Was jetzt mit dem Labradormischling passiert

Der Hund, der Paulinchen biss

Mit seinen Schlappohren und dem treuen Blick wirkt der Labradormischling (Foto) fast wie ein Kuscheltier zum Knuddeln – das wurde der kleinen Pauline (2) zum Verhängnis: Der Rüde ist der Hund, der das Mädchen bei einem Straßenfest auf dem Athener Platz ins Gesicht biss (Hallo berichtete).

Fünf scharfe Zähne bohrten sich in Paulines linke Wange, die Löcher waren bis zu vier Zentimeter tief. Wegen Keimen in den Wunden musste die Kleine immer wieder operiert werden. 14 Mal sei sie schon im OP gewesen, sagen Paulines Eltern Andrea Brechtel und Armin Müller (kl. Bild).

Entgegen erster Aussagen ist jetzt klar: Der Hund war angeleint. Seiner Besitzerin Karin Z. tut der Vorfall „wirklich leid“ ­– doch die Alleinschuld will sie nicht auf sich nehmen. „Mein Hund ist nicht grundsätzlich aggressiv. Das Kind lief auf ihn zu, da hat er Angst bekommen.“ 

Der neunjährige Rüde stammt ursprünglich aus Italien. Über eine Organisation, die sich um Straßenhunde und Findeltiere kümmert, kam der Mischling zu Karin Z. „Ich vermute, dass er in Italien schlechte Erfahrungen mit Kindern gemacht hat“, sagt die Halterin. „Aber er ist doch nicht grundsätzlich böse.“ 

Das sieht auch das Kreisverwaltungsreferat so: Letzte Woche hat es einen sogenannten „Wesenstest“ angeordnet. „Für dieses Gutachten ist es sehr wichtig, die Szene nachzustellen, in der etwas passiert ist“, sagt Gutachterin Claudia Hagerer. „Natürlich können wir kein zweijähriges Kind da hinsetzen. Deswegen versuchen wir, mit entsprechenden Sicherheitsmaßnahmen, die Situation so gut wie möglich zu imitieren.“ 

Während des Tests warf sich ein Kind vor den Hund auf den Boden, schrie laut und versuchte das Tier zu provozieren – aber der Labradormischling blieb ruhig. Zwei Polizisten waren zur Sicherheit dabei, als die 40-Jährige den Rüden aus Harlaching einem „Stresstest“ aussetzte.

Claudia Hagerer ist seit zwölf Jahren beeidigte Sachverständige für das Verhalten von Hunden im Hinblick auf gesteigerte Aggressivität gegenüber Menschen und Tieren. Im Auftrag der Regierung von Oberbayern besucht sie mehrmals im Monat auffällige Hunde.

 

Der Test besteht aus zwei Teilen: Zuerst wird der Halter zu seinem Hund befragt, um zum Beispiel traumatische Erfahrungen aus der Vergangenheit zu rekonstruieren. Dann überprüft die Sachverständige, wie der Hund in bestimmten Situationen reagiert. „Da geht es zum Beispiel um Grundgehorsam, Umgang mit fremden Personen und die Reaktion auf Leckerlis“, erklärt Hagerer. 


Im Auftrag des Kreisverwaltungsreferats (KVR) führen Sachverständige wie Claudia Hagerer solche Tests bei auffälligen Hunden durch. „Im letzten Jahr gingen bei uns 330 Beschwerden ein“, sagt Daniela Schlegel vom KVR. „Wir schauen uns die betroffenen Tiere einzeln an und entscheiden individuell, ob Maßnahmen wie Leinenpflicht oder Maulkorb notwendig sind.“ Dies sei im vergangenen Jahr bei 80 Tieren der Fall gewesen, bei 31 000 in München gemeldeten Hunden ein geringer Anteil. Das KVR sieht daher keinen Grund, seine Praxis zu ändern: Eine kollektive Leinenpflicht sei derzeit nicht geplant, sagt Schlegel.


Der Labradormischling hat den Test bestanden: Er ließ sich von dem Kind nicht provozieren, zeigte kein gesteigertes aggressives Verhalten. Daher lautet das Testurteil: Er ist ein „Angstbeißer“. Leine und Maulkorb sind ab sofort Pflicht, aber der Rüde darf bei Frauchen Karin Z. bleiben. Für Paulines Vater ist das eine Fehlentscheidung des KVR – ein gerechtfertigter Vorwurf? 


Selbst eine Expertin wie Claudia Hagerer kann bei keinem Hund ausschließen, dass sich sein Gefahrenpotential verändert: „So ein Gutachten ist immer eine Momentaufnahme“, sagt sie. „Meiner Meinung nach ist es vor allem wichtig, den Halter zu schulen.“ Denn gerade bei Angstbeißern sei der Einfluss des Besitzers entscheidend. „Man kann das Wesen solcher Tiere stärken, damit sie ruhiger reagieren. Aber dazu muss der Halter in der Lage sein, auf seinen Hund einzuwirken“, so Hagerer. 


ist



Auch interessant:

Meistgelesen

Raub in München: Warenzusteller mit Waffe bedroht
Raub in München: Warenzusteller mit Waffe bedroht

Kommentare