Zehn Jahre Volk Verlag

 „Ein Buch hat Bestand“

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Ein Buch hat Bestand

Bücher in Kartons. Bücher in Regalen. Bildbände, Taschenbücher, Kalender, Ansichtsexemplare und original Verpackte. Genau so stellt man sich einen Verlag vor.

Einen Verleger stellt man sich aber anders vor als Michael Volk: älter, gemütlicher, irgendwie fauler. Volk dagegen ist voller Energie. Fast schon nervös ordnet er die einzelnen Monate des Kalenders „Hoch über Bayern“, bis die Panoramaaufnahme vom Eibsee und der herzförmigen Insel mittendrin wieder oben ist. 

„Soll ich die Geschichte wirklich von Anfang an erzählen?“, fragt er ungläubig. Er meint die Geschichte seines Verlags, der heuer zehn Jahre alt wird und seit sechs Jahren in Berg am Laim sitzt. Nach einigem Zögern beginnt er aber zu erzählen, vom Zivildienst, wo er viel Zeit zum Nachdenken hatte und vom Lehramtsstudium, das ihm als „äußerst erfolgsverheißend“ nahegelegt wurde.

Doch letztlich kam alles ganz anders. Nach einem Praktikum im Buchhandel lernte er einen Finanzverleger kennen und brachte Finanzbücher auf den Markt. Mit Erfolg: „Alles was sie über Aktien wissen müssen“ wurde zum Beispiel ein Bestseller. Nach dem Börsencrash ging es „genauso steil runter, wie es rauf ging“. Und da beschloss Volk, „ab jetzt was Schönes zu machen“ und gründete seinen eigenen Verlag auf dem Dachboden des Familienhauses in Trudering. Die ersten vier Jahre spielte sich alles hier ab: Die Mitarbeiter und die Autoren gingen ein und aus. Gearbeitet wurde Tag und Nacht. „Manchmal fällt einem noch im Bett etwas ein und dann will man nur schnell raufgehen und bleibt hängen ...“ Wie er diese Zeit überstanden hat? „Ich habe einfach die richtige Frau geheiratet“, antwortet Volk. Und damit meint er nicht nur die Geduld und die mentale Unterstützung, sondern auch die IT-Kompetenz seiner Frau, die als Informatikerin dafür sorgt, dass alles glatt läuft. 


„Wir machen alles selbst – vom Manuskript bis zur pdf-Datei, die in die Druckerei geht“, erklärt Volk. Manche Bücher brauchen nur wenige Wochen, andere nehmen Jahre in Anspruch. Das ausschlaggebende Kriterium bei der Auswahl der Projekte sei der Autor selbst: „Der Autor muss für den Inhalt stehen, sonst klappt das nicht!“ Nach zehn Jahren im Geschäft hat Volk ein Gespür dafür entwickelt, was ankommt. „Wenn ich mich mit einem Autor unterhalte, habe ich das Buch schon im Kopf“, sagt er. „Und da gibt es Sachen, die man machen muss, sonst macht es ein anderer und dieser Gedanke ist unerträglich.“ 


So eine Sache war zum Beispiel „Munich Boazn“ von Maximilian Bildhauer. Der junge Kommunikationsdesigner wollte seine Abschlussarbeit – einen Stehkneipenführer für seinen Stadtteil Giesing – als Buch herausbringen. Mit seiner Arbeit will Bildhauer die ausgelagerten Wohnzimmer porträtieren und gleichzeitig ihr Verschwinden zu Gunsten eines neuen Coffee-Shops oder eines Architekturbüros dokumentieren. Dem Buch sind abziehbare Klebe-Trauerstreifen beigefügt. „Es war im Prinzip schon fertig“, sagt Volk, nimmt das Büchlein im Hosentaschenformat aus einem Regal heraus und blättert darin. „Ich musste es haben!“ Volks Motivation hat mit Kommerz genauso wenig zu tun wie mit kitschigen Floskeln um Beruf und Berufung. Es gehe um Komposition, darum verschiedene Zutaten ansprechend vermischen zu können. „Das Schöne ist, dass ein Buch Bestand hat. Eine Pizza geht in den Konsumenten über. Aber ein Buch bleibt, egal wie oft es gelesen wurde.“


„Lust auf Bayern“ heißt der Katalog für Herbst 2012: Neuheiten wie die ersten zwei Bände der Reihe „Bayern genießen“ und Bewährtes wie die beliebte Stadtteilreihe „Zeitreise ins alte München“ sind im Programm enthalten. Ebenso der besagte Kneipenführer „Munich Boazn“ und ein weiteres Stück bayerischer Wirtshauskultur – das Liederbuch von Dr. Adolf Eichenseer „Heit san ma wieder kreizfidel“, in dem er „gschaamige und ausgschaamte“ Wirtshauslieder vorstellt. Der Name „Volk“ sei eben eine Marke für bestimmte Inhalte. Es gehe um Geschichte und Authenzität. „Wir wollen Lust auf Bayern machen, mit dem was da ist“, erklärt der Verleger. Auf Ausschmückungen und Stimmungsmache werde bewusst verzichtet – „Der Inhalt allein lässt Stimmung aufkommen“.


Das erste Buch, das der Volk Verlag herausbrachte, war „Trudering, Waldrudering, Riem“ in II. Auflage. Die erste Auflage war noch im Buchendorfer Verlag erschienen, der eine ähnliche Linie verfolgt hat. Als dieser jedoch insolvent ging, wechselten viele Autoren zum jungen Volk Verlag. In diesem ersten Buch mit dem Untertitel „Münchens ferner Osten“ bildeten neun verschiedene Autoren anhand von Alltagsgeschichten, Originalfotos, Karten und Dokumenten die Geschichte und Gegenwart der östlichen Stadtteile ab. 

Als Nächstes bekamen Ramersdorf und Berg am Laim ein Gesicht. Erich Kasberger – Autor, Historiker und ehemals Lehrer am Michaeli-Gymnasium – kombinierte die Geschichte eines Großprojekts der Münchner Städteplanung mit Lebenserinnerungen von Bewohnern an ihre Kindheit in Ramersdorf und Berg am Laim. Kasberger ging auch mit seinen Schülern los, um die Geschichte vor Ort zu erforschen und machte ganz neue Entdeckungen. Zum Beispiel „dass das Pflegeheim St. Michael während der NS-Zeit eine Heimanlage für Berg am Laimer Juden war, eine Zwischenstation, bevor sie deportiert wurden“, erzählt Volk. 

Diese und weitere Fakten finden sich in dem legendären „Berg am Laim“-Buch. 


Dem dunklen Kapitel in der Geschichte von München gesteht Volk eine besondere Rolle zu: „Das ist eine Aufgabe, die man als Verleger hat!“ Letztes Jahr ist „Leben in zwei Welten“ erschienen: Tagebücher und Briefe des jüdischen Paares Else Behrend-Rosenfeld und Siegfried Rosenfeld während der NS-Zeit. Else Behrend-Rosenfeld war unfreiwillige Leiterin der besagten Heimanlage, während ihrem Mann die Flucht nach England gelungen ist. Erich Kasberger und Marita Krauss kommentieren und entschlüsseln die Tagebücher und Briefe, zahlreiche historische Aufnahmen aus Privatbesitz machen das Familienschicksal lebendig. 

Max Mannheimer bekam von Michael Volk zu seinem 91. Geburtstag eine Biografie, in der Freunde und Weggefährten wie Charlotte Knobloch, Hans-Jochen Vogel und Christian Ude sowie enge Familienangehörige zu Wort kommen.


Für Karl Valentins Biografie hat sich der gebürtige Berg am Laimer was ganz Besonderes ausgedacht: Ein Comic, gezeichnet von 19 verschiedenen Künstlern des Comicvereins Comicaze. „Es gibt viele Karl-Valentin-Biografien, aber nicht als Comic!“ Auch das Oktoberfest hat zu seinem 200. Geburtstag einen eigenen Comic mit „Wiesn Geschichten“ bekommen, die zwölf Stories, erstklassige Grafiken und geistreichen Wortwitz vereinen. 

Ich hätte nicht gedacht, dass wir so schnell hier hinkommen

„Über schöne Bücher kann man Menschen erreichen“, weiß Volk. Die Bildbände „München im Überblick“ oder „Hoch über Bayern“ überraschen den Betrachter, bringen ihn zum Nachdenken. 

Das klappt offensichtlich auch beim Verleger selbst. Nachdenklich fährt er wieder mit seinen Fingern über das Kalenderblatt mit dem Eibsee. Sein Fazit nach zehn Jahren? „Ich hätte nicht gedacht, dass wir so schnell hier hinkommen und einer DER Verlage in Sachen Bayern werden“, sagt er ohne eine Spur von Stolz. Nicht mal ein siegesbewusstes Grinsen zeichnet sich auf seinen Lippen ab. Für einen kurzen Moment wirkt er ganz ruhig. Und dann stürzt er sich wieder in seine Arbeit.

Galina Gostrer

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