Tod wg. Hoch- und Landesverrat

Die Inschrift in der Bogenhauser Pfarrei Heilig Blut, die heuer 75 Jahre alt wird, steht wider das Vergessen: Am 14. September 1944, um 16.41 Uhr, wurde Hermann Josef Wehrle, damals Kaplan von Heilig Blut, in Berlin Plötzensee hingerichtet. Ihm wurde Hoch- und Landesverrat vorgeworfen, weil er unter dem Siegel des Beichtgeheimnisses vom geplanten Attentat auf Hitler erfahren und dies nicht gemeldet hatte.

Die Zeit heilt Wunden und lässt Gras über Geschehnisse wachsen, sagt man landläufig. Nicht alles aber sollte im schnellen Ticken von Sekunden, Minuten und Jahren untergehen. Manchmal muss man innehalten und sich erinnern. An Hermann Josef Wehrle beispielsweise, der bis zu seiner Verhaftung durch die Gestapo, am 18. August 1944, als Kaplan in der Bogenhauser Pfarrei Heilig Blut wirkte. Am 21. August 1944 stand er in Berlin dann dem Baron Ludwig von Leonrod in dessen Hauptverhandlung gegenüber, langsam lichtete sich der Schleier um den Grund von Wehrles Verhaftung. Graf Stauffenberg hatte Leonrod über das mögliche Attentat auf Adolf Hitler unterrichtet, Leonrod vertraute sich seinem Beichtvater Wehrle an und fragte diesen, ob allein das Wissen schon Sünde sei. Das verneinte der Kaplan, erklärte Leonrod aber auch, dass die Kirche Tyrannenmord ablehne und riet, sich fernzuhalten. Tödlicher Dialog Später, vor dem Volksgerichtshof, kam es nach Aufzeichnungen zum für Wehrle tödlichen Dialog zwischen dem Volksgerichtshof-Präsidenten Roland Freisler, und Wehrle. Freisler soll Wehrle gefragt haben: „Wie kamen Sie dazu, sofort an das Problem des Tyrannenmordes zu denken? Was verstehen Sie unter einem Tyrannen?“ Wehrles Antwort: „Aus der Geschichte der Antike einen Alleinherrscher, der seine Macht nicht zum Guten, sondern zum Schaden des Volkes ausnutzt“. Freisler bohrte nach: „Sie sahen also in dem Führer einen Mann, der seine Macht zum Schaden des Volkes ausnutzt?“ Darauf Wehrle: „Jawohl! In dieser Hinsicht muss ich allerdings sagen, dass der Begriff des Tyrannen, wie ich ihn verstehe, auf den Führer zutrifft.“ Damit hatte Hermann Josef Wehrle sein Todesurteil besiegelt. Nach gerade mal einer Stunde befand das Gericht: Hinrichtung durch den Strang wegen Hoch- und Landesverrats. Am selben Tag, um 16.41 Uhr, wurde das Urteil in Berlin-Plötzensee vollstreckt. Lebensziel Priester Hermann Josef Wehrle wird am 26. Juli 1899 als Sohn einer zutiefst katholischen Familie in Nürnberg geboren, besucht in Höchst das Humanistische Gymnasium und verliert mit zwölf Jahren den Vater. An kirchlichen und religiösen Fragen ist Wehrle bereits in jungen Jahren stark interessiert. 1917 macht er Kriegsabitur, leistet Kriegsdienst und tritt 1918 ins Priesterseminar in Fulda ein. 1920 empfängt er vier niedere Weihen und wird 1922 entlassen, weil der Bischof findet, zum Priesterberuf sei Wehrle nicht geeignet. Später studiert Wehrle in Frankfurt Philosophie, Geschichte und Soziologie, arbeitet nebenbei in einer Bank, um die Mutter versorgen zu können.1930 schließt er das Studium mit Promotion ab und schreibt für katholische Zeitschriften. Weil Wehrle sich weigert, der Reichsschrifttumskammer beizutreten, endet diese Laufbahn 1933 jäh. Wehrle erkrankt an Herz- und Gallenleiden und verdient seinen Lebensunterhalt als Privatlehrer. Sein Lebensziel aber ist, Priester zu werden. 1937 tritt Wehrle als Novize bei den Benediktinern ein, wo er nicht einmal ein Jahr bleibt. Seine Vorgesetzten haben ihm zum Abbruch geraten, weil sie fürchteten, er sei wegen seines Alters den Härten des Klosterlebens nicht gewachsen. Erst 1941 dann die Wende, Kardinal Faulhaber persönlich übernimmt die Verantwortung für Wehrle, am Ostermontag 1942 wird dieser im Dom zu Freising zum Priester geweiht. Die Kaplanstelle in Heilig Blut ist sein letzter Wirkungsort. Hermann Josef Wehrle Freunde und Mitstreiter beschreiben Hermann Josef Wehrle als sensibel und verständnisvoll, aber auch scharfzüngig und schonungslos im Urteil. Er soll ein begnadeter Prediger gewesen sein, der es verstand, die Gläubigen bildreich, treffend und mitreißend anzusprechen. Nach der Hinrichtung fand Wehrles Schwester in dessen Kleidung zwei Zettel. „Der Weg des Menschen zu Gott heißt an seiner steilsten Strecke Einsamkeit“, stand auf dem einen. „Ich bin eben zum Tode verurteilt. Welch schöner Tag – heute Kreuzerhöhung“, hatte Hermann Josef Wehrle in seinen letzten Stunden notiert. Unweit seiner ehemaligen Wirkungsstätte erinnert heute die Wehrlestraße an den ehemaligen Seelsorger von Heilig Blut. Gabriele Mühlthaler

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