Wachstum, Dichte und Wohnqualität

Kann das Wachstum Münchens weitergehen, ohne dass die Wohnqualität verloren geht? Diese Frage diskutierte das Nord-Ost-Forum in der vergangenen Woche.

Engagiert stellten Stadt- und Grünplaner ihre Zukunftsvisionen vor, anschaulich schilderte eine Vertreterin des Planungsreferats die Instrumente der langfristigen Siedlungsentwicklung. Dennoch blieb am Ende die Frage offen, die Bogenhausens Bezirksausschuss-Vorsitzende Angelika Pilz-Strasser (Grüne) so zusammenfasste: „Sollen einmal zehn Millionen Menschen auf dem Fleck leben, auf dem jetzt 1,3 Millionen wohnen? Wir müssen wissen, ob wir das wollen und überlegen, wie wir das stoppen oder steuern können“. Mischquartiere Städtische Mischquartiere mit leistungsfähiger Verkehrsanbindung und Landschaften, die mit der Stadt verzahnt sind – dies wäre die Idealvorstellung für die Zukunft der Münchner Siedlungsentwicklung aus Sicht des Stadtplaners Dierk Brandt. Aber, „die Realität sieht anders aus. Wir sind wegen des Marktes und der Bevölkerung nicht in der Lage, konsequent städtische Mischquartiere zu entwickeln“, so Brandt. Bei allen Planungen möchte Brandt „den Garten mitdenken“. Den Garten, zu dem man hingehen kann und den, in welchem man selbst tätig wird. Mehrzwecknutzung sei das Zauberwort, so Brandt. Gesehen hat er das beispielsweise in Potsdam – ein tiefer gelegter Bolzplatz, der auch als Regenflutbecken dient, wenn der Himmel seine Schleusen öffnet. Dierk Brandts Botschaft für die Entwicklung des Siedlungsgebiets München Nordost zwischen der S8-Trasse und der Stadtgrenze ist, die polyzentrischen Stadtstrukturen weiterzuentwickeln, unterschiedliche Siedlungsformen vorzusehen und Gartenlandschaften zu planen. Konsens bezweifelt „Dierk Brandt sagte, man müsse die Verdichtung akzeptieren, das sei gesellschaftlicher Konsens. Mit den Bürgern und dem Bezirksausschuss hat das keiner diskutiert, ich habe Bedenken. Über diese Behauptung muss man erst mal reden“, so Bogenhausens Bezirksausschuss-Vorsitzende Angelika Pilz-Strasser. Die Verdichtung im 13. Stadtbezirk sei ein Thema, mit dem sich Bürger immer wieder an den BA wendeten. „Klar ist, dass München bezahlbaren Wohnraum braucht. In Bogenhausen wird aber mehr für die Reichen gebaut“, erklärte Pilz-Strasser. Die unterschiedlichen Siedlungsstrukturen des Stadtbezirks machten dessen Identität – die Heimat – aus. „Wir erleben hier zunehmend Identitätsverluste. Um die Dorfkerne haben wir mit Klauen und Zähnen gekämpft. Schuld daran, dass sie aus dem Ensembleschutz gestrichen werden sollten, war die Bebauung am Rand. Wir erleben das Rausrücken von Bauten an die Straßen. Die Blöcke sind oft undifferenziert und beliebig austauschbar, die Innenhöfe zugepflastert“. Große Lücke Pilz-Strasser sieht eine große Lücke zwischen den Planungen der Stadt und dem, was beim Bürger ankommt. „Wir müssen diskutieren und es gefällt mir nicht, dass es heißt, München sei wie ein Staubsauger und sauge immer weiter Zuzügler an. Sollen einmal zehn Millionen Menschen auf dem Fleck von 1,3 Millionen unterkommen? Wir müssen wissen, ob wir das wollen und überlegen, ob wir das stoppen oder steuern können!“, sagte Pilz-Strasser. Bei allem Zwang zum Wohnungsbau sei es wichtig, die Wohnqualität und das Grün zu erhalten. „Wenn wir was verlieren, müssen wir dafür was bekommen. Beispielsweise einen guten Öffentlichen Nahverkehr, Geschäfte, Kinos und Ärzte in Wohnnähe“. Kein Naturgesetz „Weiteres Wachstum ist kein Naturgesetz, Verdichtung braucht gute Infrastruktur, Bürgerbeteiligung ist wichtig“, fasste der Moderator der Diskussionsveranstaltung, Winfried Eckardt von der Münchner Volkshochschule, die Statements von Angelika Pilz-Strasser zusammen und bat Stadtplanerin Susanne Ritter um ihren Beitrag. Erst um 1800 habe das Wachstum der Landeshauptstadt begonnen, inzwischen sei das Flächenpotential im Münchner Burgfrieden so gut wie ausgeschöpft, berichtete Ritter. „Die Reserven reichen bis 2015. Unsere Wunschzielzahl sind 7000 neue Wohnungen pro Jahr, davon die Hälfte durch große Neuplanungen und die andere Hälfte durch Verdichtung im Bestand“. 151.000 Neubürger erwarte die Stadt bis 2030. Der Ersatzbedarf für alte Bestände und die Verhaltensänderung der Bevölkerung, die mehr Raum pro Person beanspruche als früher, eingerechnet, benötige München bis zum Jahr 2030 die Anzahl von 116.000 neuen Wohnungen. Die langfristige Siedlungsentwicklung bereite die Stadt durch Statistiken und Untersuchungen vor. Man schaue, wo Nachverdichtung möglich sei, wo man Gewerbe in Wohnquartiere umstrukturieren könne und welche Potentiale es im Außenbereich gebe. „Die Entwicklung des Münchner Nordostens wird lange dauern, der Bahntunnel ist nötig. Das zieht sich sicher noch sehr lange hin“, so Ritter. Prinz-Eugen-Park Die Stadtplaner versuchten bei neuen Bebauungsplänen eine passende und verträgliche Dichte zu finden. Beim Prinz-Eugen-Park sei ein qualitätsvoller Mix aus einem differenzierten Wohnraumangebot, Läden, Infrastruktur und viel Raum für öffentliche und private Freiflächen entstanden. Der Sozialwohnungsanteil bei Neubaugebieten garantiere den sozialen Frieden, da die Wohnungen integriert seien. Die Verkehrsprobleme habe man offen kommuniziert und diskutiert, das werde man bei künftigen Siedlungsmaßnahmen wiederholen. Urban Gardening Gärten zum Anbau von Produkten des täglichen Bedarfs, die in Siedlungen integriert sind, das ist die Vision des Team Agropolis. Landschaftsplaner Florian Otto kann sich einen grünen Stadtteil Freiham vorstellen, dessen Grün über die „Viktualientram“ in die City hineinwächst. „Agropolis Nahrungsmittel aus der Region“ ist die Idee, die Otto mit Lagermodulen in den Siedlungen, mit grünen Räumen zum Einkochen des Geernteten und Austauschorten für Waren und Wissen ergänzen möchte. „Es braucht Ideen, Mut zum Experiment und Dialogkultur. Das gibt es in Deutschland nur sehr selten“, so Otto. Gabriele Mühlthaler

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