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Aus für die Essenshilfe?

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Anwohner beschweren sich über Lärm – Standort in der Weißenseestraße gefährdet

Giesing „Was macht das Studium?“, „Wie geht’s der Tochter?“ – ein wenig klingt Horst Schäfer wie ein Dorfbäcker, wenn man ihn so mit seiner Kundschaft an der Weißenseestraße 38 reden hört. Es ist Sonntagmorgen und er ist schon viele Stunden hier. Aber Schäfer ist kein Bäcker, sondern Elektro-Maschinenbauer im Ruhestand. Und seine Kunden sind keine „normalen“ Kunden, sondern bedürftige Giesinger, die sich geduldig anstellen, um Lebensmittel vom Verein „Essenshilfe München“ zu bekommen. Vor zehn Jahren hat Schäfer den Verein gegründet, er selbst wohnt in der Straße und weiß um die sozialen Probleme. Wöchentlich 500 Kunden bedienen Schäfer und seine acht ebenfalls ehrenamtlichen Mitstreiter, die von einem jungen Bäcker bis zu einem Schwabinger Zahnarzt reichen – außer dienstags und donnerstags sind sie jeden Tag auf dem Parkplatz an der Weißenseestraße 38 präsent. Nur knapp die Hälfte der Kunden können die Arbeit mit einer Spende unterstützen – jeder Kunde muss aber seine Bedürftigkeit nachweisen können. Die Essenshilfe wird neben den unermüdlichen Ehrenamtlichen vor allem durch verschiedene Konzerne ermöglicht, die Lebensmittel spenden, die nicht mehr gut zu verkaufen sind, aber problemlos konsumiert werden können. „Zum Beispiel bekommen wir Salat, den die Leute im Supermarkt zur Seite legen und einen nehmen, der noch frischer aussieht“, erklärt Schäfer. Zwei große Bäckerei-Ketten übergeben ihm sonntagmorgens um sechs Uhr die Backwaren, die sie am Samstag nicht verkaufen konnten. Schäfer und seine Mitstreiter haben Raum für ihr Engagement gefunden und sind ein eingespieltes Team – es droht aber Ungemach aus der Nachbarschaft. „Zehn Jahre lang hat hier doch niemand Gründe gegen uns gefunden“, wundern sich die Leute von der Essenshilfe, „wenn man aber Gründe sucht, findet man natürlich immer was.“ Konkret haben zwei Parteien aus der angrenzenden Wohnanlage Unterschriften gesammelt und sich bei der Hausverwaltung beschwert, dass Sonntagfrüh der Lärm zu groß sei. Ein Vorwurf, den Horst Schäfer nicht verstehen kann. Wenn die Essenshilfe ab fünf Uhr an dem Parkplatz mit ausladen und aufbauen angefangen hätte, habe man sich nicht einmal unterhalten. Der 71-Jährige vermutet vielmehr persönliche Motive hinter den Beschwerden. Die Hausverwaltung hat reagiert und man hat sich vorerst darauf geeinigt, dass sonntags erst ab acht Uhr aufgebaut wird. Erst von neun Uhr an darf das Essen ausgegeben werden. Ein Zustand, der für Schäfer keine Dauerlösung sein kann: „Wir verlieren einfach drei Stunden, das geht auf Dauer nicht.“ Sinnvoll sei die Arbeit des Vereins so nicht mehr möglich, heißt es in einem Brief des Vereins an den Bezirksausschuss. Die Essenshilfe hat den BA um Unterstützung gebeten und konkret angefragt, ob das schon längere Zeit leerstehende Gebäude Pöllatstraße 11 nicht eine Alternative sein könnte. Dieses böte auch die Möglichkeiten für ein Kühlaggregat, damit könnte die Essenshilfe ihr Angebot ausweiten, beispielsweise auch auf Fleisch und Wurst. In der jüngsten BA-Sitzung zeigten sich Ausschussmitglieder wenig zuversichtlich, dass diese Lösung eine realistische Chance hat. Das Gremium will aber im Unterausschuss Soziales noch einmal beraten und hat die Essenshilfe darauf hingewiesen, dass das Kommunalreferat als Eigentümer Ansprechpartner für das Gelände ist. Gut möglich scheint es also im Moment, dass die Essenshelfer aus der Weißenseestraße weiter nach einem Platz für ihre Arbeit suchen müssen. Woher Horst Schäfer die Motivation für seine schwere Arbeit nimmt? Er erzählt, dass er selbst als Kind erfahren hat, was Hunger und Durst bedeuten. Und, wie kürzlich ein junger Mann angefahren kam, aus seinem neuen Auto ausstieg, ihm 1000 Euro für den Verein übergab und sagte. „Ich hoffe, meine Kinder bekommen auch mal so eine Einstellung.“ Horst Schäfer sagt: „Das macht es lebenswert, wenn die Leute zeigen, dass wir hier wichtige Arbeit machen.“ Felix Müller

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