Pilotprojekt beim Anderwerk

Gassi gehen mit Superkräften – Autisten betreuen Hunde von vielbeschäftigten Herrchen

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Dagmar Hamann (l.) liebt Hunde – zusammen mit Heilpädagogin Anne Treutler betreut sie die Tiere. 

Im Anderwerk startet ein einzigartiges Projekt: Hundebesitzer können ihre Hunde in die Betreuung von Autisten geben - Menschen mit einem besonderen Blick auf die Welt.

Obergiesing – Die Räder der S-Bahn ächzen, der Motor rattert, darunter mischt sich schrilles Kichern, Gemurmel von Fahrgästen. Gleißend flackert das Licht. Laut, schrill und grell – S-Bahn-Fahren kann für Dagmar Hamann schnell zum Horrortrip werden. Denn ihre Welt ist anders. Lauter, intensiver, wirrer. Sie mag es, in der Natur zu spazieren, aber sie fürchtet die Menschen. Sie liebt Hunde. Aber sie mag es nicht, jemandem in die Augen zu sehen. 

Hamann ist 48 Jahre alt und Autistin, eine von 130 000 in Bayern. Seit Kurzem arbeitet sie bei einem einzigartigen Projekt in ganz Deutschland: Hamann betreut beim Anderwerk in Obergiesing Hunde. 

Die Diagnose war für sie eine Erleichterung 

„Endlich habe ich gewusst, warum ich anders bin“, erzählt sie. Das war ihr schon als Kind klar. Während die Mitschüler am Pausenhof Bälle kickten, hat Hamann sich nur gefragt: Warum rennen 22 Menschen einem einzigen Ball hinterher? Warum nimmt nicht einfach jeder seinen eigenen? 

Später, im Berufsleben hatte sie allerhand Probleme. Vier verschiedene Ausbildungen hat sie gemacht, alle gut beendet. Aber so richtig wohl gefühlt hat sie sich nicht. „Menschen stressen mich manchmal.“ Als Floristin war es ein täglich Kampf für sie, nach vorne in den Laden zu gehen. Und als die 48-Jährige eine Tischler-Lehre machte, saß sie oft heulend draußen auf einem Holzstapel. „Das strengte mich sehr an.“ 

Die Diagnose lieferte eine Erklärung

Ihr Gehirn filtert Reize anders – sie nimmt vieles intensiver wahr, kann Signale nicht einfach ausblenden. Inzwischen hat Hamann eine Einstufung, mit der sie 15 Stunden in der Woche einer betreuten Arbeit nachgehen kann. Und dafür das passendes Projekt beim Anderwerk gefunden. 

Es ist ein – eigenen Angaben zufolge – einzigartiges Projekt, das aufgebaut wird. Zwölf Arbeitsplätze für Menschen mit Autismus, die Sozialhilfe erhalten, sollen entstehen. „Das Interesse ist enorm“, sagt Bereichsleiter Uwe Schürch. „Ständig ruft wer an, der bei uns arbeiten will.“ Bloß die Hunde fehlen noch. Hundebesitzer können sie abgeben – ein Monat Ganztagsbetreuung Montag bis Freitag kostet 530 Euro, ein Tag 35 Euro. 

Heilpädagogen wie Anne Treutler sind beim Gassigehen dabei. Für Treutler sind Autisten „Menschen mit Superkräften“, die sie immer wieder überraschen. Einmal, erzählt sie, stand sie mit Hamann vor einem Schrank, bis oben gefüllt mit Cremes und Lotionen. „Sie hat sofort gesagt: Die dritte von links in der obersten Reihe stinkt. Unglaublich ihr Geruchssinn.“

Hanni Kinadeter

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