Die alten Dorfkerne vor der Rettung

Die historischen Ortskerne von Daglfing, Englschalking und Oberföhring werden wohl auch künftig unter Ensembleschutz stehen. Dies teilte der Vorsitzende des Landesdenkmalrats, Bernd Sibler, am Montag mit. Nicht ausgestanden ist bisher der Kampf um den Johanneskirchner Dorfkern. Wie berichtet, plant das Landesamt für Denkmalschutz rund 20 Münchner Dorfensembles aus der Denkmalliste zu streichen. Das würde einer nicht ortstypischen Bebauung Tür und Tor öffnen, das Sterben der alten Dorfkerne wäre eingeläutet.

„Gerade in München setzt man sich mit viel Herzblut für die Dorfensembles ein. Für mich als Niederbayer war das sehr beeindruckend“, stellte Bernd Sibler, der Vorsitzende des Landesdenkmalrats, bei einem Pressegespräch am Montag klar. Von Ludwig Spaenle hat Sibler das Amt übernommen, als dieser Ende 2008 bayerischer Kultusminister wurde. Übernommen hat Bernd Sibler damit auch die Verpflichtung, den Münchnern im Kampf um den Erhalt ihrer historischen Dorfensembles beizustehen. Versprechen Das hatte Ludwig Spaenle nämlich versprochen, als sein CSU-Parteikollege, Stadtrat Robert Brannekämper, ihn 2008 angesichts der „Horror-Streichliste“ des Landesamts für Denkmalpflege alarmierte. „Jeder Fremde erkennt die Keimzelle der ehemaligen Dörfer in ihrer alten Struktur. Die rigide, rein wissenschaftliche Haltung des Landesamts für Denkmalpflege ist nicht nachvollziehbar“, so Brannekämper. Eine Käseglocke könne man den historischen Ortskernen nicht verpassen, Veränderungen werde es immer wieder geben. Werde aber der Ensembleschutz gestrichen, könne die Stadt kaum noch Einfluss auf das Baugeschehen im Bereich der Dorfkerne nehmen. „Das wäre besonders kritisch gewesen. Ich bin jetzt sehr zufrieden mit dem Ergebnis, es war keine leichte Diskussion!“ so Brannekämper. Kritik an Genehmigungspraxis Der Vorsitzende der CSU-Rathausfraktion, Josef Schmid, freute sich, dass der Landesdenkmalrat fast 20 Ensembles, die auf der Streichliste des Denkmalamts stehen, besucht hat. „Bei 14 besteht jetzt großes Einvernehmen, das Landesamt für Denkmalschutz hat eingelenkt“, so Schmid. Alle Schuld dürfe man der Denkmalbehörde nicht zuweisen, die Stadt habe viele Bauten genehmigt. „Die Kritik trifft auch das Planungsreferat, das vieles zugelassen hat“. Man brauche sich deshalb nicht über die Haltung der Denkmalschutzbehörde zu wundern. Laut Planungsreferat allerdings stört sich das Landesamt für Denkmalpflege nun an Kriterien, die zumeist schon aus Zeiten vor der Ensembleausweisung stammen. Zudem habe die bauliche Entwicklung der letzten 30 Jahre unter steter Beteiligung des Landesamts für Denkmalpflege stattgefunden. Warum dies nun zum Verlust der Ensembleeigenschaften führen soll, versteht das Planungsreferat laut Beschlussvorlage für die Sitzung am gestrigen Mittwoch nicht. Johanneskirchen noch auf dem Prüfstand Der fachlichen Einschätzung des Landesdenkmalamts zu den historischen Dorfkernen kann die Stadt nun das Ergebnis einer Studie des Architektenbüros Schulz-Boedecker entgegensetzen, das sie beauftragt hat. Nach den Besichtigungen der Expertenkommission des Landesdenkmalrats stehen die Zeichen für drei Ensembles im 13. Stadtbezirk gut, nur Johanneskirchen ist noch umstritten. Der Landesdenkmalrat hat hier keine Empfehlung abgegeben. Knackpunkt Der Knackpunkt ist die Neubebauung auf dem ehemaligen Dorfanger, der aber hohe architektonische Qualität bescheinigt wird. Die externen Gutachter der Stadt hingegen betonen, die Ensembleeigenschaften seien trotz Reihenhausbebauung erhalten geblieben, zumal historisch nicht belegt sei, dass der Anger immer von Bauten frei gewesen sei. Das Ensemble sei nach wie vor intakt und durch die hochwertige Bebauung sogar bereichert worden, so die dem Planungsreferat angegliederte Untere Denkmalschutzbehörde. Auch sei das Einzeldenkmal Johanneskirchner Straße 163 nach einer weiteren Überprüfung des Landesamts für Denkmalpflege nicht – wie ursprünglich geplant – gestrichen, sondern sogar erweitert worden. Konsens bei Daglfing, Englschalking und Oberföhring Die Erweiterung des Ensembles um die Anwesen Kohlbrennerstraße 5 und Mäleßkirchner Straße 2, die der Bogenhauer Bezirksausschuss gefordert hatte, wird vom Denkmalrat abgelehnt. Er schlägt hingegen die Kürzung des Ensembles um das Anwesen Kohlbrennerstraße 32 vor. Dies will die Stadt akzeptieren. Keine Änderungen solle es beim Ensemble Englschalking geben. Der Landesdenkmalrat befürwortet den Erhalt in den aktuellen Grenzen und folgt damit den Wünschen des Bezirksausschusses. Für Oberföhring gilt das nicht, denn auch hier hatte der Bezirksausschuss eine Verkleinerung des Ensembles abgelehnt. Der Landesdenkmalrat spricht sich jedoch für eine Kürzung im nordöstlichen Bereich aus, das Planungsreferat empfiehlt, dies zu akzeptieren. Entscheidung 2011 Zufrieden mit den erreichten Kompromissen sind nicht nur Josef Schmid, Robert Brannekämper, Bernd Sibler und Ludwig Spaenle, auch das Planungsreferat empfiehlt dem Stadtrat, bei den Konsenspunkten das Benehmen herzustellen. Der Landesdenkmalrat wird wohl Mitte 2011 entscheiden. Bernd Sibler ist guten Muts, dass die historischen Münchner Dorfkerne – laut Ludwig Spaenle „gebaute Erinnerung“ – in der Liste geschützter Ensembles bleiben werden. Eine wichtige Auflage für die Landeshauptstadt formulierte Bernd Sibler so: „Wenn es in den nächsten Jahren zu einer Verschlechterung der Bausubstanz kommt, dann gibt es kein Zurück! Das ist eine Hausaufgabe für die Lokalbaukommission (LBK)!“ Die CSU beantragt nun, die Landeshauptstadt möge an den Landesdenkmalrat appellieren, die strittigen Dorfkerne Johanneskirchen, Langwied, Lochhausen und Moosach trotz vermeintlicher Minderung der Ensemblewürdigkeit als Ensembles im Sinne des Bayerischen Denkmalschutzgesetzes zu erhalten. Gabriele Mühlthaler

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