Eigentümer fürchten Einsturz

Nach tragischem Ende des Uhrmacherhäusls: Droht auch diesem Denkmal der Abriss?

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Christian Teutsch bangt um das Häusl an der Hochstraße, das direkt ans Neubaugebiet am Nockherberg angrenzt. Der Bauherr dort will eine 150 Jahre alte Mauer am Häusl abreißen, die aber laut Teutsch wichtig für die Statik sei.

Ein herber Verlust, der die Münchner auch zwei Jahre später noch schmerzt: Der illegale Abriss des Uhrmacherhäusls. Am Sonntag wird dem Ereignis mit einem Protest gedacht.

Au – Das Herbergshäusl ist ein echtes Schmuckstück, erbaut 1830, ein kleines, verwinkeltes Häuschen, das unter Denkmalschutz steht. Für Christian Teutsch und seine Ehefrau Katrin Sachs, die mit ihren drei Kindern in dem Häusl an der Hochstaße 63, ein echtes Juwel.

Um das die Familie jetzt bangen muss: „Der Bauherr, der auf dem angrenzenden Grundstück baut, will eine 150 Jahre alte Mauer an unserem Haus abreißen“, sagt Christian Teutsch entsetzt. Er und seine Gattin, die als Architektin in München arbeitet, haben die Hamburger Firma Becken deswegen bereits im Januar kontaktiert. „Die sind schnell unfreundlich geworden und haben uns gesagt: Wir können das auch ohne Sie machen“, erzählt Teutsch.

Von ihrem Plan wollte die Becken Holding GmbH demnach nicht abweichen, stattdessen bot sie dem 52-Jährigen samt Familie an, im Hotel zu schlafen, während die Mauer abgerissen und neugebaut wird. Die Mauer grenzt unter anderem ans Schlafzimmer des Ehepaars an.

Christian Teutsch vor der 150 Jahre alten Mauer, die abgerissen werden soll. Ein Abriss gefährde aber die Statik des Häusls.

Viel schlimmer aber: „Das Haus braucht die Mauer für die Statik“, schimpft Teutsch. „Wenn die Statik gefährdet ist, muss es abgerissen werden.“ Was dem Feuerwehrmann besonders Angst macht: „Genehmigt ist der Mauerabriss nicht, aber eine Abbruchfirma war hier schon – und die hatten keine Ahnung, dass das Häusl ein Denkmal ist!“ Kein Wunder also, dass er sofort ans Uhrmacherhäusl denken musste, wo ein Denkmal illegal abgerissen wurde ohne Genehmigung.

Damit das Ehepaar Teutsch-Sachs nicht eines Tages vor vollendeten Tatsachen steht und die Mauer nur noch Schutt ist, schlagen sie jetzt schon Alarm. Katrin Sachs will in den kommenden Tagen beim Bezirksausschuss Au-Haidhausen vorsprechen und sich Unterstützung holen, am Freitag informiert sie bei der Mahnwache am Uhrmacherhäusl (siehe unten) und der achtjährige Sohn Johannes hat einen Brief an OB Dieter Reiter geschrieben und um Unterstützung gebeten – bislang ohne Rückmeldung. 

Auch beim Landesamt für Denkmalschutz hat das Ehepaar vorgesprochen und einen Antrag auf Ensemble-Schutz gestellt – für das ganze Areal samt der Mauer. Diese soll nach einem möglichen Abriss ohnehin neugebaut werden – als Lärmschutz vor dem neuen Luxusquartier.

Die Baufirma Becken aus Hamburg hat in der Nachbarschaft bereits in der Vergangenheit für Unruhe gesorgt: Die Mieter aus der Hochstraße 71 bangen ebenfalls um ihre Wohnungen und hatten ihre Nöte am Mieterstammtisch geschildert. Irritieren dürften auch die Becken-Werbeslogans in der Hochstraße: „13 Schmucke Häuser – wer ko, der ko!“, steht dort geschrieben. 

Die Holding plant dort auf 9000 Quadratmetern 13 „elegante Baukörper“, mit Penthouses, Garden Residences und erlesenen Stylewelten, wie sie ankündigt. Das Projektvolumen liegt bei 270 Millionen Euro. 

Zu einem Abriss wollte die Holding auf Hallo-Anfrage nicht äußern. Man befinde sich derzeit in Gesprächen mit den Anwohnern, hieß es stattdessen.

Hanni Kinadeter

Mahnwache am Uhrmacherhäusl

So sah das Häusl aus. Nun findet ein Gedenken am Uhrmacherhäusl statt.

Mit den Samba-Trommlern der „Münchner Ruhestörung“ und aktuellen Infos zum Sachstand in Sachen Klage und Wiederaufbau will das Bündnis „HeimatGiesing“ am Freitag, 11. Oktober, ab 18 Uhr seine monatliche Mahnwache am illegal abgerissenen Uhrmacherhäusl in der Oberen Grasstraße 1 abhalten. Geladen sind alle Interessierten. 

Auch die Eigentümerin des Denkmals an der Hochstraße 63 (siehe oben) ist zu Gast. Katrin Sachs berichtet über die Geschichte des Häusls und ihre Erfahrungen mit dem Investor, der das angrenzende ehemalige Paulaner-Gelände bebaut.

Erstmeldung: 30. August – Protest in Gedenken ans Uhrmacherhäusl

Obergiesing – Mehr als 150 Jahre lang stand das Uhrmacherhäusl in der Oberen Grasstraße – bis es ein Bagger in neun Minuten plattmachte. Der illegale Abriss ist am Sonntag, 1, September, genau zwei Jahre her. Seitdem klafft dort eine Lücke zwischen den Häusern, die zum Schauplatz zahlreicher Mahnwachen und Proteste geworden ist, die der Verein Heimat Giesing organisiert – Löwenfans haben dort gesungen, ein Filmemacher Theater gespielt, der Oberbürgermeister besuchte ihn und etliche Schaulustige.

Binnen weniger Minuten wurde das historische Haus vor genau zwei Jahren abgerissen.

Ein Protest ist auch an diesem Sonntag ab 14 Uhr geplant. „Wir protestieren so lange, bis das Häusl wieder steht“, sagt Angelika Luible, eine der engagierten Akteure von Heimat Giesing.

Ihnen geht es um mehr als das Häusl. „Wir wollen dafür sensibilisieren, wie wichtig es ist, unsere Denkmäler und Kulturgüter zu erhalten“, sagt die Obergiesingerin. Sie erinnert daran, als in den 70er-Jahren der Abriss von Haidhausen diskutiert wurde, um eine Stadtautobahn zu bauen. „Haarsträubend! Heute sind alle froh über das schöne Viertel.“ 

Die frühere Stadtbaurätin Christiane Thalgott sieht das genauso und hält am Sonntag einen Vortrag beim Uhrmacherhäusl.

„Wir protestieren so lange, bis das Häusl wieder steht“, sagt Angelika Luible, eine der engagierten Akteure von Heimat Giesing.

Auch über den aktuellen Stand der Verfahren soll informiert werden. Erst vor Kurzem hatte das Verwaltungsgericht dem Eigentümer Andreas S., der dagegen klagte, das Häusl wiederherzustellen, insofern Recht gegeben, als dass der Bescheid rechtswidrig ist (Hallo berichtete).

Für Luible indes ist das alles andere als eine Niederlage: „Das war ein formaler Verfahrensfehler – es geht weiter.“ Das bestätigt die Stadt, die nun prüft, ob sie Berufung einlegt oder einen neuen Bescheid erlässt. Parallel ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen den Eigentümer. Ihm könnte ein Bußgeld bis zu 500  000 Euro drohen.

Hanni Kinadeter

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