So tickt das Geschäft mit der Zeit

Zeiterfassung: Streit um EuGH-Urteil noch nicht beigelegt – Giesinger Betrieb im Fokus

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Muss Arbeitszeit künftig erfasst werden? Ein Giesinger Betrieb baut dafür die passenden Geräte. Auf dem Bild prüft ein Mitarbeiter die Qualität der modernen Stechuhren.

Einem Mittelständler aus Giesing könnte nach dem EuGH-Urteil ein Ansturm drohen. Denn PCS Systemtechnik stellt modernste Stempeluhren her, mit denen unter anderem Arbeitszeit erfasst wird...

Obergiesing – Maschinen rattern, Lampen blinken. Hier im Herzen Giesings, hinter dem Bahnhof des Viertels, stellt PCS Systemtechnik, einer der Marktführer der Branche, Geräte zur Arbeitszeiterfassung her – und beliefert damit die Welt: Brasilien, China, Südafrika, Malaysia, Europa.

Mitten in der hitzigen Diskussion zur Erfassung der Arbeitszeit strahlt Unternehmenssprecherin Ute Hajek ruhige Gelassenheit aus. „Wir sind seit 40 Jahren im Geschäft“, sagt sie. Auf einen Ansturm seien sie vorbereitet. Der könnte nämlich drohen: Vor einem Monat hat der Europäische Gerichtshof (EuGH), Betriebe zur genauen Arbeitszeiterfassung verpflichtet. Seither brodelt es unter den Interessengruppen.

Ute Hajek,Unternehmenssprecherin von PCS Systemtechnik.

„Das ist ganz richtig so“, lobt David Schmitt vom Bayerischen Gewerkschaftsbund in München den EuGH-Beschluss. Jährlich werden demnach bundesweit zwei Milliarden Überstunden dokumentiert – die Hälfte davon unbezahlt. „Und das ist nur die Spitze des Eisbergs“, sagt Schmitt. Er erhofft sich von dem EuGH-Urteil: mehr Transparenz, einen Schutz der Beschäftigten vor überlangen und undokumentierten Arbeitszeiten sowie unbezahlten Überstunden und endlich eine bessere Einhaltung der Ruhezeiten.

Ganz anders sieht das freilich der Verband der Arbeitgeber in München. Dass Betriebe mit dem Urteil in ihrer Flexibilität eingeschränkt werden, kritisiert Bertram Brossardt von der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft. Er geht mit seinen Vorstellungen noch weiter: „Die Begrenzung der täglichen Arbeitszeit auf zehn Stunden ist nicht mehr zeitgemäß“, findet Brossardt.

Dem drohenden Ansturm begegnet man mit Gelassenheit

Eigentlich ist die Erfassung der Arbeitszeit kein neues Thema. Seit Jahrzehnten sind die Zeiten im Arbeitsgesetz geregelt. PCS-Sprecherin Ute Hajek wiegelt daher ab – einen heftigsten Ansturm erwartet sie gar nicht. „Alle zehn bis 15 Jahre kommt das Thema wieder auf den Tisch“, sagt sie. Letztlich sei es eine politische Entscheidung. 

Dennoch erwartet die Branchen-Expertin, dass Unternehmen künftig die Arbeitszeit besser erfassen. Nicht zuletzt, weil die Zahl der Burnout-Erkrankten nach wie vor steigt. Das EuGH-Urteil befürwortet sie: „Damit wird Transparenz geschaffen und das Grundrecht auf Einhaltung der Höchstarbeitszeit gestärkt“, sagt sie.

Hajek selbst dokumentiert ihre Arbeitszeit penibel und das seit Jahren. Während PCS Systemtechnik in den 70er-Jahren noch Stempeluhren produzierte, entwickelt es heute modernste Technik. „Es gibt nichts, was nicht möglich ist“, sagt Hajek. So hat die Firma längst Apps zur Zeiterfassung im Sortiment. Und die Geräte können schon lange mehr, als lediglich die Zeit erfassen. Je nachdem, was der Kunde wünsche, kann mit dem Chip die Identität und der Standort nachgewiesen, in der Kantine das Mittagessen oder an der Tankstelle das Benzin für den Firmenwagen bezahlt werden. 

300 000 solcher „Systemlösungen“, wie die Sprecherin es nennt, hat PCS Systemtechnik schon entwickelt. Zu den Kunden gehören Hugo Boss, Paulaner, Porsche Lindt, und Bionade. Mit einem Zweitsitz in Essen hat das Unternehmen, das mehrfach preisgekrönt ist, 125 Mitarbeiter. „Wir sind ständig auf der Suche nach zusätzlichen Mitarbeitern“, sagt Hajek. Der Umsatz des Giesinger Betriebs liegt bei mehr als 20 Millionen Euro.

Hanni Kinadeter

Was vorgeschrieben ist und welche Seite was will

Der mittelständische Betrieb PCS Systemtechnik aus Giesing ist ein Marktführer der Branche.

Im Arbeitszeitgesetz ist in Paragraf 16 vorgeschrieben, dass Überstunden dokumentiert werden müssen, nicht aber die normale Arbeitszeit. „Es gibt keine generelle Erfassungspflicht“, sagt David Schmitt vom DGB. „Flexiblen Zeitmodellen steht das Urteil nicht entgegen – es entstehen keine neuen Schranken.“ Allerdings, so Ute Hajek, ergibt sich mit dem Urteil eine neue Klagemöglichkeit für Arbeitnehmer. „Daher empfehlen wir, die Zeiten zu erfassen. Firmen, die das nicht tun, gehen das Risiko ein, später vor einem Arbeitsgericht zu unterliegen.“ 

Aber, räumt Hajek ein: „Das Urteil betrifft zwar die EU-Staaten. Doch wenn im jeweiligen Land bereits eine Rechtsnorm existiert, muss kein neues Gesetz ausgelegt werden.“ Deutsches Recht sticht also Europäisches. „Daher ändert sich bei uns erstmal nichts. Ob unser Arbeitsgesetz ergänzt oder anders umgesetzt werden muss, wird die Politik mit den Gerichten klären müssen“, sagt Hajek. 

Der DGB jedenfalls wird sich dafür stark machen, denn: „Der Gesundheitsschutz der Beschäftigten darf nicht unter die Räder kommen – wie leider viel zu oft“, warnt Schmitt. „Wer immer Überstunden macht, ständig erreichbar sein muss oder die Ruhezeit von elf Stunden nicht einhalten kann, dem droht das Risiko, wegen Krankheit früher aus dem Beruf auszuscheiden.“ 

Wenn es nach Bertram Brossardt von der Vereinigung der bayerischen Wirtschaft geht, sollte statt des EuGH-Urteils erstmal das deutsche Arbeitszeitgesetz an das digitale Zeitalter angepasst werden. „Die Antwort auf die Digitalisierung und die Arbeitswelt 4.0 kann nicht die Rückkehr zur Stempeluhr sein.“

Hanni Kinadeter

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