Zweifel an einer „echten Mitte“

Mit der geplanten Bebauung am Hanns-Seidel-Platz kann sich das „Münchner Forum“ nicht recht anfreunden. Das Gremium zweifelt, dass damit wirklich eine „echte Mitte“ enstehen wird. Visualisierung: Spacial Solutions International GmbH

Das „Münchner Forum“ zweifelt daran, dass mit den vorgelegten Plänen für die Bebauung des Hanns-Seidel-Platzes in Neuperlach eine echte Mitte entstehen kann. In einigen Punkten gebe es hier noch deutlichen Optimierungsbedarf. Kritik gibt es unter anderem an der großen Wiese im Mittelpunkt, am Markt-Standort, an der Ladenzeile und an den Gebäuderiegeln im Norden und Süden.

Was macht ein Stadtteilzentrum aus? Diese Frage stellte sich das bekannte „Münchner Forum“ im Zusammenhang mit der Planung für den Hanns-Seidel-Platz in Neuperlach. Das „Münchner Forum“ ist ein Gremium, in dem Stadtplanung und -entwicklung kritisch begleitet werden. Nach ausführlicher Betrachtung von Bauentwurf und Bebauungsplan kam man zum dem Schluss, dass hier klare Antworten noch fehlen. Kardinalfehler Schon bei der Auslobung des Wettbewerbs hat die Stadt nach Ansicht des „Forums“ einen Kardinalfehler begangen: Sie hat den Planungsumgriff falsch gewählt. „Die teilnehmenden Architekten hatten lediglich die Aufgabe, die Stadtbrache zwischen dem Busbahnhof im Norden und der Von-Knoeringen-Straße im Süden sowie der Thomas-Dehler-Straße im Westen und der Fritz-Erler-Straße im Osten zu überplanen.“ Eine Stadtmitte müsse aber gerade im Kontext mit ihrer Umgebung funktionieren. So wurden die beiden großen angrenzenden Straßen und Aussagen, wie man sie überwinden bzw. das Zentrum an die Umgebung anbinden kann, gar nicht geprüft. Auch die Frage, ob und wie der gestalterisch wenig aufregende, aber viel Platz wegnehmende Busbahnhof in das Zentrumsgebiet hätte integriert werden können, wurde ausgeklammert. Wiese notwendig? Im „Münchner Forum“ zweifelt man daran, „ob das sehr grüne Neuperlach als städtische Mitte ausgerechnet eine grüne Wiese benötigt“. Sicher gebe es in der Stadt für jeden grünen Anger großen Beifall. Doch für ein Festzelt werde künftig ebenso wenig Platz bleiben wie für ein Zirkusgastspiel, wolle man den Rasen nicht ruinieren. Auch die Idee des Tiefhofs gibt Anlass zu Kritik. Dieser abgesenkte Platz sei ja zugleich als Aktionsfläche und große Bühne gedacht, wie die Anordnung der überdimensionalen Freitreppe zur zentralen Wiese zeige. „Wie das funktionieren kann, wenn er gleichzeitig mit Tischen und Stühlen verstellt wird, ist unklar.“ Sackgasse Graben Dieterles Grundidee sei die einer zweistöckigen Laden- und Gastronomie-Straße. Sie soll in einer unterirdischen Passage vom U-Bahn-Sperrenge-schoss zuerst zum so genannten Tiefhof führen und dann an dem die zentrale Wiese begrenzenden Wasserfall entlang führen und so weitere kommerzielle Anbieter mit Publikum versorgen. Dies sei einleuchtend, wenn dieser Graben irgendwo hin führen würde, kritisiert der Arbeitskreis Bauleitplanung des „Münchner Forums“. Doch der Graben, der nach Süden allmählich schmäler werde, ende lediglich vor einer Treppe. Hochhaus Die Frage sei auch, ob das Hochhaus, das am Eingang zu diesem Quartier als Pendant zum pep-Eingang entstehen soll, als städtebauliches Zeichen taugt. Denn mit seinen 60 Metern werde es nicht ganz so hoch aufragen wie die höchstgelegenen Wohnungen im Neuperlacher Wohnring. Es sei daher fraglich, ob dieses Haus tatsächlich die städtebauliche Funktion eines die Mitte signalisierenden Rathaus oder Kirchturms einnehmen könne. Kritikpunkt Markt Der Markt ist bislang ein Magnet im Neuperlacher Zentrum und soll das auch bleiben. Deshalb soll er rund um das Hochhaus einen prominenten Standort bekommen. Das wäre gut so, würde er nicht durch zwei Geschäftsgebäude zerschnitten. So würden sich zweit- und drittklassige Lagen entwickeln, prophezeit das „Münchner Forum“. Zwar sollen Fachmärkte in diesen Geschäftsgebäuden für zusätzliches Publikum sorgen, trotzdem scheine die Zergliederung des Marktbereichs in mehrere Teilmärkte nicht zu Ende gedacht. „Schon wenn man den ersten Gebäuderiegel anders positioniert, könnte ein besser zusammenhängender Stadt- und Marktplatz entstehen.“ Gebäuderiegel Überhaupt die Gebäuderiegel: So sinnvoll es sei, sie teilweise straßenparallel anzuordnen, um somit einen geschützten Bereich im Inneren zu erreichen, so fraglich sei ihre Anordnung im Detail. Im Süden war einmal ein Hotel geplant. Das hätte einen Anfahrtsbereich gebraucht – der Knick in der Fassade dieses Hauses an der Von-Knoeringen-Straße erinnert daran. Nun kommt dort aber gar kein Hotel. Was bleibe, sei „unmotiviertes Straßenbegleitgrün entlang einer Fahrstraße, an der kaum jemand spazieren gehen wird“. Ähnlich die Situation im Norden: Das gegen den Busbahnhof abtrennende Gebäude knickt ebenfalls mittig ein und gebe der geplanten neuen Rampe zur Fußgängerbrücke über die Fritz-Erler-Straße „sehr viel überflüssigen Raum, der im besser nutzbaren Blockinneren fehlt“. Der modische Knickstil dieser Gebäude habe keine erkennbare Funktion, koste nur Fläche und sollte überdacht werden, so das „Forum“. Schöne Versprechen Insgesamt enthält die Neuperlacher Zukunft nach Ansicht des „Münchner Forums“ eine Reihe recht schöner Versprechen, für die aber andere, bisher bewährte Nutzungen zurück stehen müssten. Ob mit dem, was hier vorgesehen sei, wirklich das Stadtzentrum einer real existierenden Großstadt wie Neuperlach entstehe, sei jedoch nicht abzusehen. „Alle urbane Hoffnung auf das kulturelle Stadtteilzentrum zu setzen, heißt aber, dessen Leistungsfähigkeit vorhersehbar zu überfordern“. Fraglich sei auch, ob Neuperlach sein städtisches Leben im Wesentlichen aus einer Vergrößerung des pep ziehen sollte, dessen Flächen um 20 Uhr rigoros abgesperrt werden. Zumindest die öffentlichen Räume des neuen Areals müssten offen bleiben. Eine Forderung, die vor allem die künftigen Betreiber des Kulturzentrums und deren Konzept treffen dürfte. Noch aber sind nach Ansicht des „Münchner Forums“ zu viele Fragen offen, als dass München in Neuperlach schon Bagger anfahren lassen sollte. Carmen Ick-Dietl

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