Warten auf einen Job

Das harte Leben der Münchner Tagelöhner

MÜNCHEN Mit den ersten Sonnenstrahlen kommt für August-Josef Kohlmaier auch die gute Nachricht: Kurz vor 8 Uhr hastet der arbeitslose Dachdecker mit ein paar Blättern in der Hand nach draußen, hin zu seinem neuen Job. Nichts Dauerhaftes: zwei Tage als Abbruchhelfer, zehn Euro die Stunde. Aber immerhin – als Tagelöhner nimmt der 49-Jährige, was er kriegen kann. Die übrigen 50 Männer in der Job-Sofortvermittlung in der Schäftlarnstraße haben an diesem Tag weniger Glück. Sie sitzen schweigend auf den roten Plastikstühlen in der Wartehalle am Großmarkt – die Wartehalle der Not, mitten im reichen München. Manche kommen täglich, seit Jahren. Für ein paar Euro oder bloß gegen die Langeweile. Hauptsache: Arbeit für den Bauch. Und für ein bisschen Würde. Andere harren hier erst seit kurzem aus. „Durch die Krise sind es mehr geworden“, sagt Jobvermittlerin Brigitte Buchfellner. Seit vergangenem Juli betreut sie 388 Tagelöhner zusätzlich, Männer ohne Job und Hoffnung, die die Arbeitsgemeinschaft München (ARGE) „unständig Beschäftigte“ nennt. So oder so: Es sind menschliche Schicksale, wie das von Lukas Bliege (24): Seit sechs Jahren arbeitslos, Spätaussiedler aus Polen, Hauptschulabschluss, öfter mal im Knast, keine Freundin, keine Ausbildung, kaum Geld, aber viele Schulden. „Ist doch alles nix wert“, sagt der hagere Lukas mit den gegelten Haaren und fingert sich mit zitternden Händen eine Zigarette aus der Schachtel. Er ist nervös, weil er ahnt: Heute ist nix zu holen. „Ich habe keine Sicherheitsschuhe. Ohne die krieg’ ich aber keinen Job auf dem Bau.“ Solche Angebote sind meist die einzigen, die per Fax oder Telefon in der Job-Vermittlung eintrudeln. Trotzdem ist Lukas um vier aufgestanden und aus Fürstenfeldbruck gekommen. Was soll er sonst machen? Er kommt seit sechs Jahren. Brigitte Buchfellner ist auch um 4.30 Uhr aufgestanden – für ihren Job. Seit eineinhalb Jahren versucht sie, den müden Männern am Morgen Arbeit zu besorgen. Frauen vermittelt sie sehr selten – die Jobs sind was für große Hände: Umzugshelfer, Bauarbeiter, Lkw-Fahrer oder Metzger. „Wir haben sogar mal einen Sanitäter vermittelt“, sagt Buchfellner. Acht bis neun Euro netto kriegen die Tagelöhner pro Stunde. Die Jobs kommen von 1400 Firmen aus ganz Deutschland, die während der Krise „flexibel“ sein wollen, wie Brigitte Buchfellner meint. „Man kann das als Ausbeutung sehen“, sagt die blonde Frau, „aber die Männer kriegen so wenigstens die Chance, ein bisschen Geld zu verdienen.“ Wenn sie einen Auftrag zu vergeben hat, gibt sie das über Lautsprecher im Wartesaal bekannt. „Wir brauchen einen Schreiner.“ Oder: „Bauhelfer?“ Dann heben sich die Hände. Wer länger nichts bekommen hat oder als zuverlässig gilt, hat bei Buchfellner gute Chancen. Am Ende entscheidet sie. 1255 Männer hat sie in diesem Jahr schon vermittelt – so steht’s im Computer. Nur heute, da kann selbst sie nichts machen. Um 10 Uhr hocken noch immer rund 50 Jobsuchende im Saal. „90 Prozent werden heute ohne Arbeit heimgehen“, sagt Buchfellner. Lukas ist auch noch da – er lächelt tapfer, ahnt aber schon, dass nichts zu holen ist. „Ich würde alles machen, Hauptsache ich mache irgendwas“, sagt er und schnippt seine Zigarette aufs Pflaster. „Für ein bisschen Geld, ein bisschen besseres Leben.“ Thomas Gautier Bau oder Gartenbau – hier gibt es Arbeit Die Zahl der Arbeitslosen ist laut Agentur für Arbeit München im März auf 61 677 gesunken – gut 1500 weniger als im Februar. Chef Bernd Becking glaubt, dass die Jobnachfrage jetzt im Frühling wieder anzieht – vor allem in typischen Männerberufen wie Bau, Gartenbau, Elektro- und Metallbranche. Das wird auch den Tagelöhnern weiterhelfen – erfahrungsgemäß bekommen nach den Osterferien die meisten eine tägliche Arbeit.

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