Denn sie kannten die Macht der Worte

Wanderausstellung zur Weißen Rose in der Feierwerk Südpolstation Neuperlach

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Hans und Sophie Scholl gehörten zum Kern der Weißen Rose, die in den Jahren 1942 und 1943 mit Flugblättern zum Widerstand gegen das NS-Regime aufriefen — und dafür ermordet wurden.

Die Geschwister Scholl gehören zu den bekanntesten Widerstandskämpfern gegen den Nationalsozialismus. Für ihre Überzeugungen haben sie sogar in letzter Konsequenz den Tod in Kauf genommen. Damit ihr Wirken nicht in Vergessenheit gerät, richtet die Feierwerk Südpolstation die Wanderausstellung „Weiße Rose“ aus.

Worte haben Macht. Sie können Menschen glücklich machen, sie schwer treffen oder gar töten. Die Worte, die die Geschwister Scholl 1943 auf ihren Flugblättern verteilten, führten letztlich zu ihrer Ermordung. Heute zählen sie zu den bekanntesten Widerstandskämpfern Deutschlands. Doch immer mehr rechte Parteien versuchen die NS- Widerstandsgruppe, die Weiße Rose, seit einiger Zeit für ihre politischen Zwecke zu missbrauchen. So hatte die Junge Alternative im vergangenen Herbst Flugblätter an der Ludwig-Maximilians-Universität verteilt, auf denen Zitate von Sophie Scholl standen. „Dort, wo vor 75 Jahren die Weiße Rose [...] Flugblättern zum Widerstand gegen die Nationalsozialisten aufrief, entschied sich die Junge Alternative dazu, zu provozieren“, schreibt der Blogger Benjamin Brown. Auch Aktivisten der inzwischen aufgelösten rechtspopulistischen Partei „Die Freiheit“ haben eine Weiße-Rose-Gruppe gegründet. In Neuperlach trat ihr ehemaliger Bundesvorsitzender Michael Stürzenberger bereits mehrfach im Zusammenhang mit Pegida-Demonstrationen auf. In einem Youtube-Video behauptet er, die NSDAP sei eine linke Partei gewesen und man müsse die Gefahr, die auch heute wieder von links ausgehe, bekämpfen. In diesem Zusammenhang nennt er die Widerstandskämpfer der Weißen Rose als Vorbilder.

Diese Verdrehung der Fakten ärgern Andreas Albrecht zutiefst. Er ist Jugendleiter der Feierwerk Südpolstation und Mitglied von Amnesty International. „Das ist absolut dreist“, sagt er. Die Widerstandskämpfer gaben ihr Leben für eine offene und liberale Gesellschaft. Sie kämpften im zweiten Weltkrieg gegen rechte Parteien. Dass nun ausgerechnet Gruppierungen aus diesem Spektrum die Weiße Rose dazu benutzen, um gegen den Islam zu hetzen, ist mehr als ironisch. Gemeinsam mit anderen Jugendleitern hat Albrecht überlegt, wie sie dem entgegenwirken können. Im Team der Feierwerk Südpolstation entstand die Idee, die Wanderausstellung der Weißen Rose Stiftung in die Räume der Südpolstation nach Neuperlach zu holen. 47 Text- und Bildtafeln beschreiben dort die Entstehungsgeschichte der Weißen Rose. Für Schulklassen besteht das kostenlose Angebot, im Kino der Feierwerk Südpolstation aus drei Filmen („Die Widerständigen. Zeugen der Weißen Rose“, „Katastrophe und Neubeginn“ und „Sophie Scholl – Die letzten Tage“) zu wählen und anschließend zu diskutieren. Sehr dankbar wurde das bereits zwei Mal von der Mittelschule an der Albert-Schweitzer-Straße angenommen. „Vor allem nach den Filmen waren die Schüler geplättet“, erinnert sich Albrecht. „Krass!“, hörte er von vielen. „Wenn die Bilder in Farbe wären, könnten das welche von uns und in unserer Zeit sein.“ Viele habe erst einmal geschluckt, weil ihnen bewusst wurde, was damals abgelaufen ist.

Gerade weil die Feierwerk Südpolstation ein offener Treff für junge Menschen ist, wollen die Organisatoren dort eine kostenlose Informationsplattform liefern. Denn Aufklärung ist immer noch das wirksamste Mittel gegen falsche Informationen. „Durch die Besucher der Ausstellung merkten wir, dass viele neunten Klassen der Mittelschule überhaupt nicht wussten, was die Weiße Rose war und wofür sie stand“, sagt Albrecht. „Da ist ein regelrechtes Informationsloch und das nutzen rechte Parteien für sich aus.“ Sein Ziel ist es, dass Menschen wieder mehr darüber nachdenken, was sie an Informationen erhalten. „Man muss sich auch einfach mal verinnerlichen, was für eine Leistung es damals war, Informationen zu verbreiten“, sagt Albrecht. Wo heute schnell eine Rundmail verschickt oder eine Website angelegt ist, mussten die Widerstandskämpfer damals persönlich mit dem Zug von München in andere deutsche Städte und sogar bis nach Österreich reisen. In ihren Koffern hatten sie die Flugblätter. Und das unter der ständigen Gefahr, erwischt und deportiert zu werden. „Stell dir das mal vor!“, sagte ein Lehrer nach dem Film zu einem Schüler. „Du bist aus Afghanistan, und nur deswegen kommst du in die rechte Ecke. Dort stehen alle, die aussortiert werden.“

Täglich prasseln Informationen auf die Menschen ein. Diese zu filtern und richtig zu recherchieren, ist nicht immer einfach. Mit der Ausstellung wollen die Organisatoren davor warnen, auf falsche Informationen hereinzufallen. Denn es sind eben nicht „nur“ Worte, die verteilt werden.

Lydia Wünsch

Die Ausstellung „Weiße Rose. Der Widerstand von Studenten gegen Hitler 1942/1943“ ist dienstags bis samstags von 14.30 bis 18 Uhr in der Feierwerk Südpolstation am Gustav-Heinemann-Ring 19 zu sehen. Anmeldung für Gruppen sowie für die Nutzung des Kinos sind per Telefon 46 08 86 04 oder per E-Mail an andreas.albrecht@feierwerk.de zu richten. Am Freitag, 24. Mai, findet um 15 Uhr eine Finissage mit Hildegard Kronawitter, Vorsitzende der Weiße Rose Stiftung, statt.

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