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München bringt Erinnerungszeichen für NS-Opfer an ‒ Die tragische Geschichte von Paul Wassermann

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Von: Kristina Beck

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Eine Person hält eine weiße Rose und ein Grablicht.
Die Stadt gedenkt Paul Franz Wassermann. Er wurde 1941 als einer von fast tausend Juden nach Kaunas deportiert und von der SS ermordet. (Symbolbild) © Inga Kjer/dpa

An die 10000 Menschen verloren während der NS-Diktatur in München ihr Leben. Der Opfer des Nationalsozialismus gedenkt die Stadt mit sogenannten Erinnerungszeichen.

München verleiht ein neues Erinnerungszeichen und würdigt damit ein weiteres Leben, das vom NS-Regime ausgelöscht wurde. Am Sonntag, 20. November, wird in der Fraunhoferstraße 26 ein Erinnerungszeichen für Dr. Paul Franz Wassermann (1887‒1941) angebracht. Initiatorin des Erinnerungszeichens ist Hannah Sibylle Wennekers.

Erinnerungszeichen in München: Stadt gedenkt der NS-Opfer

Sie trägt damit auch zur Aufarbeitung ihrer eigenen Familiengeschichte bei: Ihr Großvater war einer der Männer, die 1938 im Zuge der „Arisierung“ die Fabrik des jüdischen Unternehmers Wassermann in der Fraunhoferstraße 16 übernahmen. Drei Jahre später, 1941, wurde Wassermann als einer von fast tausend Juden aus München nach Kaunas deportiert und von der SS ermordet.

+++ Sie wurden getötet, weil sie Jüdinnen waren. Das Luisengymnasium in München ehrt ehemalige Schülerinnen ‒ und arbeitet damit die eigene Vergangenheit auf. +++

Die Übergabe des Erinnerungszeichens an die Öffentlichkeit erfolgt am 81. Jahrestag der ersten Deportation nach Kaunas. Um 11 Uhr findet eine Gedenkveranstaltung im Theater im Fraunhofer, Fraunhoferstraße 9, statt. Es sprechen unter anderem Stadtrat. Florian Roth und die Initiatorin Hannah Sibylle Wennekers.

Ehrenamtliche der Erinnerungswerkstatt München e. V. verlesen Briefe von Dr. Paul Franz Wassermann an seinen Bruder in den USA sowie ein Grußwort von Margie Bone, der Großnichte von Dr. Paul Franz Wassermann.

Um 12.15 Uhr wird das Erinnerungszeichen für Dr. Paul Franz Wassermann nahe dem ehemaligen Wohnort in der Fraunhoferstraße 26 durch Stadtrat Dr. Florian Roth in Vertretung des Oberbürgermeisters an die Öffentlichkeit übergeben.

Wer ist Paul Franz Wassermann?

Paul Franz Wassermann wurde 1887 in München geboren und wuchs in der späteren Fraunhoferstraße 30 auf. Er studierte Chemie, Physik und Botanik an den Universitäten München und Gießen, wo er 1910 promoviert wurde. Danach leitete er mit seiner Mutter und einem Partner die Milly Kerzen- und Seifenfabrik in der Fraunhoferstraße 18.

Er konvertierte 1916 von der jüdischen Religion zum Katholizismus. Wassermann setzte sich als Vorsitzender der akademischen Unterrichtskurse für Arbeiter für deren Weiterbildung ein. Er war zudem zweiter Vorsitzender des Heimat- und Königsbundes, 1920 trat er dem Freikorps Epp bei.

Wassermann musste sterben ‒ trotz Übertritt zum Katholizismus im Jahr 1916

Trotz seiner Konversion und seiner nationalkonservativen Gesinnung geriet er in den Fokus nationalsozialistischer Verfolgung. Die Stadtverwaltung schloss ihn schon 1933/34 von der Belieferung eines Krankenhauses aus. Nach dem Erlass der „Nürnberger Gesetze“ 1935 galt er als Jude. 1937 musste er seine Wohnung verlassen, im Juni 1938 musste er zwangsweise seine Firma verkaufen.

Glaubte er zunächst noch, der neue Eigentümer würde ihn in der Fabrik beschäftigen, so zerschlug sich diese Hoffnung schnell. Seine Bemühungen, in die USA zu emigrieren, scheiterten. Am 20. November 1941 deportierte ihn die Gestapo mit fast tausend an- deren Jüdinnen und Juden nach Kaunas, wo ihn SS-Einsatzgruppen am 25. November 1941 erschossen.

Erinnerungszeichen in München

Etwa 10000 Frauen, Männer und Kinder verloren während der NS-Diktatur in München ihr Leben aufgrund rassistischer, politischer und religiöser Verfolgung, wegen ihrer sexuellen Orientierung, ihrer tatsächlichen oder angeblichen Krankheiten oder ihres unangepassten Verhaltens.

Zum Gedenken an diese Menschen werden auf Antrag an ihren einstigen Lebensmittelpunkten Erinnerungszeichen in Form von Tafeln an Hauswänden und Stelen vor Häusern auf öffentlichem Grund angebracht.

Mit der Durchführung des Projektes ist die Koordinierungsstelle | Erinnerungszeichen im Stadtarchiv München beauftragt. Sie bearbeitet die Anträge und hilft den Initiatorinnen und Initiatoren bei ihren Recherchen.

Kontakt:

Barbara Hutzelmann: 089 233-30851
Dr. Maximilian Strnad: 089 233-30852

Weitere Informationen sind abrufbar unter www.erinnerungszeichen.de und www.map.erinnerungszeichen.de.

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