ihrem Berufsalltag: In der LMU-Rechtsmedizin, der größten in Deutschland, werden im Jahr 2500 Sektionen durchgeführt. 120 Personen landen als Unbekannte auf dem Tisch von Gabriele Lindemaier – verlassen sie das Institut, haben sie ihre Identität wieder. Tanja Bitterer So arbeitet die Expertin Sie ist eine "Meisterin im postmortalem Zähneputzen", sagt Dr. Gabriele Lindemaier – jede Obduktion beginnt mit dem Säubern der Zähne.In Kaprun war dies kein leichtes Unterfangen, da die Opfer sehr hohen Temperaturen ausgesetzt waren. Was die Ärztin damals noch nicht wusste: "Backofenspray hätte einiges erleichtert." Dies hat ihr ein Kollege während der Arbeit in Asien erzählt. Für ihren Einsatz in Brasilien hat die 64-Jährige schnell gepackt: "Ein paar Jeans und T-Shirts reichen. Für Gesellschaftliches habe ich ja eh keine Zeit." Arbeitskleidung wird, ebenso wie die Ausrüstung, vom BKA gestellt. Die medizinischen Daten der Opfer, die das BKA von den entsprechenden Ärzten angefordert hat, sind bereits in einen Computer eingespeist. Vor Ort werden dann die Daten der Leichen eingetragen, und das Programm Plassdata gleicht die Informationen ab. "So können wir die Identität der Toten zu 100 Prozent nachweisen", sagt Gabriele Lindemaier. Kaprun: In der Gletscherbahn starben 155 Erwachsene und Kinde Nach dem Unglück in Kaprun im Jahr 2000, als eine voll besetzte Gletscherbahn ausbrannte, war Dr. Gabriele Lindemaier mit all ihrer Routine und ihrem Fachwissen gefragt: Der Großteil der 155 Leichen war sehr stark verkohlt, 13 von ihnen waren nur noch über DNA zu identifizieren. Doch selbst wenn kaum noch etwas Menschliches übrig ist: "Ein bisserl was geht immer", sagt die Expertin. Schwer gefallen ist ihr die Arbeit aber auch deswegen, weil die meisten der Opfer sehr jung waren: "Viele von ihnen waren Jugendliche, die doch nur Spaß am Berg haben wollten und eigentlich ihr ganzes Leben noch vor sich gehabt hätten." Tsnunami: Flutwelle riss über 230 000 Menschen in den Tod Im Januar 2004 flog Dr. Gabriele Lindemaier zunächst nach Sri Lanke, um die Opfer der Tsunami-Katastrophe zu identifizieren. Kein leichtes Unterfangen, waren viele doch bereits in Massengräbern bestattet. So musste die Ärztin zur Schaufel greifen: "In sengender Hitze habe ich aus lehmigem Boden Leichen ausgegraben. Es hat teuflisch gestunken", erinnert sich die 64-Jährige. In Thailand war die Arbeit einfacher, dort standen drei provisorische Sektionssäle mit Klimaanlage zur Verfügung. Doch dort hat die Ärztin auch "unappetitliche Momente" erlebt: "Streunende Hunde knabberten an den Zehen von Toten." Bad Reichenhall: Nach Eishallendach-Einsturz 15 Opfer Das Unglück in Bad Reichenhall, wo das Dach der Eishalle einstürzte und 15 Todesopfer forderte, stimmt Dr. Gabriele Lindemaier noch immer nachdenklich: "Die Eltern glaubten ihre Kinder in der Halle sicher", sagt sie. "Auf einem zugefrorenen See kann schon einmal etwas passieren, aber in einer Eishalle..." Die Opfer, unter ihnen zwölf Kinder, hatten noch Schlittschuhe an, als sie die Ärztin zu Gesicht bekam. Den Angehörigen waren einige der Toten kaum noch zuzumuten: "Man muss den Hinterbliebenen manche Anblicke ersparen – einigen Opfer waren Balken auf den Kopf gefallen", erklärt die Ärztin.

Auch interessant:

Meistgelesen

Alkoholverbot wegen Formfehler verschoben
München Südwest
Alkoholverbot wegen Formfehler verschoben
Alkoholverbot wegen Formfehler verschoben
Ruhestätte im Waldfriedhof beschädigt - Münchner Polizei sucht Grabschänder
München Südwest
Ruhestätte im Waldfriedhof beschädigt - Münchner Polizei sucht Grabschänder
Ruhestätte im Waldfriedhof beschädigt - Münchner Polizei sucht Grabschänder
Die kuriosen Erlebnisse eines Stauberaters
München Südwest
Die kuriosen Erlebnisse eines Stauberaters
Die kuriosen Erlebnisse eines Stauberaters
Queen-Sänger soll in Geschichtspfad aufgenommen werden
München Südwest
Queen-Sänger soll in Geschichtspfad aufgenommen werden
Queen-Sänger soll in Geschichtspfad aufgenommen werden

Kommentare