Tierärztin muss Praxis schließen 

München: Miet-Schock in Giesing - Aus für Tierarztpraxis

Tierärztin Ingrid Ellinger-Hauber mit ihrem Hund Paula.
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Tierärztin Ingrid Ellinger-Hauber mit ihrem Hund Paula.

München/Giesing: Wegen einer Mieterhöhung von 1000 Euro muss eine Tierarztpraxis schließen. Für den Mieterverein München sind der Investor & seine Firma keine Unbekannten.

Oberärztin Paula steht auf dem Halsband. Wenn es klingelt, schnüffelt Paula kurz und tapst wieder ins Behandlungszimmer. Die elfjährige Bulldoggen-Dame kennt sich aus in der Praxis, jeden Tag begleitet sie ihr Frauchen, Tierärztin Ingrid Ellinger-Hauber, zur Arbeit. Seit 15 Jahren kümmert sich Ellinger-Hauber in ihrer Praxis am Hans-Mielich-Platz um kranke und verletzte Tiere. Doch jetzt ist damit Schluss.

„Die Monatsmiete für meine Praxis soll ab Januar 1000 Euro teurer werden“, erzählt Ellinger-Hauber. Das entspräche einer Erhöhung um fast 30 Prozent, derzeit zahlt sie monatlich 3400 Euro Pacht. „Das kann ich mir nicht leisten und schon gar nicht während der Corona-Krise“, sagt die Ärztin.

Der Investor, Rainer Beck, zeichnet hingegen ein ganz anderes Bild. „Die Aussagen entsprechen nicht der Wahrheit“, teilt ein Mitarbeiter mit. „Unser letztes Angebot, den Vertrag zu unveränderten Konditionen weiterzuführen, hat Frau Ellinger-Hauber abgelehnt“, heißt es.

30 Prozent mehr in der Corona-Krise - Tierarztpraxis muss wegen Mieterhöhung schließen

Darüber kann Ellinger-Hauber nur den Kopf schütteln. „So etwas ist mir nie angeboten worden“, sagt sie. Und verweist stattdessen auf ein Schreiben, das auch der Redaktion vorliegt. Es zeigt die Reaktion des neuen Eigentümer des Gebäudes auf ihre Bitte, die Miete nicht so drastisch zu erhöhen: Statt ab Januar 2021 im Monat 1000 Euro mehr zu zahlen, könne sie ab Juli 2020 700 Euro mehr zahlen.

„Das kommt natürlich auf das Gleiche raus“, sagt Ellinger-Hauber. Für sie ein herber Schicksalsschlag. „Mit 64 Jahren werde ich nichts anderes mehr finden. Die anderthalb Jahre bis zur Rente muss ich jetzt irgendwie überbrücken.“ Für sie bedeutet das: „Auf Dinge wie Essen gehen muss ich jetzt erstmal verzichten.“

Investor und seine Firma sind dem Mieterverein nicht unbekannt

Auf Hallo-Anfrage beim Mieterverein wird klar: Rainer Beck und seine Firma „Haus am Markt“ sind nicht unbekannt. „Seit Jahrzehnten ist er in München aktiv und für seine umstrittenen Methoden gegenüber den Mietern auch berüchtigt“, sagt Volker Rastätter, Geschäftsführer des Mietervereins.

Der Unternehmer kauft demnach Häuser in beliebter Lage – in Giesing, dem Glockenbachviertel oder Neuhausen – und versucht, die Mieter rauszubekommen, um die Häuser weiterzuverkaufen.

Mehr als 100 Mieter, die in Becks Immobilien wohnen, hat der Verein im Laufe der Jahre schon vertreten. „Oft gibt es auch Probleme beim Auszug, die Mieter bekommen etwa die Kaution nicht zurück“, sagt Rastätter und verweist auf eine Sendung.

2018 hatte RTL einen Bericht ausgestrahlt, in der ein Investigativ-Reporter vom Team um Günter Wallraff gezeigt hat, mit welchen Methoden die Mitarbeiter der Firma, die damals noch „Haus von Beck“ hieß, alteingessesene Mieter und Rentner rausekeln, schikanieren und unter Druck setzen.

Reaktion von Investor Beck - BA ist die Händegebunden

Kurz nach der Hallo-Anfrage bei Beck meldet sich laut der Tierärztin prompt Becks Sohn bei ihr. Sie solle unverzüglich das Schild zur Schließung der Praxis abhängen – das sei rufschädigend.

Über ein solches Verhalten kann auch BA-Chef Sebastian Weisenburger (Grüne) nur den Kopf schütteln. „Es ist unverschämt, die Tierärztin mitten in der Krise rauszuekeln und unsozial, wenn man bedenkt, dass es mit 64 Jahren schwer für sie wird, etwas anderes zu finden“, sagt er. „Die Möglichkeiten des BAs sind in dieser Hinsicht aber letztendlich sehr begrenzt.“ Der Gesetzgeber müsse etwas ändern.

Zumindest Ellinger-Hauber kann darauf aber nicht warten. Sie hat schon die Kisten gepackt. „Am schlimmsten wird es für Paula. Ich muss sie jeden Abend wie einen Mehlsack aus der Praxis tragen, weil sie so gerne hier ist“, sagt sie.

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