In Erinnerung

80 Jahre nach dem Hitler-Attentat: Lesung zu Ehren Georg Elsers

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So sah es im Bürgerbräukeller in Haidhausen aus, nachdem die Bombe explodiert war. Georg Elser hat sich nachts im Wirtshaus einsperren lassen und sie gebaut. Als Hermann Wilhelm in den 80er Jahren eine Ausstellung über ihn schuf, brach er damit ein Tabuthema.

Einst ein Tabuthema, um das sich zahlreiche Theorien und Spekulationen wanden... Jetzt spricht man im Viertel über Georg Elsner und seine Tat...

Haidhausen – Es sind nur wenige Minuten, über die allerhand spekuliert wurde. 13 Minuten zuvor hatte Hitler 1939 den Bürgerbräukeller in Haidhausen verlassen. Dann explodierte die Bombe in der Säule, die acht Menschen in den Tod riss – aber nicht Hitler, den Georg Elser eigentlich hatte treffen wollen.

Hätte er den zweiten Weltkrieg verhindern können? Mit solchen Spekulationen wollen sich Hermann Wilhelm und Wilhelm Beck nicht lange aufhalten. Sie veranstalten am kommenden Sonntag, 13. Oktober, eine Matinée, die sie dem Attentat widmen. 

Beck – Schauspieler und Mitglied im BA des Viertels – wird dabei aus den Verhör-Protokollen der Gestapo vorlesen. „Es ist erschreckend, Elser wurde gefoltert und gequält und in den Protokollen steht alles ganz trocken und nüchtern“, sagt der 70-jährige Haidhauser.

Georg Elser riss mit seiner Bombe im Jahre 1939 acht Menschen in den Tod.

Trotzdem sind die Protokolle für Franz Hirth eine Erleichterung. Er ist Georg Elsers Neffe, ist im vergangenen Jahr 90 geworden und lebt in Stuttgart. „Vorher gab es so viele Theorien“, sagt er. „Für mich und meine Familie war es eine große Erleichterung, als die Protokolle entdeckt wurden.“

Hirth erinnert sich ganz genau daran, dass der Onkel sich am 7. November 1939 noch bei ihm verabschiedete – und er ihn dann nie wieder sah. Stattdessen wurde er selbst wenige Tage später mit seinem Vater von der SA abgeholt – der Vater kam ins Gefängnis, der Junge ins Heim. Noch heute halten ihn die schrecklichen Erinnerungen an die Zeit nachts wach. 

„Es ist immer eine Anstrengung, wenn ich mich mit dem Thema beschäftige – die ganzen Ereignisse habe ich nie richtig verarbeitet“, erzählt er. „Nach dem Zweiten Weltkrieg ist die Akte Elser erstmal in der Schublade gelandet – 50 Jahre lang folgte Schweigen.“ Für ihn und seine Familie eine immense Belastung. „Meine Mutter konnte ich gar nichts mehr fragen, sie war wirklich fertig.“

Auch in München war Elsers Attentat, bei dem sieben Nazi­-Offiziere und eine Haidhauser Kellnerin ums Leben kamen, absolutes Tabuthema. Bis Hermann Wilhelm, der Leiter des Haidhausen-Museums, gemeinsam mit zwei Kollegen das Schweigen brach. Sie organisierten in den 80er Jahren eine Ausstellung, befragten Zeitzeugen und begannen, das Attentat aufzuarbeiten. 

„Das war eine Sensation, ein echter Aufreger“, erinnert sich Hermann Wilhelm. „Menschentrauben drängelten sich vor dem Museum, so etwas hat es vorher nie gegeben.“ Und kurze Zeit später beauftragte das Kulturreferat ihn damit, eine größere Ausstellung zu organisieren, die dann im Gasteig gezeigt wurde – etwa zur gleichen Zeit, als auch der erste Kinofilm über Georg Elser gedreht wurde.

Für Franz Hirth eine durchaus positive Entwicklung: „Ich bin froh, endlich darüber sprechen zu können.“ Seither hält er Vorträge an Schulen, war in München zu Gast und hat auch in diesen Tagen einen prall gefüllten Terminkalender.

Für Hermann Wilhelm steht eines fest: „Alle waren damals mit der Geschichte verflochten“, sagt er. Ob es die Kellnerinnen aus dem Bürgerbräukeller waren, die verhört wurden, oder Münchner, deren Angehörige bei dem Attentat ums Leben kamen. „Das waren so emotionale Themen, jeder war irgendwie betroffen, deswegen wollte erstmal keiner darüber sprechen.“

Hanni Kinadeter

Die Matinée

Schauspieler Wilhelm Beck nimmst selbst an der Veranstaltung teil.

Am Sonntag, 13. Oktober um 11 Uhr findet die Veranstaltung zu Georg Elser im Kim-Kino, Einsteinstraße 42, statt. Schauspieler Wilhelm Beck liest dabei aus den Original-Gestapo-Protokollen. Hermann Wilhelm gibt zudem Hintergrundinfos und zeigt einen Film über Elser.

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