Hospiz-Koordinatorin berichtet

Weisheiten im Angesicht des Todes: Was man von Sterbenden fürs Leben lernen kann

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Marion Jettenberger begleitet gut 120 Menschen pro Jahr auf deren letzten Lebensweg.

So schnell zieht das Leben an einem vorbei, wenn man von Arbeit, persönlichen Pflichten und weiterem Trubel umgeben ist. Viele halten deshalb erst am Sterbebett inne...

Au – Marion Jettenberger lebt mit dem Tod. Als Kind vom Land war es für sie völlig normal, dass ihre Uroma von der Familie bis zum Lebensende gepflegt wurde. Heute begleitet Jettenberger als Koordinatorin des Ambulanten Hospizdienstes Gauting jedes Jahr etwa 120 Menschen beim Sterben.

„Ich habe den Tod nie als etwas Erschreckendes empfunden“, so die 38-Jährige, die in der Au lebt. „Und die Arbeit mit Sterbenden gibt mir unheimlich viel inneren Frieden, dabei kommt so viel Seeliges, Weises rüber.“ 

Was sie von Sterbenden über das Leben gelernt hat, hat Jettenberger jetzt in einem Ratgeber niedergeschrieben. „44 Lebensweisheiten Sterbender“ ist nicht ihr erstes Werk – sie hat bereits über 20 meist sachliche Bücher über Altenpflege, Demenz oder Depression geschrieben. „Aber es ist das erste dieser Art.“

„Löse Konflikte“, „Lebe deine Talente“, „Nimm Hilfe an“: Jede der 44 Lebensweisheit hat Jettenberger aus ihren Erlebnissen bei der Sterbebegleitung abgeleitet. „Das sind alles Fälle aus den letzten 15 Jahren, die mir noch immer sehr präsent sind, zum Beispiel weil jemand so alt war wie ich. Ich habe mir immer wieder etwas notiert. Das Schreiben ist wie ein Trauerritual für mich.“ 

So erzählt Jettenberger von Ellen, deren Gesicht durch Krebs entstellt wurde – und der Hospiz-Koordinatorin mit auf den Weg gab, sich keine Gedanken um eine verwischte Wimperntusche zu machen. Von Frederik, der vor seinem Tod fast all sein Hab und Gut verschenkte, weil er es im Sarg nicht brauchen würde. Oder von Olga, die sich am Lebensende nach Freundschaften sehnte, die sie selbst nicht gepflegt hatte. 

„Man lernt von den Sterbenden, was wesentlich im Leben ist: Dass man sich selbst nicht immer wichtig nehmen sollte und nicht erst am Sterbebett sagen sollte, wen man liebt.“ Während Arbeit, Hausbau und Kindererziehung uns oft davon abhalten würden, innezuhalten, „kehrt man am Ende Stück für Stück zu seinem Kern zurück.“

Sie habe das Buch nicht geschrieben, um Geld zu verdienen, betont Jettenberger „Ich habe meinen Job.“ Sie will Menschen dazu anregen, ihr Leben bewusst zu leben. Und die Hospizarbeit voranbringen.

Im Ambulanten Hospizdienst Gauting, koordiniert Jettenberger zwar inzwischen 45 ehrenamtliche Hospizhelfer. „Aber ich glaube, dass es in der Stadt wesentlich weniger Zulauf zu solchen Diensten gibt, das sollte sich ändern.“

Romy Ebert-Adeikis

Der ambulante Hospizdienst

Seit 2006 gibt es den Ambulanten Hospiz- und Palliativberatungsdienst in Gauting, der in der Trägerschaft der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde steht. Gegründet hat ihn die Palliativärztin und Psycho-Onkologin Dr. Carolin Riedner. 

Derzeit kümmern sich 45 Ehrenamtliche um Schwerstkranke und deren Angehörige in Gauting und Umgebung. Außerdem bietet die Einrichtung eine Palliativberatung (auf Anfrage) sowie eine Trauergruppe an. Diese trifft sich jeden zweiten Donnerstag im Monat um 18.30 Uhr im Pfarrheim St. Benedikt.

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