Hochleite

»Der Wald muss gepflegt werden«

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Kranke Bäume verschatten den Nachwuchs, so wie diese von Rotfäule befallene Fichte. Das sagen Dr. Rudolf Nützel (li.) und Manfred Siering.

PULLACH Hochleite: Fällungsarbeiten verschoben – Naturschützer kritisieren Petition gegen »Kahlschlag«

Zielstrebig steuert Dr. Rudolf Nützel auf einen gelb markierten Baum zu. „Diese Fichte ist von Rotfäule befallen. Das sieht man an der Ausbuchtung am Stamm. Da drin ist alles faul“, sagt der Geschäftsführer der Kreisgruppe München des Bund Naturschutz in Bayern.

Die kranke Fichte ist einer von rund 500 markierten Bäumen, die die Bundesforstverwaltung in dem rund 20 Hektar großen Wald zwischen der Gaststätte „Waldwirtschaft“, dem Bundesnachrichtendienst und der Burg Schwaneck fällen will. Zum Ärger vieler Erholungssuchender: An die 15 000 Bürger hatten eine Petition des Sollners Thomas Jäger an den Bayerischen Landtag unterschrieben, um den „Kahlschlag“ zu stoppen (Hallo berichtete). „Wir wollen keine einschneidenden Veränderungen für unseren Wald, sondern Schutz für unsere Erholungsflächen im Großstadt Ballungsraum“, heißt es in einem Appell an den Bayerischen Landtag. Tatsächlich wurden die Fällungsarbeiten jetzt abgesagt – allerdings nicht wegen der Bürgerproteste. Vielmehr machte die warme Witterung dem zuständigen Bundesforstbetrieb Hohenfels einen Strich durch die Rechnung: Weil der Boden zu warm ist, würden ihn die schweren Maschinen schädigen. Die Arbeiten sind nun auf nächsten Winter verschoben. Wo dieses Jahr in München noch Baumfällungen geplant sind, lesen Sie unten.

Rudolf Nützel und Manfred Siering, Vorsitzender der Ornithologischen Gesellschaft

Eine vom Borkenkäfer befallene 30-Meter-Fichte ist abgebrochen.

in Bayern, können den Aufruhr der Bürger nicht verstehen, von „Kahlschlag“ sei keine Rede. „Der Bund Naturschutz distanziert sich von den Inhalten der Petition. Wir sind für Forstwirtschaft im Ballungsraum München“, so Nützel. Eine behutsame Holzentnahme sei aus umweltpolitischen sowie aus Gründen der Verkehrssicherheit und der Nah​erholung notwendig. „Wir wollen keinen Nationalpark an der Hochleite haben, in dem die Bäume kreuz und quer zusammenbrechen und die Wege versperren. Der BND-Wald ist als Erholungswald der Stufe 1 ausgewiesen. Hier sind sehr viele Radfahrer und Spaziergänger unterwegs.“ Überlasse man den Wald weiterhin sich selbst, meint Nützel, sei die Sicherheit irgendwann nicht mehr gewährleistet.

Auch viele Vogelarten und andere Tiere seien schon verschwunden, sagt Manfred Siering. „Wenn ich auf der anderen Seite ins FFH-Gebiet hineinhorche, höre ich eine große Anzahl an Vogelstimmen. Hier ist es viel leiser.“ Mit der Herausnahme eines Teils der alten Fichten würde sich die biologische Vielfalt erhöhen. Vögeln wie der Blaumeise sei es an der Hochleite beispielsweise zu dunkel.

Um den Wald aufzulichten, sollen vereinzelt Fichten herausgenommen werden. In diesen „Lichtschächten“ können junge Buchen nachwachsen.

Das Ziel: Der BND-Wald soll mittelfristig über Naturverjüngung zu einem Buchenwald umgewandelt werden. Markante Einzelbäume und Biotopbäume sollen erhalten werden, der für die Biodiversität wichtige Anteil an Totholz soll erhöht werden. „Viele Insekten wie der Hirschkäfer und der Eremit brauchen das Totholz.“

Doch auch wenn die Petition keinen Erfolg hatte – eines hätten die Bürger doch erreicht, sagt Nützel. „Der Bundesforst ist sensibilisiert worden.“ So soll beispielsweise auf bereits von Bürgern gepflanzte Weißtannen Rücksicht genommen und weitere Weißtannen oder Eiben gepflanzt werden. Zudem sollen Fußpfade und Abfuhrwege nach der Maßnahme wieder für die Erholungsnutzung hergerichtet werden. das

Hallo München-Service

Hier sollen Eichen weichen

Die Landeshauptstadt wird auch heuer wieder viel Geld für Neubauten ausgeben – und fast immer müssen für diese Projekte Bäume weg. Mehr noch müssen weichen, weil sie alt oder marode sind und beispielsweise Fußgänger gefährden. Allein in Haidhausen werden deshalb heuer über 142 entfernt. Die Vorsitzende des örtlichen Bezirksausschusses ist darüber entsetzt: „So eine große Anzahl hatten wir noch nie. Das ist der Wahnsinn“, sagte sie dem Münchner Merkur. Pro Jahr fallen aus Gründen der Verkehrssicherungspflicht etwa 1000 Bäume – in Grünanlagen, auf Friedhöfen und an Straßen.

Doch auch für neue Bauprojekte müssen Eichen weichen. Die Münchner Stadtentwässerung saniert ab Herbst etwa den Hauptsammelkanal Oberwiesenfeld. Drei Bäume werden dazu gefällt.

An der Baierbrunner Straße wird ab dem Frühjahr eine neue Grundschule mit einer Zweifachsporthalle und Freisportflächen, einem Haus für Kinder und einer offenen Jugendeinrichtung in Holzbauweise errichtet. Dafür fallen 14 Bäume.

Außerdem entsteht an der Ruth-Drexel-Straße eine dreizügige Grundschule mit Räumen für die ganztägige Betreuung, einer Dreifachsporthalle und Freisportanlagen. Baum-Preis: 15. Ferner plant die Stadt mehrere Schulpavillons an verschiedenen Stellen. Dazu werden circa 30 Bäume gefällt. „Die Zahl der Nach- oder Ersatzpflanzungen ist im Allgemeinen höher als die Zahl der Fällungen“, sagt die Sprecherin des Baureferates, Dagmar Rümenapf auf Anfrage von Hallo München.

So wie beispielsweise an dem Straßenzug Wilhelm-Hale-Straße – Friedenheimer Brücke zwischen der Fuß- und Radwegunterführung und der Arnulfstraße. Der wird ausgebaut, um neue Wohngebiete besser an das bestehende Straßennetz anzubinden. „Dafür werden 20 Bäume gefällt, aber 80 neue gepflanzt.“ ska

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