Von Nektarinen und Notlagen

Ein Tag unter Ehrenamtlichen: Immer mehr Menschen auf Tafeln angewiesen

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Margot Braun (li.) und ihre Kollegen helfen jeweils an zwei bis drei Freitagen im Monat beim Isartaler Tisch.

20 000 Menschen sind in ganz München auf Lebensmittel der Tafel angewiesen – Tendenz vor allem unter Rentnern: steigend.

Pullach – Auch in den so reichen Gemeinden im Münchner Süden haben Betroffene nicht genug Geld für den Wocheneinkauf. Seit zehn Jahren finden Bedürftige aus Pullach, Solln und Baierbrunn Hilfe beim Isartaler Tisch. 

Anfangs kamen weniger als zehn Menschen, heute sind es 200. 60 Ehrenamtliche sortieren faules Obst aus, schleppen Kisten, verteilen Schokolade – und trocknen Tränen.

Jeden Freitag um acht Uhr morgens beginnt das Gewusel in dem kleinen Haus in der Nähe der S-Bahn-Station Höllriegelskreuth. Die ersten Ehrenamtlichen binden sich die roten Schürzen um, streifen Einweghandschuhe über. Sie ratschen über die letzte Folge Rosamunde Pilcher. Es wird gelacht und gescherzt, während immer mehr Zwetschgen in Papiertüten landen. 

Später werden Margot Braun und ihre Kollegen sie an ihre „Kunden“ verteilen. So nennen die Helfer nicht nur die Menschen, die zum Isartaler Tisch kommen, sondern so behandeln sie die Betroffenen auch. „Bei der Arbeit hier merkt man, wie gut es einem eigentlich geht und auf welch hohem Niveau wir uns beschweren“, sagt Klaus Detzer, Mitglied des Vorstands.

Um 12.30 Uhr öffnen sich die Rolläden zu den Ausgabestellen: Bananen, Karotten, Brot, Eier, Putenfleisch. Teilweise vom Großmarkt zugekauft, teilweise von Supermärkten gespendet. Die ersten Kunden stellen sich in eine Schlange: Senioren, eine junge schwangere Frau, Familien mit Kindern – sie alle erhalten beim Isartaler Tisch nicht nur Lebensmittel, sondern erfahren ein Lächeln, ein Gespräch. Berechtigt ist nur, wer nachweisen kann, dass er bedürftig ist.

Heute gibt es sogar Blumen. Von einigen ihrer Kunden kennt Braun die Namen. Sie packt geschäftig Nektarinen und Ananasstücke in die Einkaufs-

taschen eines weiteren Gastes. „Man muss aufpassen, dass alle gleich viel bekommen“, sagt sie. Und manchmal muss die Rentenerin sagen, dass es jetzt genug ist. Das sei nicht leicht, aber: „Wir müssen alle versorgen.“

Auch wenn der 77-Jährigen die Arbeit beim Isartaler Tisch Spaß macht, darf sie manche Situationen doch nicht zu nahe an sich ranlassen: „Sonst geht’s auf die Seele.“ Wie vor einigen Wochen: Eine junge Mutter, misshandelt von ihrem Mann. Braun suchte ihr Kleidung aus dem Fundus zusammen – und tröstete sie. Heute steht die Frau wieder an der Ausgabestelle – und grüßt Braun mit einem Lächeln.

Dringend neue Helfer gesucht

Viele der Helfer engagieren sich seit Jahren beim Isartaler Tisch. Trotzdem sucht der Verein immer tatkräftige Unterstützung (Anmeldung und weitere Informationen unter der Telefonnummer 089 96 99 20 25). 

Ein Hauptproblem: „Wir haben zu wenig Männer. Oft sind doch schwere Kisten dabei, die gehoben werden müssen“, sagt Klaus Detzer. Arbeiten, die beim Isartaler Tisch erledigt werden müssen, gibt es viele: Früh morgens holen Helfer Lebensmittel bei Supermärkten, Bäckereien und Metzgereien aus der Umgebung mit dem Transporter ab. 

Vor Ort werden Obst und Gemüse von den Ehrenamtlichen gewissenhaft sortiert und verpackt. Am Freitagnachmittag kümmern sich die Helfer dann um die Verteilung an die Bedürftigen. Auch die Kleiderkammer muss von einem Mitarbeiter betreut werden.

Sophia Oberhuber

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