Eine Hütte für die Seele

Glockenbachviertel: Hier eröffnet Deutschlands erstes Café für mentale Gesundheit

+
„Berg und mental“ wird das Café heißen, dass Dominique de Marné (links) und Judith Schacherl im Dezember in der Thalkirchner Straße 62 eröffnen.

Ein völlig neues Konzept: Ein Café für mentale Gesundheit soll einen Anlaufpunkt für Menschen in der Krise bieten – mit Kaffee und Snacks, aber auch Vorträgen und Gesprächen.

Isarvorstadt – Im Durchschnitt sieben Jahre warten Menschen mit psychischen Problemen, bis sie sich Hilfe holen. „Viel zu lang“, findet Dominique de Marné und spricht dabei aus eigener Erfahrung. 

Die 33-Jährige leidet an der Borderline-Störung, hat schon als Jugendliche Emotionsausbrüche durch Alkohol und Ritzen kompensiert, ohne zu verstehen, was los ist. Erst 2014 ging de Marné in Therapie. „Wenn man mich schon zu Schulzeiten informiert hätte, wäre mir wohl vieles erspart geblieben“, so die Bogenhauserin. Darum will sie jetzt einen Ort schaffen, an dem Menschen zwanglos über seelische Gesundheit informiert werden: Am 1. Dezember eröffnet sie mit einem Geschäftspartner im Glockenbachviertel ein Mental Health Café – das erste in Deutschland.

„Berg und mental“ soll der Treff in der Thalkirchner Straße 62 mit Gastraum und zwei Seminarräumen dann heißen. „Eine Anspielung auf Berg und Tal, weil es im Leben auf und ab geht“, sagt die 33-Jährige. Gleichzeitig geht es darum, die Stimmung einer Berg­hütte in die Stadt zu bringen – vom Design her, aber auch vom Gefühl. 

„Es ist schwer, akzeptiert zu werden, wenn man aus dem Raster fällt“, sagt Mitarbeiterin Judith Schacherl (20), die als Folge eines Missbrauchs seit ihrer Kindheit mit Angststörungen kämpft. „Aber auf dem Berg wird keiner von der Hütte wieder weggeschickt, da geht man ganz anders miteinander um“, ergänzt de Marné.

Das Einzigartige an dem von ihr geplanten Cafétreff: Im Gegensatz zu anderen psychosozialen Begegnungsstätten soll die Prävention im Vordergrund stehen. „Es gibt in München viele Angebote und Anlaufstellen für Härtefälle, also Betroffene, deren Krankheit schon chronisch ist.“ Das sei aber nur ein kleiner Teil der Betroffenen, so die 33-Jährige. „Wir wollen für diejenigen da sein, die ihren Alltag noch hinbekommen, obwohl sie vielleicht mal einen blöden Tag haben. Die werden in München alleingelassen.“

Während tagsüber Kaffee und selbstgemachte Snacks serviert werden, soll es abends Vorträge, Workshops oder Lesungen rund um das Thema seelische Gesundheit geben, dazu Yogakurse und Laufgruppen. „Außerdem wollen wir regelmäßig Erstgespräche mit Therapeuten und Sozialarbeitern anbieten“, sagt de Marné.

Viele hätten dem Projekt freiwillig und ehrenamtlich Unterstützung angeboten, nicht zuletzt Makler und Vermieter des Gebäudes. Im Rahmen einer Crowdfunding-Kampagne haben de Marné und ihr Team in nur vier Wochen über 33 000 Euro gesammelt, die den Initiatoren einen größeren Bankkredit ermöglichte. „Das zeigt mir, wie groß der Bedarf an unserem Angebot ist.“ 

Nur auf die Unterstützung der Stadt und der Krankenkassen muss das Projekt bis jetzt verzichten. „Wir sind ein neues Konzept und passen nicht in die alten Förderstrukturen“, bedauert de Marné. So hätte das Mental Health Café frühestens 2020 überhaupt einen Antrag auf Förderung stellen können.

Dabei eilt die Zeit: Dass das „Berg und mental“ noch dieses Jahr eröffnet, ist den Machern wichtig. „Der Jahreswechsel ist so eine sensible Zeit“, sagt Judith Schacherl. Viele sind einsam, bei anderen brechen Konflikte unterm Weihnachtsbaum auf. „Für all diejenigen wollen wir dann schon da sein.“

Romy Ebert-Adeikis

In dieser Woche steht die Psyche im Fokus

Bereits zum 7. Mal findet heuer die Münchner Woche für Seelische Gesundheit statt. Der Schwerpunkt liegt dieses Jahr auf der psychischen Gesundheit im Alter. bis Freitag, 18. Oktober, werden über 170 Veranstaltungen zu dem Thema angeboten. Die Aktionswoche findet alle zwei Jahre rund um den Tag der Seelischen Gesundheit am 10. Oktober statt und ist ein Projekt des Münchner Bündnis gegen Depression und der Landeshauptstadt.

Am Donnerstag, 10. Oktober, wird um 19 Uhr im Freiheiz, Rainer-Werner-Fassbinder-Platz 1, ein Poetry­-Slam zum Thema Mental Health veranstaltet. Eintritt: sieben Euro, ermäßigt drei Euro.

Höhepunkt der Woche ist die Münchner Messe für Seelische Gesundheit am Samstag, 12. Oktober, von 11 bis 16 Uhr im Gasteig München, Rosenheimer Straße 5. An 50 Ständen präsentieren sich Organisationen und Hilfsangebote – darunter auch das Mental Health Café. Auf der Bühne liest das Ex-Fotomodell Ursula Buchfellner (Foto: dpa) aus ihrem Buch „Lange war ich unsichtbar“, außerdem gibt es Musik und Fachvorträge.

Welche Selbsthilfeangebote es in München gibt und wie Selbsthilfe wirkt, erfahren Interessierte am Mittwoch, 16. Oktober, im Selbsthilfezentrum, Westendstraße 68. Die Veranstaltung findet von 18 bis 20 Uhr statt, der Eintritt ist frei.

Das gesamte Programm ist unter www.woche-seelische-­gesundheit.de nachzulesen.

Lesen Sie hier aktuelle Nachrichten aus den Stadtteilen

Ihr Viertel ist nicht dabei? Eine große Auswahl weiterer Lokalthemen finden Sie in unserer Übersicht.

Auch interessant:

Meistgelesen

Kunst gegen kahle Wände – Münchnerin entwirft modernes Konzept für Schule
Kunst gegen kahle Wände – Münchnerin entwirft modernes Konzept für Schule
Hunderte Bäume im Forstenrieder Park gefällt – Anwohner sind alarmiert 
Hunderte Bäume im Forstenrieder Park gefällt – Anwohner sind alarmiert 
20 Personen evakuiert – Psychisch Auffälliger schleudert Tasche in Linienbus
20 Personen evakuiert – Psychisch Auffälliger schleudert Tasche in Linienbus
Auf dem Weg zum Einsatz – Streifenwagen wurde an Kreuzung gerammt
Auf dem Weg zum Einsatz – Streifenwagen wurde an Kreuzung gerammt

Kommentare