Pilot-Wohnen in der Au

So lebt es sich in Münchens erster integrativer WG

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Ehemalige Heimkinder, Familien mit Betreuungsbedarf und Studenten oder Azubis leben in der Au gemeinsam unter einem Dach.

Au – Die meisten von ihnen haben eine schwere Zeit hinter sich – „Wohnen in der Au“ ermöglicht Waisen, Teenagern, Familien mit Betreuungsbedarf und ohne, unter einem Dach zu leben

In der Pfanne bruzelt Gemüse, im Kochtopf brodelt Wasser mit Spiralnudeln – es ist ein Abend im „Wohnen in der Au“ (Wida), an dem die gut 30 Bewohner des Hauses gemeinsam essen.

„Unser Projekt ist eine Besonderheit“, sagt die Bereichsleiterin Silvia Hofmann. Denn in der Wohnanlage am Herrgotts­eck leben ehemalige Heimkinder, Waisen sowie auch Familien mit Betreuungsbedarf unter einem Dach mit Studenten und Azubis. „Das hier ist die letzte Station, bevor die jungen Menschen aus der Jugendhilfe in die Selbständigkeit gehen – warum sollen sie nur unter sich bleiben“, sagt Hofmann. Viele von ihnen sind als Kinder ins Heim gekommen.

„Es war schwierig zuhause“ ist ein Satz, der öfter an diesem Abend fällt. Was das bedeutet, darüber kann Hofmann Auskunft geben. „Meistens kommen Kinder in eine stationäre Einrichtung, wenn die Eltern durch eine schwierige Lebensphase gehen und körperlich oder psychisch krank sind, ein Suchtproblem haben, keinen guten Umgang oder mangelnde Erziehungskompetenz.“ 

Viele Kinder wurden geschlagen oder misshandelt, andere mussten in verdreckten Wohnungen leben oder es gab niemanden, der sie aufzog. Trotzdem ist ihnen allen Eines gemeinsam: „Alle Kinder lieben ihre Eltern und viele wollen wieder nachhause“, sagt Hofmann.

Doch die jungen Erwachsenen, zwischen 18 und 21 Jahren, die in der Au wohnen, sind zufrieden. „Ich dachte nicht, dass es so gut ist“, sagt etwa Hasan (Namen der Bewohner geändert). „Sie helfen mir mit meinen Problemen.“ Der 20-Jährige hat noch keine Ausbildung abgeschlossen, die Wida-Sozialpädagogen haben ihn begleitet, damit er eine „berufsvorbereitende Maßnahme“ ergreift.

Sozialpädagogen unterstützen die Jugendlichen im Alltag

Thomas hingegen lebt in einer Vierer-WG in der Anlage und arbeitet als Fachinformatiker. Seit jeher leidet er an einer Cerebralparese, also an einer Bewegungsstörung.

Als Thomas ein Teenager ist, verlässt seine Mutter ihn und ihren Partner. Dem Vater ist das zu viel, er versucht, sich das Leben zu nehmen und landet in der Psychiatrie – der damals 15-jährige Thomas im Heim.

Was ihm an Wida besonders gefällt: „Hier nehmen mich alle, wie ich bin und sehen mich auch nicht als behindert oder so an“, erzählt er. Denn zwischenzeitlich lebte er in einer Einrichtung für Menschen mit Cerebralparese – aber der junge Mann hat sich noch nie damit identifiziert. „Ich habe mich noch nie behindert gefühlt und früher immer mit gesunden Menschen gelebt – das wollte ich nicht ändern.“

Summer – so will die junge Frau mit den langen dunklen Haaren am liebsten heißen – hingegen will eigentlich gar nicht mehr ausziehen. „Ich bleibe hier, bis ich 80 bin“, sagt sie leise und lächelt. Sie ist mit 13 ins Heim gekommen, weil es zuhause „schwierig“ war.

Wie die meisten hier pflegt sie mit ihrer Mutter, die in München lebt, guten Kontakt. Aber alleine zu leben – das traut sie sich noch nicht zu. „Es ist bei allen unterschiedlich“, sagt Hofmann. „Manche kommen aus den Heimgruppen, ziehen in eine eigene Wohnung, arbeiten und kommen gut zurecht – andere brauchen Unterstützung.“ Ob bei Formularen, Anträgen oder dabei, mit Geld umzugehen und die Wohnung sauber zu halten, ist unterschiedlich.

Bereichsleiterin Silvia Hofmann (rechts) mit ihren Wida-Kolleginnen.

Hanni Kinadeter

Heimkinder in München

Derzeit leben in München knapp 2500 junge Menschen in einer stationären Einrichtung der Jugendhilfe, also im Heim (Stichtag Ende Dezember 2018). Die Zahl ist in den vergangenen Jahren gestiegen, da viele unbegleitete minderjährige Flüchtlinge dazugekommen sind. Ohne diese ist die Zahl jedoch weitgehend konstant, wie das Sozialreferat mitteilt. 

Die Unterbringung im Heim sei der letzte Weg – vorher versuche man, die Eltern zu einer Erziehung zu befähigen. Die häufigsten Gründe für eine Heimunterbringung sind demnach Vernachlässigung, körperliche und psychische Misshandlung sowie sexuelle Gewalt oder Ausfall der Eltern durch Erkrankung.

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