Waldperlach und München – nicht einfach

Gags über das Stadtviertel hat sich Oberbürgermeister Christian Ude am Samstag auf dem Waldheimplatz verkniffen. Stattdessen hat er zum 100-jährigen Jubiläum ein wenig die Waldperlacher Seele gestreichelt und die aktiven Vereine hoch gelobt. Der OB weiß schließlich nur zu gut, dass die Waldperlacher sogar schon einmal aus seiner Stadt ausgemeindet werden wollten.

„Waldperlach aus der Landeshauptstadt aus- und dem Landkreis anzugliedern“, diesen Antrag stellte im Jahr 2000 eine Waldperlacher Bürgerin. „Aus Wut“, wie sie damals angab. „Der Verkehr bei uns ist zum Teil lebensgefährlich, die Bebauung viel zu eng, die Infrastruktur nicht besonders; die Stadt hat Waldperlach in den letzten Jahren sehr stiefmütterlich behandelt“. Das Viertel passe viel besser zu Neubiberg oder Ottobrunn; die Wege nach München, zum Einkaufen oder zur Post, seien oft zu weit. Ihr Antrag bekam bei der Bürgerversammlung damals eine große Mehrheit, wurde jedoch später vom Stadtrat abgelehnt. Ob die Waldperlacher es im Landkreis soviel besser haben würden, Christian Ude stellte dies bei seiner Rede zum 100-jährigen Jubiläum am Samstag im Festzelt in Frage. Frotzelte gegenüber SPD-Kollegin und Landrätin Johanna Rumschöttel über den nur vermeintlich reichen Landkreis. Vernachlässigt? Für die Waldperlacher ist das keine Frage, sie fühlen sich von der Stadt vernachlässigt, das wird immer wieder deutlich. Zuletzt bei der Forderung nach einem weiteren Kindergarten. Als nach der Diskussion um große Unklarheiten im Antragstext das ganze Schreiben im Bezirksausschuss Ramersdorf-Perlach mehrheitlich abgelehnt wird, bricht es aus der Waldperlacherin und zweiten BA Vorsitzenden Anja Burkhardt (CSU) heraus. Der Antrag sei doch nur abgelehnt worden, weil er aus Waldperlach komme, schimpfte die Lokalpolitikerin lautstark. Mit Ramersdorf beispielsweise würde man so nicht umgehen. Doch woher kommt dieses Gefühl der Vernachlässigung? In den 60er und 70er Jahren sei Waldperlach noch nicht mal auf der Stadtkarte eingezeichnet gewesen, erklärt der Waldperlacher Wolfgang Stefinger (CSU). So was würden sich die Leute merken. Auch OB Ude erinnerte am Samstag daran, dass der Name Waldperlach zunächst nicht anerkannt wurde. Erst 1928 genehmigte das Innenministerium offiziell den Namen Waldperlach für das Siedlungsgebiet. Kampf um allles „Wir mussten immer um alles stark kämpfen“, erläutert Anja Burkhardt. Und immer wieder falle der Satz: Ihr reichen Waldperlacher, was wollt ihr denn noch, ihr habt es doch gut, seid doch zufrieden. Vielleicht reagieren die Waldperlacher auch deshalb so dünnhäutig, wenn Oberbürgermeister Christian Ude sich, wie vor Jahren, mal verhaspelt und aus ihnen kurzerhand Waldtruderinger macht. Bei der Einweihung des neuen Feuerwehrhauses in Waldperlach soll der OB damals sogar gesagt haben, er habe gar nicht gewusst, dass die Stadt nach Neuperlach nicht aufhört. Sicher ein Scherz, schließlich weiß Ude nur zu gut, dass mit Dieter Hildebrandt und Dieter Hanitzsch in Waldperlach zwei seiner Münchner Lieblings-Prominenten wohnen. Doch in Waldperlach ist der Gag nicht als solcher angekommen. Im Gegenteil. „Kolonie“ Vielleicht spielt aber auch mit, dass Waldperlach nie eine eigenständige Gemeinde war, sondern „nur“ eine Kolonie Perlachs. Man musste zwangsläufig mit, als das Dorf Perlach 1930 eingemeindet wurde. Fehlt es in Waldperlach deshalb an einer eigenen Identität, auf die Viertel wie Ramersdorf oder Trudering mit großem Stolz zurückblicken? Zudem wurde mit dieser Eingemeindung Waldperlach von Neubiberg getrennt. Wirtschaftlich, schulisch und kirchlich blieben das Münchner Viertel und die Umlandgemeinde allerdings weiter eng verbunden. Auch heute noch orientieren sich viele Waldperlacher Bürger nach Neubiberg. Kaum ein Münchner kenne „diesen Fleck der Landeshauptstadt am südöstlichen Stadtrand, in dem inzwischen 14.000 Menschen wohnen“ heißt es im Grußwort des Festkomitees der 100-Jahrfeier. Doch die zunehmende Besiedlung verwandle Waldperlach und mache den Stadtteil zunehmend bekannter. Waldperlach wird bunter Tatsächlich wird Waldperlach nicht nur bunter und dichter, mit dem Zuwachs scheint es auch mehr ehrenamtliches Engagement zu geben, das den Stadtteil zunehmend prägt. Haben die Neubürger das Märchenstraßen-Viertel nach 100 Jahren wachgeküsst? Auch wenn Waldperlach am Stadtrand liege, „liegt es München gleichwohl am Herzen“, schreibt Ude in seinem Grußwort der Jubiläumsfestschrift. Waldperlach gehöre nach wie vor zu den attraktivsten und begehrtesten Wohngegenden Münchens, weil es seinen ursprünglichen Charakter bis heute weitestgehend bewahrt habe, so der OB. Waldperlach habe aber auch ein ausgeprägtes Wir-Gefühl, das die Bewohner verbinde. Der Riese Bei „Jim Knopf“ war der Riese Herr Turtur nur deshalb so furchteinflößend, weil er von der Ferne so einen unglaublich großen Schatten warf. Doch je näher man ihm kommt, umso kleiner wird er. Am Ende ist er so groß wie ein normaler Mensch. Die Waldperlacher sollten mal ausprobieren, ob München samt seinem Stadtoberhaupt nicht auch nur ein Scheinriese ist. Allerdings keiner mit Zauberkräften, der alle Wünsche erfüllt. Aber einer, mit dem man eigentlich ganz gut leben kann. Oberbürgermeister Christian Ude hat am Wochenende den großen Schatten hoffentlich ein wenig kleiner werden lassen. Wie heißt es im Märchen? Und wenn sie nicht gestorben sind… Carmen Ick-Dietl

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