Eine Baustelle als Ort für Kunst

Street-Art in Neuperlach

Ein bunter Bauzaun ist vor einem leerstehenden Gebäude aufgebaut.
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An einem Bauzaun an der Fritz-Schäffer-Straße durften sich verschiedene Künstler ausleben. Das Werk bietet mit seinen auffälligen Farben eine willkommene Abwechslung.
  • VonRoman Wintz
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Künstler haben sich in Neuperlach versammelt, um den Bauzaun rund um das ehemalige Allianz-Gebäude zu verschönern. Entstanden ist ein artenreiches Gesamtkunstwerk.

München ist zwar nicht Berlin, dennoch kann die Landeshauptstadt auf eine lange Graffiti-Tradition zurückblicken. Sie wird in den Medien immer wieder als Geburtsstadt der deutschen Graffiti-Bewegung bezeichnet. Im Dezember 1970 berichtete eine Münchner Zeitung zum ersten Mal über das mystische Wort „Heiduk“. Ganz München befand sich in Aufruhr und rätselte lange Zeit über die Bedeutung. Grund dafür war eine Kommune im Schlachthof, die Ärger mit ihrem Vermieter namens Heiduk hatte. Zunächst nur im Schlachthofviertel zu lesen, verselbstständigte sich der Schriftzug in der ganzen Stadt.

Dann war erst mal wieder Ruhe, bis es eines Nachts 1985 am idyllischen Endbahnhof Geltendorf zu einer europäischen Premiere kam: Ein Wholetrain. Das bedeutet in der Fachsprache, dass ein Zug außen von hinten bis vorne komplett bemalt wird. Eine Sensation. Selbst bei den Kollegen in den USA war das etwas besonderes und in Europa der allererste Wholetrain.

Logischerweise hat die Bahnpolizei Wind von der Aktion bekommen und die erste deutsche „Sonderkommission Graffiti“ eingerichtet. Mittlerweile ist das „Sprayen“ eine angesehene Kunstrichtung, sodass die Erschaffer der Werke zunehmend mit Unternehmen, Vereinen, Kommunen und anderen kooperieren und sich positiv ins Stadtbild einbringen – wie ein Künstlerkollektiv vor Kurzem in Neuperlach.

Um das ehemalige Allianz-Gebäude an der Fritz-Schäffer-Straße windet sich ein zirka 200 Meter langer Bauzaun. Im Kontrast zur unauffälligen Wandfarbe sticht der knallgelbe und bunt bemalte Bauzaun sofort ins Auge. „Die Immobilienfirma Hines, Besitzer des Areals, hat dazu eingeladen, sich das Gelände anzuschauen und zu überlegen, wie man sich dort am besten entfalten könnte“, sagt Robert Posselt, Graffiti-Künstler und Mitglied bei Der Blaue Vogel. „Ich hab den Bauzaun gesehen und fand ihn total langweilig. Anschließend wurden wir vom blauen Vogel damit beauftragt, verschiedene Künstler einzuladen“, so Posselt weiter.

Ergeben habe sich ein diverses Künstler-Ensemble mit unterschiedlichsten Backgrounds aus Neuperlach, ganz München und anderen deutschen Städten wie zum Beispiel Köln. Ganz frei durften sich die Künstler dann doch nicht entfalten, deshalb waren die Themen „Stadt der Zukunft“ und „Nachhaltigkeit“ von der Immobilienfirma vorgegeben.

So verschieden die Künstler, so verschieden die Ergebnisse. „Die Themen wurden aus so vielen Ecken beleuchtet und das hat super funktioniert“, erzählt Robert Posselt. Die Ideen der Künstler reichen von Banalitäten wie Bienen, über schwebende Städte, Bohrinseln und Roboter, bis hin zu mit Pflanzen betriebenen Fahrzeugen. Erkennbar sind beispielsweise auch südamerikanische, indische und orientalische Einflüsse in den Werken. Auch Star-Wars-Elemente seien erkennbar, scherzt Posselt.

„Die individuellen Impulse gingen sehr weit auseinander und unser Ziel war es nicht unbedingt, schöne Bilder zu malen, sondern einen Ideenpool zu schaffen“, fügt der Künstler hinzu. Das Gesamtkunstwerk sei nach zwei Wochen fertig gewesen, sagt Posselt, und würde für die kommenden zwei Jahre stehenbleiben. „Materialkosten und Aufwandsentschädigung hat uns die Firma Hines bezahlt.“

Robert Posselt hat sich selbst an zwei Stellen verewigt. Sein Hauptwerk befindet sich so ziemlich in der Mitte des Bauzauns. Zu sehen ist ein fliegendes Auto, am Steuer ein blauer Vogel. Angetrieben wird das Fahrzeug durch Pflanzen, ausgestoßen wird ausschließlich Sauerstoff. „Das ist meine Wunschvorstellung, aber man darf ja auch mal träumen und über den Tellerrand hinausdenken“, sagt der Sprayer. Die einzelnen Werke der Künstler hätten keinen Zusammenhang, würden aber auf gegenseitiger Inspiration beruhen.

Eine Idee für die Zukunft sei es laut Posselt beispielsweise, Führungen für Schulklassen anzubieten. Ein anderer Gedanke wäre, nachdem der Zaun abgebaut würde, einzelne Teile rauszunehmen und im Innenraum auszustellen. Vorerst gilt aber Robert Posselts Devise: „Die Grundierung und Farben sind sehr robust und sollten erstmal die nächsten zwei Jahre knallig bleiben.“

Roman Wintz

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