Dieser Münchner hängt an der Nadel

Spezialisiert auf Tonabnehmer – so überlebt Ein-Mann-Unternehmen:

Ludwigsvorstadt Nach dem Krieg war „Friedrich Gleich“ ein großes Unternehmen. Musikinstrumente, später dann vor allem Waschmaschinen, Schallplattenspieler und Fernseher wurden hier verkauft und auch repariert. 32 Menschen arbeiteten zeitweise für den Betrieb – nach dem Krieg zunächst in der Schillerstraße, seit 1960 dann in dem Neubau in der Landwehrstraße 48. „Wir sind immer kleiner geworden“, sagt Wolfgang Gleich, der das Geschäft seit 1994 in der dritten Generation führt. Angestellte hat er heute keine mehr – „übrig geblieben sind nur die Nadeln“. Nadeln – seine große Leidenschaft. Mit Stricken oder Häkeln hat das bei dem 50-Jährigen aber nichts zu tun: Es sind die Tonabnehmer von Schallplattenspielern, auf die er sich spezialisiert hat. Etwa 700 verschiedene Sätze Tonnadeln hat er in seinem Hinterhof-Geschäft vorrätig. Hier, in der Landwehrstraße, arbeiteten die Angestellten seines Vaters einst auch in den oberen Stockwerken. „Es war eine Großhandelsgegend“, erinnert er daran, wie das südliche Bahnhofsviertel früher einmal geprägt war. Im Viertel fühlt er sich immer noch wohl: „Es ist nicht unsicherer geworden“, sagt Wolfgang Gleich. Wenn man die Nachbarn auf der Straße treffe, werde immer noch getratscht. Nur all die alten Läden, die sind weg – aber Friedrich Gleichs „Tonnadelparadies“ gibt es noch. „Wir haben aber keine Laufkundschaft mehr“, sagt er. Sein Klientel sei „schon etwas in die Jahre gekommen“, wie er meint. Häufig kämen Münchner, die auf dem Dachboden der Eltern Schallplatten gefunden haben, die sie wieder hören wollen. Die können sie im Tonnadelparadies dann auch gleich waschen lassen – mittels einer eigenen Schallplatten-Waschmaschine. Die schlimmste Zeit scheint überwunden zu sein – das waren die 90er, als die Münchner auf CD umstiegen, da sei der Umsatz auf 15 Prozent gesunken, erzählt Wolfgang Gleich. „Zur Zeit verkaufen wir aber wieder relativ viele gebrauchte Plattenspieler“, so der Ein-Mann-Unternehmer, dem seine 80-jährige Mutter manchmal im Laden hilft. Ein Segen für Gleich: das Internet. Sein Geschäft ist das letzte für Tonnadeln in ganz Bayern – vor einigen Jahren hat er angefangen, seine Ware auch online zu verkaufen. „Ohne das Internetgeschäft“, sagt Gleich, „hätte ich schon zusperren müssen.“ Dabei hängt er an seinem Laden: „Mir wurde die Firma in die Wiege gelegt – mein Vater hat immer gesagt, ,Du wirst mal das Geschäft übernehmen‘.“ Dass sein eigener Sohn das eines Tages nicht tun wird, kann Wolfgang Gleich verstehen. „Man verdient nicht mehr viel“, so der 50-Jährige. „Eine ganze Familie kann davon nur schwer leben.“ Felix Müller "Reparaturen lohnen sich oft nicht mehr" Gunter Ehe arbeitet für ein Tochterunternehmen des Bayerischen Einzelhandelsverbands. Hallo München: Wie entwickelt sich der Markt der kleinen Elektro-Geschäfte und Werkstätten? Gunter Ehe: Die reinen Service-Werkstätten, das wird immer weniger. Eine Reparatur in Deutschland lohnt sich ja bei vielen Geräten gar nicht mehr. Worauf kommt es an, dass die Läden eine Chance haben? Kleine Geschäfte haben dann eine Chance, wenn sie wirklich spezialisiert sind. Es gibt einen Trend zu hochspezialiserten Läden, die zum Beispiel nur hochwertige Hifi-Systeme anbieten. Das klassische kleine Elektro-Geschäft mit dem breiten Angebot um die Ecke wird es aber nicht mehr geben. Sind Internet-Shops eine Überlebensstrategie? Es nimmt auf jeden Fall wieder zu, dass man neben dem stationären Handel versucht, einen Vertrieb aufzubauen. Oft ist aber das Problem, dass die Händler gar nicht dazu in der Lage sind, das professionell zu betreiben. Es fehlt die finanzielle Power, aber oft auch das nötige Knowhow, um im Internet Geld zu verdienen. fem

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