Mediziner gesucht

Flüchtlingshilfe in der Praxis

Der Sendlinger Allgemeinarzt Dr. Wolf-Günter Bernhardt behandelt in seiner Praxis auch Flüchtlinge. Foto: das

MÜNCHEN Sendlinger Arzt behandelt junge Ankömmlinge im Krankheitsfall – weitere Mediziner werden gesucht

Mit ausgebreiteten Armen fragt Dr. Wolf-Günter Bernhardt nach der Stärke des Schmerzes: Ist das Stechen stark? Er führt seine Hände zusammen. Oder eher schwach? Seine Gespräche mit Patienten ähneln nicht selten einem Improvisationstheater. „Oft müssen wir uns mit Händen und Füßen verständigen.“ Doch es klappt: Der Sendlinger Arzt kann meist helfen, seine jungen Patienten machen sich beruhigt auf den Rückweg – in die Erstaufnahmebetreuung an der Meindlstraße 5.

Dort werden in Trägerschaft der Katholischen Jugendfürsorge (KJF) rund 30 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge betreut (Hallo München berichtete). „Wir haben schnell gemerkt, dass wir einen Arzt in der Nähe brauchen, der die Jugendlichen versorgt“, sagt Teamleiter Andreas Seefried. Traumatische Erlebnisse in den Kriegswirren und die Strapazen auf der Flucht hinterlassen ihre Spuren. „Viele, die zu uns kommen, brechen nach drei Tagen erst mal zusammen. Es ist einfach zu viel für Körper und Seele“, sagt Seefried.

In diesen Momenten ist Dr. Bernhardt zur Stelle: Der Allgemeinarzt, der seit über 30 Jahren an der Plinganserstraße praktiziert, empfängt die jungen Patienten nur ein paar Minuten von ihrer Übergangsbleibe entfernt. Während der Sendlinger im vorletzten Quartal drei bis vier Flüchtlinge behandelte, waren es im letzten schon an die 20. „Wenn ich die Zahlen für dieses Quartal hochrechne, wären es am Ende zwischen 30 und 40 Patienten.“ Und in Zukunft wird der Bedarf noch größer. Denn im Frühjahr nächsten Jahres sollen hinter dem Sendlinger Sozialbürgerhaus an der Meindlstraße zunächst 112 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in eine Containerunterkunft ziehen (Hallo berichtete).

Die Krankheiten, weswegen die jungen Männer die Praxis von Dr. Bernhardt aufsuchen, unterscheiden sich nicht groß von jenen, die seine anderen Patienten haben: „Bei rund 80 Prozent der Erkrankungen handelt es sich um normale Krankheiten wie Erkältung oder Grippe“, sagt Bernhardt. Physisch oder psychisch traumatisierte Jugendliche überweise er an Spezialisten. Dabei übernähmen nicht alle Kollegen die Behandlung. „Sie haben mit ihren Patienten genug zu tun“, sagt Bernhardt, bei dem kein Patient einen Termin braucht. „Ich bin keine Bestellpraxis. Schließlich weiß keiner, ob er in drei Tagen Fieber bekommt.“

Für ihn war es keine Frage zu helfen: „Ich habe keinen Moment gezögert. Ich behandle alle Patienten gleich – egal ob Privat- oder Kassenpatient, ob Deutscher oder Ausländer.“ Die minderjährigen Flüchtlinge erhalten von den „Wirtschaftlichen Hilfen“ des Jugendamts Krankenscheine, die Seefried an seine Schützlinge im Krankheitsfall verteilt. Bei den Erwachsenen erfolgt die Leistungsgewährung über das Sozialamt, erklärt die Gesundheitsreferentin der Stadt im Interview (s. unten). das

Um Abläufe zu optimieren, sucht Seefried einen Arzt, der einmal pro Woche für ein paar Stunden in das Übergangswohnheim an der Meindlstraße 5 kommt. Interessierte können sich bei Hallo München unter 14 98 15 837 melden.

Hallo München-Interview

„Behandlung von Traumata ist spezielle Herausforderung“

Die Gesundheitsreferentin der Stadt, Stephanie Jacobs (Foto: Tom Trenkle), im Hallo-Interview:

Frau Jacobs, werden die in München ankommenden Flüchtlinge medizinisch versorgt? Gibt es einen Gesundheitscheck?
„Ja, den gibt es. Den in München ankommenden Flüchtlingen wird ein freiwilliges Erstscreening angeboten.Dieses wird auch gerne angenommen. In der Erstaufnahmeeinrichtung Bayernkaserne findet dann die Untersuchung nach dem Asylverfahrensgesetz statt. Dies ist eine verpflichtende umfassende Untersuchung für Asylsuchende, die in einer Aufnahmeeinrichtung oder Gemeinschaftsunterkunft untergebracht sind. Sie dient der Diagnose beziehungsweise dem Ausschluss von Infektionskrankheiten.“

Was sind häufige Krankheiten von Flüchtlingen?
„Viele Ankommende sind einfach nur erschöpft, müde oder dehydriert von der langen, beschwerlichen Flucht. Schwere Krankheiten sind eher selten.“

Sind Flüchtlinge krankenversichert? Wer trägt die Kosten? 
„Die Kosten für das Erstscreening und auch für die verpflichtende medizinische Untersuchung nach dem Asylverfahrensgesetz trägt der Freistaat Bayern. Flüchtlinge sind zunächst nicht krankenversichert. Sie haben jedoch über das Asylbewerberleistungsgesetz Zugang zur medizinischen Versorgung. Die Leistungsgewährung erfolgt über das Sozialreferat. Auch die Kosten für die medizinische Versorgung trägt der Freistaat Bayern.“

Was ist, wenn Flüchtlinge in der Erstaufnahmeeinrichtung krank werden? 
„Es gibt eine ärztliche Versorgung in der Erstaufnahmeeinrichtung Bayernkaserne. Dort bieten die ,Refudocs‘ regelmäßig eine ärztliche Sprechstunde an. Die ,Refudocs‘ sind ein Verein engagierter Ärzte verschiedener Fachrichtungen. Wenn notwendig, erfolgt auch eine Überführung in die medizinische Regelversorgung.“

Ist das medizinische System überlastet? 
„Nein, das medizinische System ist in München im Vergleich besonders gut aufgestellt. Es gibt aber spezielle Herausforderungen wie die Behandlung von traumatisierten Menschen, auch Kindern und Jugendlichen oder die Unterbringung, Versorgung und Betreuung von Schwangeren oder Müttern mit Neugeborenen. Diese haben – auch aufgrund ihrer Fluchterfahrungen – erhöhten Betreuungsbedarf.“

Werden noch Ärzte gesucht? 
 „Zunächst einmal möchte ich allen Helfern für ihr großes Engagement danken! Für alle, die helfen und unterstützen wollen, auch für Ärzte, bietet die Stadt unter www.muenchen.de Informationen an.“ Interview: das

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