Siegestor voller Plastikmüll

Die Stadt startet eine großangelegte Kampagne – Hallo den Selbstversuch

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Hallo-Mitarbeiterin Stephanie Estermaier hat den Selbstversuch gewagt: Einen Tag ohne Plastik und mit so wenig Müll wie möglich.

München - „#muenchengegenmuell“ lautet das Motto der AWM-Kampagne gegen Plastikmüll - Nur: Geht das im Alltag überhaupt? Hallo-Mitarbeiterin Stephanie Estermaier es ausprobiert

Einen Tag für das Siegestor, eine Woche für einen kompletten Turm der Frauenkirche – so lange brauchen die Münchner im übertragenen Sinne, um die Wahrzeichen mit ihrem Plastikmüll zu füllen. Mit diesen sehr eindrücklichen Bildern und dem Motto „#muenchengegenmuell“ startet der Abfallwirtschaftsbetrieb München (AWM) eine stadtweite Kampagne gegen Plastikmüll. „Es ist fünf vor 12, aber es darf nie zu spät sein“ so Axel Markwart, Kommunalreferent und erster Werkleiter des AWM.

Wieso gerade jetzt? Vor Kurzem hat die Universität Bayreuth eine neue Wasseranalyse veröffentlicht (Hallo berichtete). Das alarmierende Ergebnis: Der Anteil von Mikroplastikpartikeln in der Isar verzehnfacht sich während des Flussverlaufs – von 8,3 (Baierbrunn) auf 87,9 (Moosburg) Partikel pro Kubikmeter Wasser.

2017 produzierten die Münchner knapp 42 000 Tonnen Kunststoff-Müll – umgerechnet pro Kopf also 26,2 Kilo. Klingt zunächst wenig. Das Problem aber ist, dass Plastik so gut wie nichts wiegt. Die Kilo-Angabe ist also gering, der Müllberg aber gigantisch.

Deshalb sollen die Münchner nun sensibilisiert werden. „Es geht nicht darum, mit dem Finger auf die Bürger zu zeigen, sondern sie anzuhalten, es in Zukunft besser zu machen“, so Markwart. Ab sofort sind bis Oktober auf allen Müllwägen der AWM Plakate zu sehen, welche das Plastikproblem verdeutlichen. Gleichzeitig gibt es Flyer mit zwölf praktischen Tipps zur Abfallvermeidung. Beispielsweise wird geraten, in Supermärkten auf die Plastiktütchen fürs Obst zu verzichten. Stattdessen können selbst Beutel mitgebracht werden. Alle Infos zur Kampagne gibt’s unter www.awm-muenchen.de. se

Plastikfrei – geht das?

Plastikmüll vermeiden – klingt natürlich gut. Nur: Geht das im Alltag überhaupt? Hallo-Mitarbeiterin Stephanie Estermaier hat den Selbstversuch gewagt: Einen Tag ohne Plastik und mit so wenig Müll wie möglich.

6.15 Uhr, Zähneputzen:
Bisher erwartete mich im Bad eine Zahnbürste aus Plastik und Zahnpasta aus der Plastiktube. Jetzt steht da eine elektrische Zahnbürste von Happy Brush. Das Besondere: Das Startup aus Neuhausen verzichtet komplett auf Plastikverpackungen. Ende des Jahres folgt der plastikfreie Bürsten­kopf, 2019 soll die komplette Bürste ohne Plastik auskommen. Das Ersatzmaterial entwickeln die Firmengründer Stefan Walter und Florian Kiener aktuell zusammen mit dem Fraunhofer Institut. Auch die Zahnpasta von Happy Brush ist besonders: Sie ist vegan und kommt ohne Palm­öl und Mikroplastik aus. Die Tube ist 100 Prozent recyclebar und ohne Aluminium.

6.30 Uhr, Kaffeetrinken:
Bis jetzt stand da eine Kapselmaschine, bei der ich jeden Morgen für zwei Tassen Kaffee selbige Menge an Kapseln benötigte. Alleine in Deutschland entstehen so jährlich 5000 Tonnen Müll, nur durch Kaffeekapseln. Also benutze ich einen Kaffeezubereiter von „Alfi“. Durch die French-Press-Technik kommt er ohne Kapseln oder Filterpapier aus. Zudem ist er aus Edelstahl, plastikfrei und ressourcenschonend produziert. Kaffee bleibt darin bis zu drei Stunden warm.

7.15 Uhr, Mittagessen vorbereiten:
Essen in der Kantine ist nicht mehr so einfach möglich – dort ist alles in Plastik verpackt. Meine am Abend vorgekochte Tomatensuppe gebe ich in eine auslaufsichere Eco-Brotbox aus Edelstahl, welche aufgrund des Materials bis zu acht Stunden warm hält. Der Nachmittags­snack kommt in eine Eshly-Deli Box. Diese ist aus reinem Eschenholz gedreht (nicht verklebt), ökologisch geölt und in Deutschland produziert.

10.15 Uhr, Auswärtstermin:
Das Wasser für unterwegs kommt in die plastikfreie Edelstahlflasche von „flsk“. Über diese Anschaffung freue ich mich besonders, da ich so gleich noch ein junges Münchner Startup unterstützen kann, welches langlebige und somit ressourcenschonende Flaschen herstellt. Diese sind nicht nur extrem langlebig, sondern auch zu 100 Prozent recyclebar und vollständig schadstofffrei.

13 Uhr Wochenmarkt:
Zwischen zwei Terminen hüpfe ich schnell auf den Schwabinger Wochenmarkt. Hier bekommt man fast alles plastikfrei, da man seine eigenen Behälter mitnehmen kann. So habe ich auch den Landwirt Marinus Eberharter und seine Familie kennen gelernt. Das Besondere an seinem Betrieb: Die Kühe leben in einem offenen Stall mit Mutterkuhhaltung.

14 Uhr, zurück in die Redaktion:
Für das perfekte Foto bin ich viele Kilometer gegangen. Auch hier kann auf einen großen Teil an Plastik verzichtet werden: Die Marke Vivobarefoot hat beispielsweise ihren Schuh „Bloom III“ aus 53 Prozent Algen hergestellt.

18.30 Uhr, Redaktionsschluss:
Erstmal heim und los geht’s mit Waschen und Putzen. Bis jetzt türmten sich Unmengen an Plastikflaschen voll mit Putz- und Waschmitteln. Nun steht dort ein kleiner Holzkasten – der „Sauberkasten“ des gleichnamigen Start­ups. Er beinhaltet alle Zutaten, die man für ökologische Putzmittel braucht. Die „Zubereitung“ macht dann in der heimischen Küche richtig Spaß. Außerdem weiß man gleich, was in welchen Putzmitteln drin ist, gerade im Hinblick auf Allergien.

Fazit:
Der Selbstversuch fiel mir überraschender Weise ziemlich leicht. Allerdings sind einige Plastik-Alternativen in der Neuanschaffung sehr teuer. Der Tagesablauf muss genauer geplant werden und spontane Einkäufe im nächsten Supermarkt sind praktisch unmöglich. Dafür koche ich wieder mehr selbst und freue mich über selbstgemachte Putzmittel.

Stephanie Estermaier

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