Im siebten Münchner Brauhimmel

Von einer Untergiesinger Garage zur zweitgrößten Privatbrauerei der Stadt – und bald auf die Wiesn?

Steffen Marx, der Gründer von Giesinger Bräu.
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Steffen Marx, der Gründer von Giesinger Bräu.
  • Benedikt Strobach
    VonBenedikt Strobach
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Nur wenige Brauereien dürfen sich „Münchner Brauerei“ nennen. Die neueste ist Giesinger Bräu, deren Gründer Steffen Marx zum 15-jährigen Bestehen seine Pläne vorstellt und wie er zum Brauen gekommen ist.

Augustiner, Hacker-Pschorr, Hofbräu, Löwenbräu, Paulaner und Spaten waren jahrzehntelang die sechs Münchner Brauereien. Nur sie stellten bisher ein Original „Münchner Hell“ auf Münchner Boden und mit Münchner Grundwasser her.

Nun gibt es Zuwachs: Giesinger Bräu produziert jetzt auch ein eigenes „Münchner Hell“ – mit Wasser aus dem eigenen Tiefbrunnen am Werk2 in der Lerchenau. Damit schreibt die Brauerei von Gründer Steffen Marx ihre Erfolgsgeschichte weiter – pünktlich zum 15-jährigen Bestehen. Mit Hallo hat er über Anfänge, Schwierigkeiten und die Wiesn gesprochen.

Steffen Marx (44), Gründer von Giesinger Bräu, von A bis Z

Auswahl: Das Münchner Hell ist unsere 14. Marke im Sortiment. Mit saisonalen Angeboten, wie dem Winterdoppelbock, sind es sogar einige mehr.

Biertrinken habe ich erst in meiner Zeit in der Bundeswehr gelernt. Die ersten 20 Jahre meines Lebens habe ich alkoholfrei gelebt.

Corona: Die Pandemie haben wir tatsächlich ziemlich gut weggesteckt. Einmal mussten wir kurz Überbrückungshilfen beantragen. Ärgerlich war auch, dass wir unseren Anfang 2020 eröffneten Steh-Ausschank am Viktualienmarkt nach nur zwei Monaten wieder schließen mussten.

Distanz: Unsere Biere wandern im regionalen Kreis bis zu 150 Kilometer weit. Wir liefern etwa bis nach Regensburg. Aber vereinzelt gehen Ladungen auch international, wie nach Tirol. Kürzlich haben wir 25 Paletten unseres Märzen sogar nach Schweden und Norwegen geschickt.

Erhellung: Unser erstes richtiges Bier. Seit 2006 stellen wir es her. Die Besonderheit: Es ist ein unfiltriertes Helles. Wir hatten damals nämlich keine Filteranlage in der Garage. 

Friedhof: Wenn sich eine Bier­idee von uns nicht am Markt durchsetzt, müssen wir sie aus dem Sortiment nehmen. Dafür wollen wir künftig bei Führungen im Lerchenauer Werk einen „Friedhof“ einrichten, wo man ihnen gedenken kann.

Gummistiefel: Acht Paare besitze ich. Ich würde sie auch zur Tracht am Wiesn­anstich tragen. Vor ein paar Jahren war ich mit anderen Brauern mal in Erlangen beim Innenminister Joachim Herrmann eingeladen. Erst haben mich dort alle belächelt. Als es abends aber in Strömen zu regnen anfing, konnte ich ohne Probleme durch den Schlamm stapfen. 

Heilig-Kreuz-Kirche: Sie ist Giesings Wahrzeichen. Wir drucken sie seit unserem Anfang auf unseren Etiketten ab. Die Kirche war bis zur Errichtung des Olympiaturms der höchste Aussichtspunkt in München.

Innovator: Die benachbarte evangelische Lutherkirche hatte sich bei uns beschwert, warum sie nicht auf unseren Etiketten zu sehen sei. Als Lösung haben wir ihr Bild auf unser Starkbier „Innovator“ gedruckt.

Jährlich produzieren wir in beiden Werken nun 25 000 Hektoliter Bier. Diesen Wert wollen wir bald auf 35 000 erhöhen. Damit würden wir ein Prozent des Bierbedarfs in Stadt und Landkreis München decken.

Kräuterbier: Noch vor unserem ersten richtigen Bier haben wir Kräuter- und Fruchtbiere hergestellt. Damals nannten wir uns noch „Bierlaboratorium“. Erst mit dem Umstieg zu Erhellung und Weißbier kam der Name Giesinger Bräu.

Löwe: Ich persönlich bin Fan vom TSV 1860 München. In unserem Stüberl oder im Werk2 sind aber auch FC Bayern-Anhänger willkommen.

Münchner Brauerei: Durch unser Münchner Hell sind wir nun die siebte Münchner Brauerei. Damit schaffen wir die Augenhöhe zu den großen Brauereien der Stadt. 

Neue Ideen: Wir wollen bis nächstes Jahr ein alkohol­freies Bier auf den Markt bringen. Ein eigenes Spezi fände ich auch eine gute Idee.

Obergiesing: 2014 sind wir in unsere Brauerei in Obergiesing umgezogen. Wir hatten nur die Umbaukosten gewaltig unterschätzt. Statt zwei waren es 3,8 Millionen Euro. Ohne unser damaliges Crowdfunding hätte uns das zerlegt.

Pils: Neben der Erhellung trinke ich am liebsten unser Feines Pilschen. Mit seinen 5,5 Prozent Alkoholgehalt wirkt das aber sehr schnell.

Qualitäten eines „Münchner Hell“ neben Münchner Wasser und Luft sind: Die Stammwürze muss zwischen 11,4 und 11,9, der Alkoholgehalt zwischen 4,7 und 5,4 Prozent liegen. Die Bitterstoffe sollen zwischen 14 und 25 Einheiten (IBU) liegen. Das erfüllen wir mit einer Stammwürze von 11,8, einem Alkoholgehalt von 4,8 Prozent und 18 IBU.

Rebellen wurden wir früher oft genannt. Damals waren wir frecher als heute. Als Aprilscherz haben wir 2013 behauptet, wir kämen auf die Oide Wiesn. Mit Spatenstich-Foto auf der Theresienwiese.

Slogan: Den Spruch „Aus Giesing. Logisch.“ haben wir geprüft, seitdem wir unser Bier hauptsächlich in der Lerchenau herstellen. Deshalb drucken wir jetzt die Herstell-Adresse auf die Flaschen. Und mit unseren zwei „Giesing“-Ortsschildern am Eingang des Werks an der Detmoldstraße lügen wir auch nicht.

Team: Zu zweit haben wir 2006 mit dem Bierbrauen angefangen. Heute sind es mit Stüberl, Brauerei und Werk in der Lerchenau 50 Mitarbeitende. Außerdem haben wir knapp 10 000 Stammkunden und Investoren.

Ursprünglich komme ich aus Thüringen, aufgewachsen bin ich in Mecklenburg-Vorpommern. Seit 1999 lebe ich in München, heute in Harlaching.

Vermessungswesen habe ich zuerst studiert. Später bin ich auf Brauwesen umgestiegen. Nachdem ich aber feststellen musste, dass beides im Prinzip das gleiche Grundstudium war, habe ich auch das hingeschmissen. Zusammen mit dem Braumeister Tobias Weber habe ich dann 2006 auf eigene Faust mit dem Brauen angefangen. In einer Garage in Untergiesing.

Wiesn: Um auf dem Oktoberfest ein großes Zelt zu betreiben, müssten wir in zwei Wochen 7000 Hektoliter Bier produzieren. In einem Jahr sind das 168 000. Bei kleinen Zelten sind es 1500 Hektoliter. Das könnten wir eher schaffen. Aber in den nächsten fünf Jahren wird das erstmal kein Thema sein. Wir wollen aber in den nächsten Jahren auf Dorffesten testen, ob wir solchen Kapazitäten gewachsen sind.

X-mal bekommen wir die Wiesn-Frage gestellt. Mittlerweile kann jeder, der hier arbeitet, sie so wie ich beantworten.

Yes zum Crowdfunding. Investoren unterstützen uns finanziell und erhalten dafür sechs Prozent Zinsen in Verzehr-Gutscheinen für unser Stüberl und den Verkauf. Ein Vorteil für beide Seiten.

Zapfanlage: Meine Empfehlung an alle Neu-Brauer: Besorgt euch eine eigene Zapfanlage. Damit macht man früh großen Gewinn.

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