Familie findet keine neue Wohnung

»Gebt uns Obdach«

Halten zusammen in schweren Zeiten: Jolanta Ludl und ihre Enkelinnen Lea (li.) und Lena.

Jolanta Ludl ist nicht nach Feiern zumute, aus ihrem Blick spricht tiefe Verzweiflung.  Denn was im neuen Jahr mit den Zwillingen passiert, weiß ihre Oma nicht. „Wenn wir keine Wohnung finden, müssen die Mädchen von mir weg“, sagt Jolanta Ludl mit Tränen in den Augen.

Die Familie hofft auf Obdach: Sie muss zum 31. März aus ihrer Wohnung ausziehen, in der Jolanta Ludl gemeinsam mit ihren beiden 15- und 19-Jährigen Töchtern und ihren siebenjährigen Enkelinnen, Lea und Lena, wohnt. „Der Vermieter hat uns im September wegen Eigenbedarf gekündigt. Ich habe drei Tage lang nur geweint.“ Doch die siebenfache Mutter ist es gewohnt zu kämpfen. „Ich würde für die Kinder alles tun.“ Sie stellte einen Antrag beim Sozialreferat, um eine geförderte Wohnung zu bekommen. Die bittere Enttäuschung: Trotz höchster sozialer Dringlichkeit wurde ihr keine Wohnung zugeteilt. „Ich hatte ein einziges Angebot von der Gewofag – und die Wohnung hat dann eine andere Familie gekriegt.“ Wie groß der Bedarf an geförderten Wohnungen in München ist, sagt Frank Boos vom Sozialreferat auf Hallo-Anfrage: „Gerade einmal ein Viertel der Suchenden bekommt tatsächlich eine Wohnung.“ (siehe unten). Schon für normale Familien sei es schwer, eine Wohnung zu finden, für Großfamilien schier unmöglich. Das kritisiert Alexandra Gaßmann, Vorsitzende des Bayerischen Landesverbandes kinderreicher Familien. „Die Stadt München tut nicht genug für große Familien. Im sozialen Wohnungsbau sind Fünf- bis Sechs-Zimmer-Wohnungen verschwindend gering.“ Jolanta Ludl machte Behörden und Politiker auf ihre Notsituation aufmerksam. „Hochrangige Vertreter der Stadt und ein Bundestagsabgeordneter haben mir auf meine Briefe geantwortet, dass sie unsere Lage betroffen macht, und dass sie sich einsetzen wollen. Aber gehört habe ich von niemandem mehr was“, sagt sie enttäuscht. Seit 27 Jahren lebt die gebürtige Schlesierin in München. Neben ihrer Anstellung als technische Leiterin bei einer Baufirma hat sie sich immer ehrenamtlich für die Schwachen eingesetzt: Seit sieben Jahren ist sie bei der Münchner Tafel tätig, organisiert kleine Feiern für Migrantenkinder und hat stets ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte ihrer Mitmenschen. Jetzt sind es ihre Lieben und sie selbst, die Hilfe brauchen. „Meine Tochter hat letztens zu mir gesagt: ,Mama, ich will nicht im Obdachlosenheim fürs Abitur lernen. Was soll ich ihr sagen...?“ Doch Aufgeben kommt für Jolanta Ludl nicht in Frage. „Die Wohnung kann renovierungsbedürftig sein. Wir haben keine hohen Ansprüche, sondern brauchen nur ein Dach über dem Kopf.“ das

So funktioniert die Wohnungsvergabe

„Jährlich stellen etwa 23 000 Haushalte einen Antrag auf Registrierung für eine geförderte Wohnung“, sagt Frank Boos vom Sozialreferat. Rund 12 500 Haushalte seien durchgängig registriert, davon circa 8200 in Rangstufe 1. „Pro Jahr können rund 3400 Wohnungen vergeben werden. Also gerade einmal ein Viertel der Wohnungssuchenden bekommt tatsächlich eine Wohnung.“ Die soziale Dringlichkeit des Wohnungsbedarfs wird anhand einer Punktetabelle festgelegt. Bepunktet werden Sachverhalte wie beispielsweise bestehende oder drohende Wohnungslosigkeit, wirtschaftlicher Notstand, gesundheitliche Gründe oder Trennung. Überbelegungspunkte werden erteilt, wenn die Anzahl der Personen die Anzahl der vorhandenen Wohnräume übersteigt. Vorrangpunkte erhalten beispielsweise Schwangere oder junge Ehepaare. Anwesenheitspunkte errechnen sich aus der Anwesenheitsdauer mit Hauptwohnsitz in München. Im Höchstfall können 146 Gesamtpunkte erreicht werden, die in vier Stufen unterteilt sind. Die höchste Dringlichkeit (Rangstufe 1) bildet dabei der Bereich ab 70 Gesamtpunkten. Alle Stufen nehmen am Vergabeverfahren teil, wobei niedrigere Rangstufen weniger Chancen haben. Ende 2015 ist die Einführung einer Internet-Wohnungsplattform geplant, auf der sich die registrierten Wohnungssuchenden freie Wohnungen ansehen und ihr Interesse bekunden können. Auch die Überarbeitung des Punktesystems und der Anwesenheitsdauer der Wohnungssuchenden in München ist geplant.

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