Der Kampf um die Kameras

In Haidhausen formiert sich Widerstand gegen den Abbau der Überwachungsanlagen am Orleansplatz

Haidhausen Ein Stadtteil ist gespalten. Drei Jahre wurde der Haidhauser Orleansplatz mit Kameras überwacht, um die sich dort ausbreitenden Drogen- und Alkoholabhängigen in den Griff zu bekommen. Die sind nun abgewandert, ans Sendlinger Tor. Nun sollen die Anlagen abgebaut werden, um den Sendlinger-Tor-Platz zu überwachen („Hallo“ berichtete). Das sorgt im Viertel überall für Kontroversen – auch in der Politik. Sowohl im Bezirkausschuss Au-Haidhausen als auch im Stadtrat stellte die CSU Anträge gegen den Abbau der Kameras – Forderungen, die mehrheitlich abgelehnt wurden. „Man kann sie ja abstellen, sollte sie aber aufgebaut lassen, um auf Knopfdruck reagieren zu können“, verlangt Stadtrat Robert Brannekämper. „Denn die Szene wird mittelfristig zurückkehren und dann kann es nicht wieder jahrelang dauern, bis man handelt.“ Von einer flächendeckenden Überwachung, die das Kreisverwaltungsreferat vermeiden wollte, könne keine Rede sein. Die CSU will die Situation im Auge behalten und sich vierteljährlich bei Polizei und KVR erkundigen, ob die Delikte und Straftaten am Orleansplatz wieder zunehmen. Das wird vor allem die Geschäftsleute, Vermieter und Anwohner freuen, die sich in der Interessengemeinschaft der Gewerbetreibenden Haidhausens (IGH) mobilisieren. Sie fordern von Polizei und Stadtverwaltung, einen Plan, wie es am Orleansplatz nach dem Kamera-Abbau weitergehen soll. Der IGH-Vorsitzende Christian Horn schreibt in „Hallo München“, warum die Kameras gut für Haidhausen waren und welche Entwicklungen er jetzt fürchtet. Doch viele Bürger im Viertel sehen das anders, zum Beispiel Ulrich Sedlaczek, der auf diversen Bürgerversammlungen für einen Abbau der Kameras gekämpft hat. In „Hallo München“ erklärt er, warum es Zeit wird, sich von den Kameras zu verabschieden. Maren Kowitz PRO Seit die Kameras dort sind, sind der Orleansplatz und die umliegenden Einkaufsstraßen wieder zu einem Schmuckkästchen geworden. Einige Einzelhändler haben ihre Geschäfte renoviert, Leute schlendern gerne hier, die Gemütlichkeit ist zurückgekehrt. Nun der Paukenschlag – ohne mit den Anwohnern, den Gewerbetreibenden oder mit der IGH zu reden, sollen die Kameras jetzt abgebaut werden. Das ist fatal: Die Szene wird sicherlich zurückkehren – und mit ihr die Begleitumstände. Zerbrochene Flaschen, benutzte Spritzen, die noch vor einigen Jahren überall herumlagen, Pöbeleien und Uringestank in den Hauseingängen. Wir haben das alles beseitigt, aber wir können 2010 nicht wieder genau da anfangen, wo wir 2007 aufgehört haben. Wir wissen nicht, ob das Sozialreferat, das KVR und die Polizei einen Plan haben, wie es in Haidhausen weitergehen soll. Man könnte ja auch die Kameras abstellen, aber stehen lassen, um die Situation einzuschätzen. Die Haidhausener Bürger haben sich an die Kameras gewöhnt, viele sitzen wieder auf den Parkbänken oder am Brunnen, fühlen sich sicherer. Lieber unauffällige Überwachungskameras als immer ein Polizeiauto auf dem Platz stehen haben und die vielen Razzien. Das ginge friedlicher ab. Man muss auch bedenken, dass Haidhausen ein Viertel mit vielen Familien ist. Als es noch keine Kameras gab und die Szene hier war, schauten Mütter aus den Fenstern, ob sie mit ihren Kindern auf die Straße können – nicht schön, wenn die Ängste der Bürger erneut hochkommen. Christian Horn CONTRA Einige Wochen im Jahr fließt der Alkohol am Orleansplatz in Strömen. Anlässe sind der „Hamburger Fischmarkt“, die „Europa-Tage“ oder ähnliche kommerzielle Veranstaltungen. Marktschreier brüllen, es gibt laute Musik, Betrunkene grölen dazu. Die Videokameras der Polizei zeichnen alles auf, doch die Polizei greift nicht ein. Den Rest des Jahres herrscht jetzt weitgehend Ruhe. Ab und zu sitzt jemand auf den Bänken rund um die Kieswüste, aber meist nur, bis das Eis oder der Döner verzehrt ist. Der Orleansplatz, hässlich, stinkend und laut, lädt mit und ohne Kameras nicht zum längeren Verweilen ein. Ja, die Kameras haben gewirkt. Die meist alkoholabhängigen „Wohnungsflüchter“ sind weitergezogen. Zum Sendlinger-Tor-Platz. Nun sollen die Kameras hinterher ziehen. Schließlich stehen dort eine Kirche und Kliniken in der Nähe. Eigentlich hat die Polizei nach dem Gesetz keine andere Wahl, als die Kameras vom Orleansplatz abzuziehen. Schließlich ist die Videoüberwachung öffentlicher Straßen und Plätze nur an Kriminalitätsschwerpunkten erlaubt. Außerdem kosten allein die Kameras am Orleansplatz 80 000 Euro. Eine flächendeckende Überwachung Münchner Plätze wäre also auch sehr teuer. Videokameras lösen keine Suchtprobleme. Sie können die Süchtigen durch die Stadt treiben. Irgendwann kommen sie wieder zu ihrem ursprünglichen Treffpunkt am Hauptbahnhof. Uli Sedlaczek

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