Die Zirkus-Kamele von nebenan

Seit Monaten ist Circus Baldoni zum Warten auf Auftritte verdonnert – er gehört schon zum Viertel

Ramona Richter und Zirkus-Chef Anton Kaiser trainieren mit den Kamelen Achmed und Zeus auch in der Corona-­Zeit.
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Ramona Richter und Zirkus-Chef Anton Kaiser trainieren mit den Kamelen Achmed und Zeus auch in der Corona-­Zeit.

Der Cirkus Baldoni ist von der Corona Krise hart getroffen. Seit Monaten sitzt der Zirkus in Bogenhausen fest. Das Viertel unterstützt die Familie mit Spenden.

Zeus schüttelt sich, Achmed streckt den Kopf in die Kamera. Die Kamele gehören quasi ins Stadtbild – sie sind Teil der Nachbarschaft geworden. „Wir sind hier beinahe sesshaft. Unglaublich, wo wir doch solche Vagabunden sind“, sagt Anton Kaiser, Chef des Circus Baldoni. Seit 2. März stehen die zwölf Wohnwagen des Familienzirkus nämlich in Bogenhausen, direkt vor dem Cosimawellenbad.

„Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich so lange an einem Ort bin“, sagt Kaiser. Zwei, drei Wochen – in Ausnahmen auch mal sechs – bleibt der Zirkus sonst an einem Platz, bis er weiterzieht, um woanders aufzutreten. Corona hat diese Routine freilich gehörig durcheinander gebracht. Aufführungen sind schon lange verboten. „Seit Monaten hatten wir keine Auftritte zum Geldverdienen mehr“, sagt der 48-Jährige.

Circus Baldoni sitzt in Bogenhausen fest: Das Viertel zeigt Unterstützung

Er und seine Zirkusfamilie – zu der auch Ponys, Lamas und Ziegen zählen – leben von Spenden und Hartz IV. Die Tafel bringt den Tieren Obst oder Gemüse, Nachbarn kommen mit Brot und Milch. „Wir sind wahnsinnig gut im Viertel aufgenommen worden – ich bin sehr dankbar dafür“, sagt Kaiser. Landwirte schenken ihnen Heu. Im Gegenzug bringen Kaiser und sein Team Mist zum Düngen vorbei.

Auch die Stadt unterstützt den Zirkus: „Sie erlässt uns einen Großteil der Pacht“, sagt Ramona Richter, die für den Circus Baldoni arbeitet. Dass die Krise auch die Existenz des kleinen Familienbetriebs, der in siebter Generation besteht, bedroht und die Zukunft völlig ungewiss ist – das ist dem Direktor nicht anzumerken. „In den vergangenen 30 Jahren hat es immer funktioniert – das wird es jetzt auch“, sagt er.

Trotz Krise: Zirkuschef gibt die Hoffnung nicht auf

Obwohl: „Die ersten vier, fünf Wochen nach dem Auftritts-Verbot konnte ich nicht mehr schlafen“, erzählt Kaiser. Seither versucht er, das Beste draus zu machen: Während des „Sommers in der Stadt“ gab es Gratis-Vorführungen zum Dank an die Bogenhauser, alle Wagen wurden auf Vordermann gebracht und seither ist der Zirkus startklar.

„Wir können sofort loslegen, sobald es erlaubt ist“, sagt Kaiser. Vor März rechnet er allerdings nicht damit. Ob der Zirkus bis dahin vor dem Cosimawellenbad bleibt, ist ungewiss. „Wir wissen nicht, wie es weitergeht“, sagt Kaiser.

Damit ist er nicht allein – so ergeht es in München gerade vielen Zirkussen. Auch der Zirkus Sorento sitzt gerade in Untermenzing fest.

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