Weiß Ferdl, der (un)vergessene Volkssänger

Am 28. Juni wäre er 125 Jahre geworden: Erinnerungen an ein Münchner Original

Wer kennt ihn noch, den Weiß Ferdl, als Ferdinand Weisheitinger 1883 in Altötting geboren? Am 28. Juni wäre er 125 Jahre alt geworden. Eine berühmte, aber auch berüchtigte Figur. Der Münchner Kabarettist Christian „Fonsi“ Springer kennt sich aus mit dem Volkssänger. Denn zu dessen 50sten Todestag hat er 1999 sein Soloprogramm „Was Weiß Ferdl“ gestartet. „Karl Valentins Humor ist zeitlos, Weiß Ferdls Witze dagegen sind vergessen – das hat mich interessiert“, sagt Springer. Den vielen Gesichtern des Weiß Ferdls ging Springer auf die Spur. „Als Privatperson war er offenbar eine reine Katastrophe. Er hat seine Frau schlecht behandelt, war ein Weiberheld. Seinen unehelichen Sohn Ferdinand hat er verstoßen.“ Der habe fortan nichts mehr mit seinem berühmten Vater zu tun haben wollen. Heute soll noch Verwandtschaft in Amerika leben, die Wurzeln in München seien aber vergessen. Als Geschäftsmann und Volkssänger war der Ferdl in den 20er-Jahren hart – und erfolgreich. Ab 1921 führte er das legendäre Münchner Platzl, hat es umgebaut, so dass 700 Leute drin Platz hatten. „Es gab zum Teil neun Vorstellungen pro Woche, und alle waren ausverkauft.“ Gefördert hat er viele Künstler – wie Erni Singerl. „Wenn er sein Solo gespielt hat, war sie hinterm Vorhang und hat ihm zugeschaut.“ Die finsterste Seite: Weiß Ferdl war Mitglied der NSDAP, ist schon 1921 für die Partei aufgetreten. „Stolz war er zeitlebens, dass sein eigener Name auf dem Plakat größer geschrieben war als der des Führers“, so Springer. „Und den Teilnehmern am Hitlerputsch hat er sogar ein Heldenlied gewidmet“, recherchierte Springer für sein Programm. So kam es nach dem Krieg zum Spruchkammerverfahren gegen ihn. Und der Bayerische Rundfunk hat den Weiß Ferdl erstmal nicht mehr gesendet. Auch nicht sein berühmtestes Couplet. Es entstand, nachdem sein Auto – er war der einzige der Münchner Volkssänger, der nach dem Krieg noch eins besessen hat – von den Amerikanern konfisziert worden war. Also musste er von Solln, wo er wohnte, zum Platzl mit der Tram fahren. „Die Enge und die Leute waren ihm ein Gräuel“, sagt Springer. „Daraufhin schrieb ihm ein Münchner Obermedizinalrat ein Attest, dass dem Ferdinand Weisheitinger aus psychologischer Sicht wieder ein Kraftfahrzeug zur Verfügung zu stellen sei.“ Die Erinnerungen an die leidigen Trambahnfahrten hielt der Weiß Ferdl in „Ein Wagen von der Linie 8“ fest. Sein Leben, sein Werk Der Weiß Ferdl wurde als lediger Sohn einer Kellnerin am 28. Juni 1883 in Altötting geboren. Zeit seines Lebens hat er in Solln, in der damaligen Adolf-Hitler-Allee, die heute Diefenbachstraße heißt, gewohnt. 1907 erhielt er sein erstes Engagement im Platzl, das er dann von 1921 bis 1944 leitete. Er starb am 19. Juni 1949 und ist auf dem Alten Sollner Friedhof begraben. Im Münchner Stadtarchiv, Winzererstraße 68, sind die gesamten Werke des Volkssängers einzusehen. „I woaß net wia ma is 1918 - 1946“ – unter diesem Titel hat der Trikont Verlag Shellack-Aufnahmen des bayerischen Unterhaltungskünstlers herausgegeben, zu denen Christian Springer die Biografie schrieb. Unter dem Titel „Bayerische Schmankerl“ hat der deutsche Taschenbuchverlag Weiß-Ferdl-Geschichten veröffentlicht. Sein berühmtestes Couplet „Ein Wagen von der Linie 8“ (Foto) ist bei Ariola erschienen. Bereits 1930 entstand sein erster Tonfilm „Der unsterbliche Lump“, dem in den nächsten Jahren weitere populäre Produktionen wie „Der Schützenkönig“, „Die beiden Seehunde“, „Der Meisterboxer“ oder „Der Lachdoktor“ (alle Stadtarchiv) folgten. Claudia Theurer

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