Bernd musste sein Lager aufgeben: Das plant der Obdachlose jetzt

Die Brücken-Räumung – (S)Eine Chance

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Fluch und Segen zu gleich: Gerade schläft Bernd in einer Wohnung statt unter der Brücke.

Untergiesing/Au – Seit die Obdachlosen-Lager unter den Brücken an der Isar geräumt wurden, schläft der 65-jährige Bernd in einer Kellerwohnung – Hallo hat mit ihm gesprochen

Drei Jahre lang hat Bernd unter der Wittelsbacherbrücke gelebt, auch in Wintermonaten, drei Zehen sind im abgefroren, zweimal wurde er überfallen, einmal geschlagen, während er schlief. Eine Schramme am Kopf ist das Zeugnis des letzten Angriffs, ganz ist die Platzwunde noch nicht verheilt.

Doch damit ist nun Schluss: Seit das Lager unter der Brücke am 29. November ebenso wie jenes unter der Reichenbach- brücke geräumt wurde, hat er nie wieder dort übernachtet.

Stattdessen schläft Bernd nun in der Kellerwohnung eines Freundes und potenziellen Geschäftspartners. Denn Bernd hat große Pläne: Er will mit einem Unternehmen Geld machen, eine eigene Wohnung mieten und eines Tages sogar kaufen. Die Räumung – Fluch und Segen für den 65-Jährigen also zugleich. „Viele Sachen von mir wurden einfach weggeschmissen, wichtige Bücher und alte Möbel“, ärgert sich Bernd. „Den Tag vergesse ich nicht.“

Das Kälteschutzprogramm kam für Bernd nicht in Frage. „Das ist nichts für mich, die Leute dort sind meistens sehr bildungsfern“, bemängelt der Obdachlose. Er selbst liebt es zu lesen. Zu nahezu jedem Anlass weiß er passende Verse von Poeten, Philosophen oder Schriftstellern zu rezitieren.

Dabei hat er vor allem im handwerklichen Bereich und im Verkauf Ausbildungen gemacht und gearbeitet. 34 Jahre lang zahlte er Miete. Dann – kurz zuvor war seine goße Liebe gestorben – erkrankte er, konnte nicht arbeiten, verlor die Wohnung und landete binnen kürzester Zeit unter der Brücke.

Seine Biografie liest sich wie ein Drama: Aufgewachsen ist Bernd in einem Waisenhaus in der DDR, nachdem die Mutter jung an Krebs gestorben war. Als der Junge über eine West-Organisation seinen Vater in München ausfindig machte und ausreisen wollte, landete er wegen „staatsfeindlicher Kontaktaufnahme“ im Knast. Die BRD kaufte ihn nach einiger Zeit frei, Bernd zog nach München, machte eine Ausbildung und arbeitete als freiberuflicher Direktverkäufer. Jetzt, so hofft er, könne sich sein Blatt wenden – dank einer Geschäftsidee, von der er selbst zumindest restlos überzeugt ist. „Es geht um Gesundheit, Gemeinschaft und Geld“, sagt er – mehr will Bernd nicht verraten.

Hanni Kinadeter

Deswegen räumt die Stadt die Brücken-Lager

„Wildes Campieren ist in München grundsätzlich nicht gestattet“, sagt Hedwig Thomalla vom Sozialreferat. „Wir räumen auch, um die Menschen vor der Kälte zu schützen.“ Einige, die unter der Brücke lebten, sind nun in der Bayernkaserne, andere kehrten in ihr Heimatland zurück. Derzeit seien viele Plätze in der Notunterkunft frei: von 850 Schlafplätzen sind nur 300 belegt. „Das Hilfssystem hier funktioniert sehr gut“, sagt sie. So sei in München noch nie ein Obdachloser erfroren.

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