Extremer Schädlingsbefall

Forstwirte schlagen Alarm: Borkenkäfer-Armee rückt an

Wilhelm Seerieder von den Bayerischen Staatsforsten zeigt einen vom Borkenkäfer befallenen Baum.
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Wilhelm Seerieder von den Bayerischen Staatsforsten zeigt einen vom Borkenkäfer befallenen Baum.

Hadern: Schock am Waldfriedhof: 18 Bäume mussten jüngst gefällt werden – vernichtet vom Borkenkäfer. Der Winzling richtet immensen Schaden an, und heuer ist die Lage so schlimm wie lange nicht.

Er ist rund fünf Millimeter klein, vermehrt sich extrem schnell – und zerstört in  München unzählige Bäume: der Borkenkäfer. Diesen Sommer ist der Schaden besonders groß – in Wäldern genauso wie in städtischen Grünanlagen. Jetzt der Schock in Hadern: Schon 18 Bäume mussten aktuell im Waldfriedhof gefällt werden. „Vor allem dort, wo es Fichtenmonokulturen gibt, ist der Borkenkäfer ein Problem“, erklärt Dagmar Rümenapf vom Baureferat. „In München gibt es solche Bestände auf einigen kleinere Flächen, auf Friedhöfen und in manchen Parks“, sagt sie. Weil der Fichtenborkenkäfer, auch bekannt als Buchdrucker, besonders gefährlich ist, wird dort regelmäßig überprüft, ob er sich ausgebreitet hat.

Auch in den Wäldern gibt es regelmäßige Kontrollen. „Heuer ist es dramatisch, katastrophal“, sagt Thomas Mayr, der als Revierförster unter anderem für die städtischen Waldgebiete in Fürstenried, Großhadern, Langwied, Lochhausen, Sendling und Baierbrunn zuständig ist. Insgesamt ist der städtische Wald 5000 Hektar groß, jeder einzelne Baum muss auf Käferbefall untersucht werden. „Das ist eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit“, sagt Mayr. „Aber sonst sind wir chancenlos, zur Vorbeugung kann man nichts machen“, erklärt er. Denn der Käfer vermehrt sich explosionsartig. „Ein Weibchen kann 100 000 Nachkommen produzieren“, erklärt Wilhelm Seerieder (Foto), Forstbetriebsleiter bei den Bayerischen Staatsforsten. Bis zu drei Käfer-Generationen können in einer Saison, die noch bis Ende September geht, ausgebildet werden. In einem befallenen Baum nisten sich rund

10 000 Käfer ein. Zu Seerieders Bereich gehören der Forstenrieder Park, der Perlacher Forst und der Grünwalder Forst. In diesen Gebieten ist die Situation besonders schlimm. „Wegen der Schotter­ebene ist der Boden in den Gebieten nur 30 bis 50 Zentimeter dick“, erklärt Seerieder. „Er kann nur wenig Wasser speichern.“

Optimale Bedingungen für den Borkenkäfer, der es gerne heiß und trocken mag. Nach dem Orkan Niklas im Frühjahr 2015 konnte sich der Käfer im Restholz gut vermehren, das Wetter hat sein Übriges dazu getan. „Das Problem ist mit dem Klimawandel verknüpft“, sagt Seerieder. Der Wald bräuchte eigentlich Nässe und Kälte, aber: „Die Phasen, in denen es nicht regnet, werden häufiger“, so Seerieder.

Wer jetzt im Forstenrieder Park spazieren geht, sieht immer wieder Bäume, die mit einem roten Kreuz gekennzeichnet sind. Sie sind befallen und müssen möglichst schnell gefällt werden. Mehrere Harvester sind dazu täglich in den Staatsforsten rund um München im Einsatz. Manchen Bäumen sieht der Laie den Befall auf den ersten Blick noch gar nicht an. Erst beim genaueren Hinsehen erkennt man am Stamm das Bohrmehl – ein Zeichen für die Einnistung. Die Förster können dann nur noch versuchen, die benachbarten Bäume zu schützen. „Man hat vier bis sechs Wochen Zeit, den Baum zu entfernen, bis der Käfer wieder ausfliegt“, sagt Seerieder. Bleibt der Baum stehen, verfärbt sich zunächst die Krone gelblich und rötlich, dann stirbt er ganz ab – und die Käfer befallen andere Bäume.

Langfristig gibt es nur eine Lösung für das Problem: „Wir müssen den Wald umbauen in einen klimatoleranten Mischwald“, erklärt Seerieder. Anstelle der anfälligen Fichten werden Buchen, Tannen oder Douglasien nachgepflanzt. Doch: „Das ist ein Prozess, der 60 bis 70 Jahre dauert“, erklärt Revierförster Thomas Mayr. „In der Zeit wird man vom Borkenkäfer überrannt.“ Auch in den städtischen Wäldern setzt man vermehrt auf einen Mischwald. Im Haderner Waldfriedhof wird es allerdings keine Nachpflanzungen geben, heißt es auf Nachfrage vom Baureferat. cla

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