„Sister Act“ gegen Erbschleicher

Münchner Nonne will Sterbende und deren Angehörige vor fieser Abzocke schützen

Sie hat Erbschleicherei den Kampf angesagt: Schwester Bernadette von Kloster St. Gabriel in Solln.
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Sie hat Erbschleicherei den Kampf angesagt: Schwester Bernadette von Kloster St. Gabriel in Solln.

Solln: Um ihr Engagement auszubauen, braucht die Ordensschwester einen Raum in der Stadt.

Die Geschichte von Judith hat Schwester Bernadette Brommer nicht mehr losgelassen: Lange Zeit hat die Ordensschwester sich als Seelsorgerin um die gut situierte Münchnerin gekümmert, sie wusste: „Sie wollte immer, dass ihre Nichten und Neffen einmal ihr Erbe bekommen“, berichtet sie. Dann starb Judith – und die Nichten und Neffen gingen leer aus. Stattdessen bekam das Vermögen ein allen unbekannter junger Mann, der ihr manchmal beim Einkaufen geholfen hat. „Die Frau wurde Opfer eines mutmaßlichen Erbschleichers“ sagt Schwester Bernadette. Ein einschneidendes Erlebnis für die Nonne, die bei den Schwestern vom guten Hirten im Kloster St. Gabriel in Solln lebt: Seitdem hat sie mit ihrer Aktion „mysisteract“ den Erbschleichern den Kampf angesagt hat.

Sie veröffentlichte ein Buch zu dem Thema, leistet Aufklärungsarbeit und steht Opfern und Angehörigen für Gespräche zur Verfügung. Sie bietet an, dass Senioren bei ihr eine Vertrauensvereinbarung abschließen. Menschen, die in guter Absicht helfen, bestätigen darin, dass sie das nicht deshalb machen, um einen Anspruch auf das Erbe zu erheben.

Gerne würde Schwester Bernadette ihr Engagement ausweiten. „Es ist ein riesen Thema“, sagt sie. Rund 300 Betroffene hätten sich schon an sie gewandt, auch viele Münchner. Aber Schwester Bernadette fehlen die Ressourcen.

Sie ist eine zierliche Frau mit großen Visionen, wenn es um den Kampf gegen Ungerechtigkeiten geht. „Ich würde gerne ein Netz mit Ehrenamtlichen aufbauen“, sagt sie. Doch: „Dafür bräuchte ich einen Raum.“ Und der ist schwierig zu bekommen: Schwester Bernadette hat kein Budget, das Zimmer sollte mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut erreichbar sein und auch außerhalb der üblichen Öffnungszeiten zur Verfügung stehen. Bei vielen kirchlichen und sozialen Einrichtungen hat sie bereits nachgefragt – aber bis jetzt nichts geeignetes gefunden. Im Kloster ist es ebenfalls schlecht, dort sind viele Zimmer bereits belegt, zum Beispiel für Hilfe für Frauen in Not. „Und das Kloster ist auch nicht so zentral“, sagt Schwester Bernadette. „Ohne festen Sitz ist es aber schwer Helfer zu finden.“ Sie könnte sich zum Beispiel vorstellen mit Anwälten oder Pädagogen zusammenzuarbeiten, außerdem würde sie gerne einen Aufklärungsfilm über die Maschen der Erbschleicher drehen. „Über das Thema spricht man nicht gerne“, erklärt Schwester Bernadette. „Die meisten kommen erst zu mir, wenn es schon zu spät ist.“ Ihr ist es wichtig, dass Angehörige frühzeitig aufmerksam werden, wenn sie Veränderungen bei älteren oder kranken Menschen bemerken.

Erbschleicher – egal ob es Fremde, Familienangehörige, Nachbarn oder sogar Anwälte und Betreuer sind – würden meistens nach einem ähnlichen System vorgehen, so die Nonne: „Wenn sie ein Opfer finden, versuchen sie es aus ihrem sozialen Umfeld auszugrenzen“, sagt sie. Auch bei Judith war das so: „Sie war früher eine fröhliche Frau mit vielen Freunden“, erinnert sich Bernadette. „Dann hat sie Briefe nicht mehr geöffnet und das Telefon nicht mehr beantwortet.“ In einer zweiten Stufe versuchen Erbschleicher dann, die Menschen abhängig zu machen und setzen sie psychisch unter Druck.

Für die Angehörigen gehen die Folgen oft weit über den Verlust des Erbes hinaus: „Bei vielen hängt es auch Jahre später noch nach“, erzählt Schwester Bernadette. „Es sind psychische Horrorszenen.“ Sie hat Fälle erlebt, in denen Sterbende so abgeschottet wurden, dass sich nicht einmal mehr die Kinder von ihnen verabschieden konnten. Rechtlich haben die Angehörigen wenig Chancen, sofern formal alles in Ordnung ist. Auch die Neffen und Nichten von Judith konnten juristisch nicht gegen den jungen Mann vorgehen. Schwester Bernadette leistet auch keine anwaltliche Beratung. Aber: „Es tut den Menschen gut, wenn ihnen einfach jemand zuhört und Beistand leistet“, sagt sie.

Claudia Schuri

Weitere Informationen zum Engagement von Schwester Bernadette findet man online unter der Adresse www.mysisteract.de.

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