HALLO-Serie „Natur im Fokus“

Gewürzkräuter, Gemüse und Gemeinschaft

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Irene Prestele betreut das „Urban Gardening Projekt“ im Werksviertel. Sobald sie sich auf die Bierbank setzt und Kräuter verarbeitet, bleiben Menschen stehen — man kommt ins Gespräch. Diese Offenheit schätzt Prestele an dem Projekt.

Das Motto des Werksviertels in Berg am Laim lautet „Urbanität neu erleben“. Arbeiten, Wohnen, Feiern oder Konzertbesuche — alles ist quasi nebeneinander im neu entstehenden Viertel am Ostbahnhof möglich. Und so findet man frische Kräuter für den Mittagssnack oder Schnittblumen für den Schreibtisch ebenso mittendrin. 20 Pflanzentröge stehen für „Urban Gardening“ bereit. Mitmachen kann jeder mit Spaß am Gärtnern.

Pflanzen, wohin man sieht: Im Werksviertel in Berg am Laim stehen etliche Hochbeete. Die meisten von ihnen sind ungepflegt — Unkraut, winzige Erdbeeren, Konfetti, Lavendel. An den gepflegteren Beeten, die am Eingang zum Areal „Container Collective“ stehen, sind Schilder befestigt. Zwischen 15 und 20 Freiwillige, die im Werksviertel arbeiten oder in der Nähe wohnen, pflegen den Werksgarten im neu entstehenden Viertel. Begonnen hat alles im Mai vergangenen Jahres, als die Stadt München Pflanzen und 20 Tröge zur Verfügung stellte. Die Beete sind jederzeit und für jeden zugänglich. Wer möchte, kann eine Partnerschaft übernehmen. Dafür wird dieses mit einem hölzernen Löffel markiert, auf dem der Name steht. Angepflanzt werden kann frei nach eigenem Geschmack. Es gibt auch keine Vorschriften zum Saatgut. „Die Leute, die mitmachen, pflanzen ohnehin nur Bio an“, sagt Martin Schütz, der das Projekt betreut. Kräuter, Gemüse und sogar kleine Obstbäume sind in den Beeten zu finden. „Wer hier im Büro arbeitet und in der Mittagspause Kräuter in seinen Quark geben möchte, kommt und nimmt sich welche mit“, erklärt Schütz. Das Konzept erinnert an einen Garten Eden, jeder darf etwas pflücken, unabhängig davon, ob er sich selbst am Garteln beteiligt. Auch wenn Feiernde spätabends aus der gegenüber liegenden Bar of Bel Air stolpern und einen kleinen Apfel mitnehmen, ist das okay. „Das ist so abgesprochen“, erklärt Schütz. „Seitdem die Schilder an den Hochbeeten hängen, finden wir auch keine Zigarettenstummel oder Bierflaschen mehr darin. Die Leute respektieren das.“ Es gibt einen festen Tag, an dem sich die Hobbygärtner treffen. Dann sind meistens auch Schütz und Irene Prestele, die sich ebenso für das Projekt engagiert, anwesend. Kommen kann jeder, wann er möchte. Deshalb kümmert sich jeder auch um alle Hochbeete, wenn er schon mal im Werksgarten ist. „Diese Offenheit ist sehr wichtig für das Projekt. Die Menschen können sich über ihr Gartenwissen austauschen“, sagt Prestele. Sie setzt sich auf die Biergartengarnitur, die zwischen den Hochbeeten steht. Auf den Tisch haben die Teilnehmer bereits eine ganze Menge Kräuter abgelegt, die Prestele nun verarbeitet. Ein älterer Herr setzt sich dazu. Eine junge Familie, Mitarbeiter aus den anliegenden Büros oder Rentner: Jeder ist im Werksgarten willkommen. So wird sich beim Garteln über Generationen hinweg ausgetauscht. Bei dem „Urban Gardening Projekt“ geht es eigentlich weniger um das typische Gärtnern, wie man es von Kleingartensiedlungen mit abgetrennten Grundstücken kennt. Das Miteinander steht im Mittelpunkt“, erklärt Schütz. So wie bei all den Gemeinschaftsgärten, die es mittlerweile in und um München wie in Perlach oder Ottobrunn gibt. Der Ertrag der Pflanzen sei nicht entscheidend, was man auch an der Größe der Bepflanzung im Werksgarten nachvollziehen kann. Auch wenn die Ernte eher einen symbolischen Charakter hat, fühlen sich Insekten wegen der Pflanzentröge in dem so urban wirkenden Viertel wohl. Schmetterlinge, Bienen und Hummeln fliegen von Blüte zu Blüte. Außerdem haben Ameisen den Werksgarten für sich entdeckt: Ihre Straßen ziehen sich von Beet zu Beet. „Gegen Schädlinge werden keine Pestizide oder andere Gifte eingesetzt“, erklärt Schütz. Unliebsame Besucher werden zum Beispiel mit dem angepflanzten Lavendel vertrieben. Gießwasser steht in Tanks bereit. Neuerdings gibt es sogar einen Gartenschlauch, der an eine Wasserleitung angeschlossen ist. So müssen die Gießkannen nicht immer wieder befüllt werden. Ein Gartenhäuschen beherbergt alle Utensilien, die benötigt werden. „Es kommen immer neue Leute dazu“, erzählt Prestele. Und so soll es auch sein. „Wir freuen uns über neue Teilnehmer“, sagt Schütz. Zwischen Wassertank und Gartenhaus stehen schon weitere Tröge bereit, die wie Kartoffelkisten aussehen. „Das Design soll an die Geschichte des Werksviertels erinnern“, erklärt Schütz. Die neuen Beete warten darauf, Obst, Gemüse und Kräuter zu beherbergen. Wer sich für den Umgang mit Pflanzen, aber auch mit Menschen begeistern kann, ist im Werksgarten genau richtig.
Pia Getzin

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