„Suchbilder“ am Hanns-Seidel-Platz

Die große Freitreppe führt von dem begründeten Innenbereich zur U-Bahn. Visualisierung: Rendering Formfest | Daniel C. Wolf

Welche Ideen aus dem Architektenwettbewerb für den Hanns-Seidel-Platz werden tatsächlich umgesetzt? Entsprechend den Empfehlungen des Preisgerichts wurde der Siegerentwurf inzwischen überarbeitet und weiterentwickelt. Jetzt dient er als Grundlage für die Bauleitplanung. Vergangene Woche fand im Perlacher Kulturhaus die öffentliche Erörterung zum künftigen Bebauungsplan für den Hanns-Seidel-Platz statt.

„Es ist wie bei diesen Suchbildern in den Zeitschriften: Entdecken Sie die Unterschiede!“, erklärte Professor Roland Dieterle lachend. Der Architekt hatte mit seinem Büro Spacial Solutions vor zwei Jahren den Ideenwettbewerb für den Hanns-Seidel-Platz gewonnen. In den letzten Monaten hat er seinen Entwurf optimiert. „Vorher und nachher sieht ziemlich ähnlich aus.“ Trotzdem gibt es Abweichungen. So sind unter anderem die Läden in den Erdgeschossen der Wohnbebauung an der Fritz-Erler-Straße entfallen. Hier soll nur eine Mischung aus öffentlich gefördertem und privatem Wohnungsbau angesiedelt werden. Die einzelnen Bauten sind durch verglaste Bindeglieder miteinander verknüpft. Die Vorgärten zur Fritz-Erler-Straße werden etwa 60 bis 80 Zentimeter über Straßenniveau realisiert, um den Bewohnern mehr Intimsphäre bieten zu können. An den Straßenrändern sind außerdem geschlossene Baumreihen vorgesehen. Optimierung Im Gegenzug sind die Einzelhandelsflächen und die Fachmarkt-Konzeption an der Thomas-Dehler-Straße optimiert worden. Die Läden, darunter auch die Post, werden sich von den Ebenen -1 bis +1 erstrecken, darüber sollen Büros einziehen. In diesen Bereich soll auch der Wochenmarkt umziehen, der dann unter den Gebäuderiegeln und in den Innenhöfen stattfinden soll. Zusammen mit den Geschäften, Restaurants und Cafés soll er so bei der Entstehung städtischen Lebens im Zentrum Neuperlachs mitwirken. Im Südriegel an der Von-Knoeringen-Straße werden Wohnen und Handel zusammengeführt. Die beiden oberen Geschosse sind einem Haus-im-Haus-Konzept vorbehalten. Am Busbahnhof ist das kulturelle Bürgerzentrum situiert. Das Gebäude soll zudem Volkshochschule, Stadtbibliothek und FestSpielHaus aufnehmen. Darüber liegt ein geschwungenes Gebäudeteil. Es wirkt, als wäre ein Gebäude zur Seite gekippt. Dieser „schwebende Turm“ soll zum signifikanten Wahrzeichen des Areals werden. Mitten durch den Gebäudekomplex geht ein Durchgang, der mit dem großen Eingang des gegenüber liegenden Firmengebäudes der Wacker-Chemie korrespondiert. Ins Büro-Hochhaus Ecke Thomas-Dehler-Straße sollen öffentliche Funktionen wie das Sozialbürgerhaus integriert werden. Neue Anbindung Neu ist die Anbindung an die bestehende Fußgängerbrücke. Man werde die Brückenkonstruktion zurückbauen und auf dem Platz eine natürliche Rampe in Form eines Erdwalls schaffen, so Dieterle. Dieser Wall dient zudem dem ersten Gebäuderiegel an der Ecke Fritz-Erler-Straße, in den ein großes Kindertageszentrum einziehen soll, als akustischer Schutz gegen den Busbahnhof und eine der insgesamt vier Tiefgaragen-Zufahrten. Grünes Herz Zum „grünen Herz von Neuperlach“ soll die zentrale Grünfläche in der Mitte des Neubaugebiets werden. Sie wurde etwas größer, denn an der Fritz-Erler-Straße soll die Abbiegespur entfallen. Damit können die dort geplanten Häuser weiter nach außen rücken. Auf dem Grünplateau soll es neben einer öffentlichen Rasenfläche einen generationsübergreifenden Spielplatz und viele Baumgruppen geben. Zum Bürgerhaus hin soll es eine begrünte Treppenanlage mit Sitzstufen geben, die gleichzeitig zur Tribüne für den Hof werden sollen, der auf die Ebene des U-Bahn-Sperrge-schosses tiefer gelegt wird und damit auch als Arena für Open-Air-Veranstaltungen dienen soll. Bürgermeldungen Die Bürgermeldungen waren bunt gemischt. BA-Mitglied Guido Bucholtz (Grüne) regte abermals eine Fußgängerzone zwischen dem pep-Einkaufszentrum und dem Hanns-Seidel-Platz an. Dafür müsste die Thomas-Dehler-Straße ab dem Parkhaus zur Sackgasse werden. Es werde keine Sperre auf der Thomas-Dehler-Straße geben, weil dann der komplette Verkehr über die Fritz-Erler-Straße ausweichen werde, was für die dortigen Anwohner unzumutbar und für die Stadt wegen Lärmschutzfenstern bis in die obersten Geschosse teuer wäre, antwortete Verkehrsplaner Harald Schnell. Weitere Gegenargumente: Man braucht die Durchfahrt für die Busse, eine Langsamfahrt durch die Fußgängerzone würde die Busbeschleunigung zunichte machen, zudem wäre die Bummelzone auf der pep-Seite wenig attraktiv, weil hier Schaufenster und ähnliches fehlen. Für Überraschung sorgte Schnells Information, dass jedoch ein gewisser Verkehrsanteil Richtung Süden (Neubiberg/Ottobrunn) von der Thomas-Dehler- auf die Fritz-Erler-Straße verlagert werden soll. Diese Verkehrsverlagerung könnte beispielsweise durch eine Fahrspurreduzierung, Tempo 30 oder Schrägparkplätze erreicht werden. Gegenstimmen Die Thomas-Dehler-Straße dürfe keinesfalls verkehrsberuhigt werden, wehrten sich logischerweise anwesende Anlieger der Fritz-Erler-Straße. Eine Dame äußerte großes Unverständnis. Schließlich gebe es an der Thomas-Dehler-Straße viele Büro- und Geschäftsbauten, während an der Fritz-Erler-Straße mehr Wohnungen betroffen wären. Auch BA-Vertreter Wolfgang Thalmeir (CSU) äußerte Zweifel. „Es ist fraglich, die neu geplante Wohnbebauung näher an die Fritz-Erler-Straße zu rücken und gleichzeitig mehr Verkehr auf die Straße zu leiten.“ Kino Der ehemalige SPD-Stadtrat Georg Prinz forderte für das Bürgerzentrum einen großen Vortragssaal, der auch als Kino genutzt werden könnte, außerdem eine kostenpflichtige Tiefgarage und eine Neugestaltung des Busbahnhofs. Eine Bürgerin hoffte auf eine gute Beleuchtung des Areals auch nach Geschäftsende, eine andere wünschte sich eine Architektur mit geschwungenen Formen statt „immer nur rechtwinkligen Kuben und Würfel“. Konfliktpotential Kulturhaus-Vorstand Ulrich Knauer sah Konfliktpotential zwischen zum Innenbereich ausgerichteten privaten Grünflächen und der urbanen Nutzung im Innenbereich. Eine „schnuckelige Wohnanlage mit Vorgärten“ werde sich kaum mit Open-Air-Konzerten vor dem Kulturzentrum vertragen. Ein Problem, das auch die stellvertretende BA-Vorsitzende Anja Burkhardt (CSU) sah. Knauer plädierte deshalb für möglichst wenig private Grünflächen. „Ich gehe nicht von einem großen Störfaktor aus“, meinte hingegen Ute Michel-Grömling vom Planungsreferat. Das Nebeneinander verschiedener Nutzungen gehöre im städtischen Raum dazu. Stadtteilpolitikerin Alexandra Schmidt (SPD) forderte einen weiteren Fußgängerstreifen am Übergang zum pep, sowie eine grüne Radwegverbindung zwischen Wohnring und Busbahnhof. Zudem machte sie sich Sorgen wegen des Wasserspiels, das an der westlichen Hangkante der Grünfläche entstehen soll. „So ein großes Wassergeplätscher ist irre laut.“ Sorge um Parkplätze BA-Chefin Marina Achhammer (SPD) sorgte sich mehr um den Wegfall der Parkplätze. Die Aussage, Besucher fänden in den umliegenden Straßen Platz, bereite ihr Bauschmerzen. Derzeit sei die Situation nur deshalb so entspannt, weil es die vielen Stellplätze auf dem Platz gebe. Mit der Bebauung würden die Parkplätze für Pendler jedoch ganz wegfallen und Einkäufer müssten auf die angebotenen Tiefgaragen-Stellplätze ausweichen. Die Parksituation im Umfeld werde sich sicher verschärfen. Baubeginn offen Stadtplanerin Michel-Grömling nahm alle Sorgen und Anregungen zur Überprüfung mit. Zur wichtigsten Frage, nämlich dem Baubeginn bzw. der Fertigstellung, wollte sie trotz mehrfacher Nachfrage keine Aussage treffen. Wenn alles gut verläuft, soll der Stadtrat im Frühjahr 2013 den Bebauungsplan billigen. Danach dauert es erfahrungsgemäß noch mindestens zwei Jahre, bis der erste Spatenstich erfolgt. Gebaut wird sicher nicht in einem Zug, sondern in verschiedenen Abschnitten. Für das Bürgerzentrum wird es wahrscheinlich auch noch einen eigenen Architektenwettbewerb geben. Carmen Ick-Dietl

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