Münchner Mietwahnsinn: Erster Stammtisch

In der Sorge vereint - Kämpfen fürs Zuhause

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Großer Andrang: Bis auf die Straße standen die Münchner Mieter für den Stammtisch.

München - Steigende Mieten, Sanierungen, Umbauten, An- und Verkauf, Ungewissheit - Der ganz normale Mietwahnsinn in München: Hallo stellt Schicksale von Betroffenen vor

Wut, Unverständnis, Ungewissheit: Diese Gefühle haben die Münchner beim ersten Mieterstammtisch geschildert. Der Grund ist immer derselbe: Ein Mehrparteienhaus wird an einen Investor verkauft, der die Mietwohnung in Eigentum umwandeln oder den Bestand sanieren möchte. Mietsteigerungen um bis zu das Doppelte sind die Folge. 

100 solcher Fälle betreut der Münchner Mieterverein. 21 Häuser waren beim Stammtisch vertreten – doppelt so viel, wie Mitinitiator Janek Schmidt erwartet hatte. Austausch, Vernetzung und Solidarisierung waren das Ziel. Je mehr Betroffene ihre Geschichten erzählten, desto klarer wurde: Es muss sich etwas tun, und zwar jetzt. Auch die anwesenden Politiker rufen: „Ab auf die Straße!“ Beim nächsten Treffen soll konkret eine Demonstration geplant werden.

Sabina Kläsener

Rücksichtslos Historie zerstört

Bernhard Kitzinger (59) ist über den rücksichtslosen Umbau seines einst so historisch anmutenden Hauses entsetzt.

Bernhard Kitzinger (59): „Ich bin in der Schellingstraße 25 aufgewachsen, meine Mutter wohnt im 1. Stock und ich habe Parterre ein Antiquariat. Im Juli 2017 wurde das Haus nach dem Tod des Eigentümers verkauft – uns hat niemand etwas davon erzählt. Am 1. Februar kamen rund 80 Handwerker, entfernten die Treppe, tauschten Fenster aus. Kurz: Sie entfernten alles Historische bevor der Denkmalschutz das Haus aus den 1860er-Jahren besichtigen konnte. Seitdem leben wir in einem gefährlichen Provisorium.“

Zu teuer für uns

Dieter Helmer (65) fürchtet, dass er sich die Miete nach den Preiserhöhungen bald nicht mehr leisten kann.

Dieter Helmer (65): „2012 starb der Eigentümer der Danklstraße 7. Die Erben verkauften, uns wurde eine Mieterhöhung von 711 auf 1121 Euro angekündigt. Wir haben Angst, dass wir uns die Miete nicht mehr leisten können. Jetzt ist das Haus eingerüstet, aber die neuen Eigentümer reden nicht mit uns.“

„Wissen nichts“

Susanne Zehner (49): „Erst letztes Jahr sind wir vom Vorder- ins Rückgebäude der Thalkirchner Straße 55 gezogen. Vorne ist alles entkernt und aus acht Wohnungen sollen 22 werden. Ob das Gleiche auch in unserem Gebäude passieren soll, sagt uns keiner.“

Rettung Denkmalschutz?

Barbara Hoffmann (57) setzt all ihre Hoffnungen in den Denkmalschutz. Sanierungsbedarf besteht, doch sie befürchtet zu große Veränderungen und Umbauten.

Barbara Hoffmann (57): „Seit 25 Jahren wohne ich in der Ohlmüllerstraße 2 – und will hier bleiben. Eigentümer war bisher eine Erbengemeinschaft. Im Februar wurden wir informiert, dass das Haus verkauft wird. Es waren auch schon Interessenten zur Besichtigung da – an wen verkauft wurde, wissen wir nicht. Es besteht Sanierungsbedarf, zum Beispiel bei Wasser und Strom. Meine Hoffnung: der Denkmalschutz, unter dem das Haus aus den 1890er-Jahren steht.“

Legale Entmietungen

Anja Franz ist Expertin des Münchner Mietervereins. In Hallo erklärt sie, was gegen Entmietungen getan werden kann - und muss.

Modernisierungsumlage: Diesen und andere Begriffe und die damit verbundenen Folgen erläutert der Münchner Mieterverein. Deren Expertin Anja Franz erklärt in Hallo was getan werden kann und was sich tun muss.

Frau Franz, was darf bei der Modernisierung umgelegt werden?
Die Kosten für eine neue Heizung, Balkone, den Ausbau des Dachs oder einen Aufzug werden zu elf Prozent auf die Miete umgelegt – ohne Obergrenze. Diese Miete können sich die meisten nicht mehr leisten. Aktuell betreuen wir rund 100 Fälle, die uns zwischen Januar und Oktober 2017 gemeldet wurden.

Was raten Sie den Betroffenen?
Drei Monate, bevor es losgeht, muss der Vermieter die Modernisierung samt Mieterhöhung mitteilen. Dabei handelt es sich oft um Drohgebärden, denn nicht alle Mieterhöhungen sind rechtens. Mein Rat: Machen Sie sich schlau, solidarisieren Sie sich als Hausgemeinschaft und holen Sie sich juristischen Rat.

Was muss passieren, damit diese Entmietungen ein Ende haben?
Bisher ist dieses Vorgehen legal, die Rechtslage muss sich ändern. Die Umlage muss abgeschafft werden, da sie nicht endet, wenn sich die Modernisierung amortisiert hat. Das ist aber unrealistisch. Stattdessen könnte der Prozentsatz gesenkt werden oder nur zeitlich begrenzt gültig sein.

Sie kämpfen für ihr Zuhause

Janek Schmidt und Yasumi Klönne kämpfen für ihr zuhause.

„Unser Zuhause ist in Gefahr“, sagt Yasumi Klönne. Sie wohnt in der Oberländerstraße 5 in Sendling mit Freund und Tochter. Ebenso Janek Schmidt, der einer von drei Initiatoren des Mieterstammtisches ist. Beide wohnen seit 2012 in dem Haus. Die Sorgen begannen, als vor rund zwei Jahren der Eigentümer starb. Die drei Erben waren sich nicht einig, was nun geschehen soll. Der erste verkaufte an einen Investor, die anderen Anteile folgten.

Wird das Haus saniert, die Mieten stark erhöht oder gar gekündigt? Diese Sorgen beschäftigen die Bewohner, die eine Mietergemeinschaft gründeten. Nicht zu Unrecht, denn über Umwege erfahren sie von der Bauvoranfrage für Modernisierungen: Aufzug, Balkone, Dachausbau und Verkleinerung des geliebten Gartens. Zwei Jahre suchten sie den Kontakt zum neuen Eigentümer – vergeblich. 

„Jetzt sind wir endlich im Gespräch“, erklärt Janek Schmidt. „Der Aufzug ist unnütz, da er das Haus nicht barrierefrei machen würde“, sagt Schmidt. „Und teuer“, fügt Klönne an. Die Kosten von rund 180 000 Euro würden auf die Miete umgelegt werden.

Die Gemeinschaft schickte einen Brandbrief an den Investor. Dieser versprach daraufhin: „Wir werden nichts gegen die Interessen der Mieter durchsetzen.“ Was das wert ist, ist ungewiss. Die Sorgen bleiben. sab

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