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„Vögel singen nicht, sie schreien“

Das Theaterstück „Der Mieter“ ist geprägt von Isolation und einer Fixierung auf das Hässliche

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DER MIETERvon Roland ToporPREMIERE 24 NOV 18, MARSTALLRegie BLANKA RÁDÓCZY

Dunkelheit, kaltes blaues Licht und bleierne Klänge. Auf der Bühne ist eine Frau im Blaumann zu sehen, sie putzt den bunt gekachelten Boden mit einem Mopp. Ihre Bewegungen wirken eigenartig, als wäre sie fremdgesteuert. Das Theaterstück „Der Mieter“ von Regisseurin Blanka Rádóczy, das im Marstall am Residenztheater aufgeführt wird, lässt den Zuschauer von Anfang bis Ende einen kalten Schauer über den Rücken laufen. Hier ist kein Platz für die schönen Seiten des Lebens.

Doch zunächst beginnt das Stück mit einem Hoffnungsschimmer. Trelkovsky (Aurel Manthei) ist ein junger Single und überglücklich, als er eine bezahlbare Wohnung in Paris findet. Die Freude darüber wird allerdings schnell getrübt, denn es scheint, als schwebe der Geist der toten Vormieterin immer noch darin. Diese hatte durch einen Sturz aus dem Fenster den Weg für Trelkovsky frei gemacht. Der erste Vorbote für eine unheilvolle Zukunft. Auch die Nachbarn in dem Mietshaus benehmen sich seltsam. Das Lachen des Vermieters (Joachim Nimtz) ist zu laut und zu höhnisch. Der freundschaftliche Schlag auf Trelkovskys Schulter zu fest, der Blick argwöhnisch. Ziemlich schnell wird klar: Trelkovsky befindet sich einer feindlichen Umgebung.

Ob er sich das alles einbildet, oder ob es der Realität entspricht, bleibt unklar. Sicher ist jedenfalls: Die Großstadt scheint alles zu durchdringen. Von draußen dringt der Straßenlärm in Telkovskys Wohnung, die Nachbarn klopfen laut und penetrant, wenn Trelkovsky angeblich zu laut war, und von irgendwoher tropft ständig ein Wasserhahn. Die Stadt verfolgt Trelkovsky bis in seine intimsten Momente hinein. Sogar der Toilettengang wird zu einem gesellschaftlichen Akt. Das WC befindet sich auf dem Gang. Nachts stehen die Bewohner Schlange, um ihre Notdurft zu erledigen. Nichts scheint Trelkovsky zu gehören. In seiner Wohnung befinden sich noch die geblümten Kleider der Vormieterin. An offenen Kleiderstangen, sind sie nahe an der Zuschauertribüne platziert. Auch sein Schlafplatz, eine zusammengeklappte Matratze, befindet sich dort. So kommt der Zuschauer selbst fast voyeuristisch nah an Trelkovsky heran, der sich sichtlich unwohl in seinen vier Wänden fühlt.

Trelkovsky kommt nie zur Ruhe. Im Schlaf verfolgen ihn seltsame Geräusche und der Geist der Vormieterin. Selbst das morgendliche Vogelgezwitscher empfindet er mittlerweile nur noch als Schreien. Es ist wie ein Albtraum, aus dem er nicht erwacht. Und der Zuschauer wird Teil dieses Albtraums. Das Donnern der Nachbarn schmerzt in den Ohren. Und so tut auch die Nähe zum Protagonisten schon fast weh. Die Geschichte von Trelkovsky ist näher an der Realität, als dem Zuschauer vielleicht lieb ist. Explodierende Mietpreise und zunehmende Urbanisierung in München machen die Romanvorlage von Roland Topor, die 1976 von Roman Polanski verfilmt wurde, hochaktuell. Doch das Theaterstück will vielleicht zu viel. Statt sich Gedanken über die Botschaft zu machen, bleibt der Zuschauer an der sperrigen Inszenierung hängen. Die Gesellschaftskritik wird in diesem Stück nicht indirekt angesprochen, sondern im Gegenteil bis auf die Spitze getrieben. „Der Mieter“ zeichnet von Anfang bis Ende ein düsteres Bild der Gesellschaft in der Form des Zusammenlebens in einem Mietshaus. Einen Lösungsvorschlag liefert das Stück nicht. Zumindest keinen, der befriedigt. „Der Mieter“ bleibt stecken in der Anklage, in der grotesken Verzerrung, in der der Mensch nur scheitern kann.

Der Rückzug ins Private scheint nur noch im Exzess möglich. Doch auch hier folgt prompt die Strafe. Nachdem Trelkovsky und seine Nachbarn eine hysterische Party mit Drogen und Alkohol in seiner Wohnung gefeiert haben, bekommt er Ärger vom Vermieter. Trelkovsky versucht nur mehr ein guter Nachbar zu sein und es jedem recht zu machen. Ein Unterfangen, das zum Scheitern verurteilt ist. Denn die Gesellschaft verlangt schier Unmögliches von dem jungen Mann: die totale Angepasstheit, bis hin zur Selbstaufgabe. Diese erlangt Trelkovsky, indem er sich am Ende des Stückes selbst aus dem Fenster stürzt. Wie schon seine Vormieterin ist er an dem Versuch, sich perfekt einzufügen, gescheitert. Ob Trelkovskys Tod dabei symbolisch oder echt ist, darf der Zuschauer selbst entscheiden. Am Ende sieht er Trelkovsky wieder, wie er den Boden des Mietshauses wischt – roboterhaft, mechanisch und starr. 

Lydia Wünsch

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