Der illegale Abriss des Uhrmacherhäusls in Obergiesing jährt sich

Zeit heilt keine Wunden

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„Wir geben keine Ruhe, bis das Uhrmacherhäusl im Originalzustand wieder aufgebaut ist.“

Giesing - Der illegale Abriss des denkmalgeschützten Uhrmacherhäusls jährt sich am 1. September. Das Bündnis „Heimat Giesing“ plant eine Protestaktion für den Wiederaufbau des Hauses.

Die Lücke zwischen den noch stehenden Häusern klafft noch immer – und die Wut der Anwohner ist auch ein Jahr nach dem illegalen Abriss nicht verraucht: Am 1. September 2017 wurde das Uhrmacherhäusl an der Oberen Grasstraße 1 in Obergiesing dem Erdboden gleich gemacht: Angelika Luible vom Bündnis „Heimat Giesing“ spricht noch immer von einem „Attentat“. Einmal monatlich hält das Bündnis noch immer Mahnwache – dort, wo einmal das etwa 150 Quadratmeter große Haus stand. Am Jahrestag gibt es zudem eine große Protestaktion. Luible: „Wir geben keine Ruhe, bis das Uhrmacherhäusl im Originalzustand wieder aufgebaut ist.“

Aber von vorne: Das denkmalgeschützte Haus wurde binnen weniger Minuten abgerissen. Mittlerweile ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen den Eigentümer, einen Geschäftsmann aus Neuried. Der behauptet, dass ein Bauarbeiter das Haus versehentlich abgerissen haben soll. „Das ist ja lächerlich“, ärgert sich Denkmalschutz-Experte Dr. Norbert Ott. Er ist außer sich: „Hier muss ein Exempel statuiert werden. Der Eigentümer darf damit nicht durchkommen.“ Ott fordert eine „saftige Strafe“: „Ich bin für mehrere Millionen Euro, die er zahlen muss.“

Ob dem Eigentümer überhaupt eine Geldbuße oder Strafe droht, steht noch nicht fest. Die Staatsanwaltschaft erklärt, dass erst nach Abschluss der Ermittlungen beurteilt werden kann, ob von einem ausreichenden Verdacht einer Straftat ausgegangen werden kann, beziehungsweise ob eine Ordnungswidrigkeit vorliegt, sagt ein Sprecher. Obendrein könne man noch nicht sagen, ob es zu einem Gerichtsverfahren kommt. Im Oktober könnten neue Erkenntnisse vorliegen – mehr will man zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen. Fest steht aber, dass dem Bauherrn maximal 500 000 Euro Bußgeld drohen.

Die Stadt fordert indes, dass das Haus im Originalzustand wieder aufgebaut wird. „Innerhalb von zwei Jahren nach Erteilung der erforderlichen Baugenehmigung ist es wiederherzustellen“, so ein Sprecher des Planungsreferates. Das heißt: Das Haus muss genauso hoch, genauso breit und auf dem erhaltenen Keller wieder aufgebaut werden – samt gesicherter historischer Materialien. Dagegen hat der Eigentümer Klage eingereicht. Auf Hallo-Anfrage wollte er sich dazu allerdings nicht äußern. Ines Weinzierl

Protestaktion

Samstag, 1. September, Obere Grasstraße 1, ab 16 Uhr gibt es ein Schauspiel zum „Skandalabbruch“, ein Konzert und Vorträge

„Rücksichtsloses Spekulantentum“

Oberbürgermeister Dieter Reiter:
„Diese dreiste Nacht- und Nebelaktion ärgert mich auch heute noch zutiefst. Denn mit dem Abriss des Uhrmacherhäusls ist ein Stück Giesing für immer verloren gegangen. Das Mindeste ist, dass die Verantwortlichen dazu verpflichtet werden, das Haus in der bisherigen Kubatur und Form wiedererrichten zu müssen und zwar mit den gesicherten historischen Bauteilen. Im Moment können wir leider nur das Klageverfahren abwarten. Für mich steht aber fest: Wer versucht, den Denkmalschutz einfach mit der Abrissbirne zu erledigen, darf am Ende nicht auch noch profitieren. Das habe nicht nur ich, sondern das haben vor allem viele hoch engagierte Bürger unmissverständlich deutlich gemacht.“

Autor Su Turhan aus Giesing:
„Beim Semmeln holen war ich an dem Tag am Häusl vorbeigekommen und hatte mich über die Baufahrzeuge gewundert. Am Rückweg war das Häusl weg. Unglaublich, wie schnell das vonstattenging. Das war schon ein Schock. Die Hintergründe waren mir natürlich nicht klar. Als im Viertel der illegale Abriss bekannt wurde, war ich empört wie alle. Die Dreistigkeit ist schon hanebüchen. Ich fordere von der Stadt dafür zu sorgen, dass kein Bauunternehmer auf die Idee kommt, das nachzumachen. Der Abriss darf als lohnendes Geschäftsmodell nicht durchgehen.“

Schauspieler Jürgen Tonkel aus Giesing:
„Ohne Rücksicht auf Zeugnisse der Giesinger Vergangenheit und ohne Respekt vor einem Kleinod, das die Identität der Feldmüller-Siedlung mit charakterisierte, wurde hier aus reiner Geldgier ein Bauwerk unwiederbringlich zerstört. Dieser Vorgang macht mich wütend. Es muss alles dafür getan werden, dass solche Dinge sich nicht wiederholen und rücksichtsloses Spekulantentum unterbunden wird. Um ein Zeichen zu setzen, sollte das Uhrmacherhäusl in seiner ursprünglichen Form und Kubatur wieder aufgebaut werden.“

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