Vorstadtstenz und Wiesnbraut

Die Monacensia, Literaturarchiv und Bibliothek, Maria-Theresia-Straße 23, lädt ab Dienstag, 13. Juli, 19 Uhr (sowie Montag bis Mittwoch 9 bis 17 Uhr, Donnerstag 10 bis 19 Uhr, und Freitag 9 bis 15 Uhr, Eintritt frei), ein zur Ausstellung zum 200. Geburtstag des Oktoberfestes.

Das Münchner Oktoberfest zelebriert mit aller gebotenen Pracht und Festlichkeit den rauschhaften Ausnahmezustand schlechthin. Der Komponist Felix Mendelssohn Bartholdy schreibt bereits im Jahr 1931 seiner Familie, dass sein Konzert wegen des Oktoberfestes verschoben werden musste. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als mit „80.000 anderen Leuten“ die Theresienwiese zu besuchen, wo man, wie der Schriftsteller Friedrich Hebel wenige Jahre später feststellt, beste Gelegenheit hat, „sich mit der Bevölkerung der Stadt und ihren Eigentümlichkeiten bekannt zu machen“. Menschen aller Schichten und Berufssparten, aus Stadt und Land, Einheimische und Gäste begegnen sich auf dem größten und buntesten Volksfest der Welt, um sich am würzigen Geruch von Wiesnhendl und Steckerlfisch, am starken Festbier oder am schwindelerregenden Tempo der Achterbahn zu berauschen. Sie stillen ihre Sensationslust im Varietétheater, bei Völker-, und Abnormitätenschauen und hegen oftmals eine stille Sehnsucht, dass es immer ein Oktoberfest geben soll. Kein Wunder, dass auch Schriftsteller und Künstler immer wieder gerne eintauchen in den Taumel und die Sinneslust des Oktoberfestes und ihre Erlebnisse zu Literatur verarbeiten. Oskar Maria Graf, selbsternannter „Provinzschriftsteller“ vom Starnberger See, erinnert sich in seinen autobiografischen Schriften an seine Begegnung mit der „wunderbaren Isis“ im Jahr 1908. Ödön von Horváth, der deutschsprachige Schriftsteller mit ungarischem Pass, war ein leidenschaftlicher Besucher von Volksbelustigungen. Auf dem Oktoberfest findet er 1930 den Stoff für sein Stück „Kasimir und Karoline“, das er ursprünglich „Achterbahn und Wiesnbraut“ nennen wollte. Der amerikanische Schriftsteller Thomas Wolfe fängt schwer betrunken in einem Bierzelt eine Schlägerei an und schildert seine Erlebnisse zehn Jahre später in seinem 1939 erschienenen Roman „Geweb und Fels“. Erika Mann liebte das Oktoberfest, über das sie 1929 schreibt „Die Festwiese, die größte, glaub ich, der Welt, ist herrlich anzuschauen, alle Münchner sind lustig, diese Stadt ist wie gemacht für Feste; feiert sie, zeigt sie ihr wahres Gesicht“. Während Thomas Mann in seinem „Doktor Faustus“ lediglich eine wochenlange „Monster-Kirmes“ konstatiert, „wo eine trotzig-fidele Volkhaftigkeit ihre Saturnalien feierte“. Der Volkssänger Karl Valentin unterhält nach dem Ersten Weltkrieg zusammen mit Bert Brecht eine Schaubude auf dem Oktoberfest und Herbert Achternbusch schlägt sich in den 1960er Jahren als Zigarettenverkäufer auf der Wiesn durch. Seine Erfahrungen verarbeitet er literarisch in seinem 1969 bei Suhrkamp erschienene ersten Erzählband „Hülle“ und einige Jahre später in seinem legendären Film „Bierkampf“. Die Ausstellung zeigt anhand von literarischen Texten, historischen Fotografien und Originaldokumenten die Menschen, denen die Dichter und Schriftsteller auf dem Oktoberfest begegnet sein könnten: Wiesnbesucher, Schausteller, Kellnerinnen, Riesendamen, Exoten, Vorstadtstenze, Wiesnbräute und viele mehr. Die gezeigten Original-Dokumente und Abbildungen stammen größtenteils aus dem Besitz der Monacensia. Ergänzt werden sie durch historische Fotografien aus dem Verlag und Bildarchiv Sebastian Winkler und aus dem Karlstadt-Valentin-Musäum sowie durch historische Exponate aus dem Münchner Stadtmuseum. Zur Ausstellung gibt es ein Rahmenprogramm mit Sommerfest und radioKultur. Einzelheiten ab Juli unter www.muenchner-stadtbibliothek.de/monacensia. Das Herzkasperl-Zelt auf der Jubiläumswiesn 2010 präsentiert als bewirteter Ort des Feierns und der Schaulust vom 7. September bis 4. Oktober täglich von 10 bis 19.30 Uhr ein vielfältiges Programm aus Literatur, (Kasperl-)Theater, Kabarett und junger Volksmusik. Mehr dazu unter www.jubilaeumswiesn.de.

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