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Badesee und hohe Baudichte – Jury stellt Siegerentwurf fürs neue Viertel im Nordosten vor

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Für welchen Entwurf sich die 45 Preisrichter entschieden haben, stellten Jury-Chef Professor Markus Allmann (l.) und Stadtbaurätin Elisabeth Merk vor.

Das Planungsprojekt der Superlative – wie 600 Hektar im Nordosten künftig genutzt werden könnten. Was den Sieger des Ideenwettbewerbs auszeichnet und wie es jetzt weitergeht...

Bogenhausen – Es ist ein Projekt der Superlative – das Areal im Münchner Nordosten ist 600 Hektar groß. Die Planung für das Gelände, das zehn mal so groß ist wie die Bayernkaserne, ist ein echtes Mammutprojekt. „Ein Projekt in dieser Dimension betreut man nur einmal in seinem Leben“, sagte Stadtbaureferentin Elisabeth Merk, als sie die Siegerentwürfe vorstellte. Allein der Maßstab der Modelle zeige, dass es hier um eine ungewöhnliche Dimension geht. Statt wie üblich sind die Modelle nicht im Maßstab 1:1000, sondern 1:7500. 

45 Preisrichter – darunter Sachverständige wie Planer und Architekten sowie Politiker aus den BAs Bogenhausen und Trudering sowie dem Stadtrat – haben nun aus insgesamt 32 Arbeiten drei Siegerentwürfe ausgewählt. 

Der erste Preis geht an die Düsseldorfer „Rheinflügel Severin“ – in München kein unbekanntes Büro, sie hatten 2017 schon den zweiten Bauabschnitt Freiham-Nord entworfen. Laut Architektur-Professor Markus Allmann, Vorsitzender des Preisgerichts, haben vor allem diese Punkte überzeugt: „Der Entwurf hat eine sehr hohe Bebauungsdichte und deswegen viele Freiräume.“ Ein „Freiraum-Band“, also ein unbebautes Gebiet, verlaufe als ­­­grüne West-Ost-Diagonale durchs Viertel und verbinde bestehende Siedlungen mit neuen. In dieser Diagonale könnten Kleingärten und Sportanlagen entstehen. 

Bilderstrecke - SEM: 1ter Platz

Modellfoto - Variante für 10 000 Einwohner
Modellfoto - Variante für 10 000 Einwohner © Rheinflügel Severin
Übersichtsplan - Variante für 10 000 Einwohner
Übersichtsplan - Variante für 10 000 Einwohner © Rheinflügel Severin
Modellfoto - Variante für 20 000 Einwohner
Modellfoto - Variante für 20 000 Einwohner © Rheinflügel Severin
Übersichtsplan - Variante für 20 000 Einwohner
Übersichtsplan - Variante für 20 000 Einwohner © Rheinflügel Severin
Modellfoto - Variante für 30 000 Einwohner
Modellfoto - Variante für 30 000 Einwohner © Rheinflügel Severin
Übersichtsplan - Variante für 30 000 Einwohner
Übersichtsplan - Variante für 30 000 Einwohner © Rheinflügel Severin
Modellfoto - Vertiefungsbereich
Modellfoto - Vertiefungsbereich © Rheinflügel Severin
Übersichtsplan - Vertiefungsbereich
Übersichtsplan - Vertiefungsbereich © Rheinflügel Severin
Visualisierung
Visualisierung © Rheinflügel Severin

Den zweiten Preis hat die Jury an die Arbeit des Büros Cityförster aus Hannover vergeben (links). Diese zeichne sich laut Markus Allmann dadurch aus, dass sie einen stark „landschaftlich geprägten Ansatz“ habe. „Der Verfasser ist ehrlich mit der Dichte umgegangen“, lobte er, „und hat viele Detaillösungen geboten.“ Etwa, dass die Häuser über fünf Geschosse verfügen, geht aus seiner Arbeit hervor. Auch diese Arbeit verbinde die einzelnen Teile des Viertels – neue wie alte – sehr geschickt. 

Bilderstrecke - SEM: 2ter Platz

Modellfoto - Variante für 10 000 Einwohner
Modellfoto - Variante für 10 000 Einwohner © Cityförster
Übersichtsplan - Variante für 10 000 Einwohner
Übersichtsplan - Variante für 10 000 Einwohner © Cityförster
Modellfoto - Variante für 20 000 Einwohner
Modellfoto - Variante für 20 000 Einwohner © Cityförster
Übersichtsplan - Variante für 20 000 Einwohner
Übersichtsplan - Variante für 20 000 Einwohner © Cityförster
Modellfoto - Variante für 30 000 Einwohner
Modellfoto - Variante für 30 000 Einwohner © Cityförster
Übersichtsplan - Variante für 30 000 Einwohner
Übersichtsplan - Variante für 30 000 Einwohner © Cityförster
Modellfoto - Vertiefungsbereich
Modellfoto - Vertiefungsbereich © Cityförster
Übersichtsplan - Vertiefungsbereich
Übersichtsplan - Vertiefungsbereich © Cityförster
Visualisierung
Visualisierung © Cityförster
Visualisierung
Visualisierung © Cityförster
Visualisierung
Visualisierung © Cityförster
Visualisierung
Visualisierung © Cityförster

Den dritten Preis hat die Jury dem Stuttgarter Büro „Performative Architektur“ verliehen. Die Besonderheit: Die Planung eines Wassernetzes, der etwa den Hüllgraben mit einem See verbindet. Allerdings sei die Umsetzbarkeit aus Sicht der Jury nicht immer gegeben. 

Bilderstrecke - SEM: 3ter Platz

Modellfoto - Variante für 10 000 Einwohner
Modellfoto - Variante für 10 000 Einwohner © Performative Architektur
Übersichtsplan - Variante für 10 000 Einwohner
Übersichtsplan - Variante für 10 000 Einwohner © Performative Architektur
Modellfoto - Variante für 20 000 Einwohner
Modellfoto - Variante für 20 000 Einwohner © Performative Architektur
Übersichtsplan - Variante für 20 000 Einwohner
Übersichtsplan - Variante für 20 000 Einwohner © Performative Architektur
Modellfoto - Variante für 30 000 Einwohner
Modellfoto - Variante für 30 000 Einwohner © Performative Architektur
Übersichtsplan - Variante für 30 000 Einwohner
Übersichtsplan - Variante für 30 000 Einwohner © Performative Architektur
Modellfoto - Vertiefungsbereich
Modellfoto - Vertiefungsbereich © Performative Architektur
Übersichtsplan - Vertiefungsbereich
Übersichtsplan - Vertiefungsbereich © Performative Architektur
Visualisierung
Visualisierung © Performative Architektur

Der Badesee – den alle drei Siegerentwürfe einplanen – ist eine Art Verbindung zwischen Neubau- und Landschaftsgebiet beim Hüllgraben. Außerdem lasse dieser Entwurf im Osten eine große Fläche frei – die nicht bei der Variante für 10 000 Einwohner, nicht bei jener für 20 000, sondern erst bei einer Bebauung für 30000 Einwohner bebaut wird. Denn jedes der Entwicklerteams musste für alle drei Varianten eine Planung erstellen – diese bauen aufeinander auf. Das heißt: Theoretisch wäre es möglich, das Gebiet zunächst für 10 000 Einwohner zu errichten und später nachzuverdichten. 

Zu Beginn des Verfahrens waren es 32 Büos, aus denen im Juli 2019 neun ausgewählt wurden. Diese Büros erarbeiteten in der nächsten, also zweiten, Wettbewerbsstufe genauere Planungen und Modelle. Nun wurden daraus drei Arbeiten prämiert. Die Preisrichter diskutierten anderthalb Tage lang. 

Aus Bogenhausen nahmen BA-Chefin Angelika Pilz-Strasser (Grüne) sowie BA-Vize Robert Brannekämper (CSU) teil. Dass nun ein Siegerentwurf gekürt wurde, bedeutet aber keineswegs, dass es jetzt einen Entwurf für den Nordosten gebe, oder eine Planung, nach der gebaut werden soll. „Das ist in einer so frühen Phase noch nicht möglich“, sagte Merk. Stattdessen geben sie dem Stadtrat eine Empfehlung. Der erste Preis ist also eher eine Art Grundlage, auf der basierend nun ein Bürgerdialog stattfinden soll und später eine Beschlussvorlage für den Stadtrat ausgearbeitet werden soll. Dort komme der Nordosten aber erst nach den Kommunalwalen auf den Tisch. 

Was Kritiker und Befürworter der SEM dazu sagen

Der Daglfinger Landwirt Johann Oberfranz, der zur Initiative „Heimatboden“ gehört, ist hörbar resigniert. Nein, zufrieden ist er nun wirklich nicht. „Das Ganze ist stramm geplant, eine Erschließung sehe ich nicht wirklich“, sagt er und schimpft über Fehler, die im Juli beim Verfahren unterlaufen sind. „Da standen in den Entwürfen die Namen der Eigentümer bei den Grundstücken dabei“, sagt er entrüstet. „Ich hoffe, dass diesmal unsere Privatsphäre geschützt wird.“ 

Landwirt Johann Oberfranz von der Initiative „Heimatboden“.

Was ihn aber freut: „Wir bekommen Unterstützung aus ganz Deutschland.“ Ziel von "Heimatboden" ist es, eine SEM zu stoppen. Nach Oberfranz’ Ansicht laufe es ohnehin auf ein juristisches Verfahren hinaus. 

Dieser Ansicht ist auch Daniela Vogt vom Bündnis Nordost, das eigenen Angaben zufolge 200 Mitglieder hat. Das Problem dabei in ihren Augen: „Wenn es vor Gericht kommt, können erstmal Jahre vergehen, bis sich etwas tut.“ Vogt, die selbst im Nordosten wohnt, war „schockiert und sprachlos“ als sie von den Ergebnissen erfahren hat. „Es wird so dicht an den Hüllgraben gebaut, das passt doch überhaupt nicht damit zusammen, dass das Gebiet hinter dem Hüllgraben als Landschaftsschutzgebiet ausgezeichnet werden soll – das ist überall die gleiche Landschaft.“ 

Daniela Vogt vom Bündnis Nordost.

Das Bündnis vertrete nach wie vor die Meinung, dass auf keinen Fall für mehr als 10 000 Einwohner neugebaut werden solle. „Und selbst das geht erst, wenn ein S-Bahn-Tunnel vorhanden ist“, sagt Vogt. Die Daglfingerin bemängelt vor allem: die Bebauung sei zu dicht geplant, die Häuser zu hoch, die Erschließung ungenügend und der landschaftliche Charakter gefährdet. 

Ganz anders indes sieht Christian Stupka, Sprecher der Initiative ProSEM die Angelegenheit. „Die Ergebnisse zeigen, dass ein neuer lebendiger Stadtteil für 30 000 Einwohner landschaftlich gut integrierbar ist, weil die kompakte Bebauung sparsam mit den Flächen umgeht“, sagt er und folgt damit der Einschätzung des Preisgerichts. 

Christian Stupka, Sprecher der Initiative ProSEM

Er ist überzeugt: „So können vielfältige Angebote entstehen, von denen alle Münchner profitieren: die Wohnungssuchenden ebenso wie die Nachbarschaft.“ Aus Sicht des Bündnisses ProSEM kommt sogar nur jene Variante mit einer Bebauung für 30 000 Einwohner in Frage. Die SEM sei außerdem die einzige Möglichkeit, preiswerten Wohnraum zu schaffen. Daher fordert das Bündnis, der neue Stadtrat solle so rasch als möglich eine SEM beschließen.

So geht es jetzt weiter

Am Montag, 3. Februar, 18 Uhr wird eine Ausstellung eröffnet, die alle Arbeiten zeigt. Zwischen Dienstag, 4. Februar, und Sonntag, 16. Februar, sind diese täglich von 14 bis 19 Uhr zu sehen, an Samstagen und Sonntagen ab 12 Uhr. Der Stadtrat behandelt die Entwürfe erst nach den Wahlen. 

Hanni Kinadeter

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