„Hier ist kein Platz für eine stinkende Anlage“

Stimmen gegen die Biomasse an der Stadtgrenze

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Biomasse, wie etwa Gülle oder Energiepflanzen, wird in Biogas-Anlagen zur Gewinnung von Biogas genutzt. Dabei entsteht Methan.

Den Bürgern in Neubiberg und Waldperlach stinkt es und der Gegenwind wird heftiger. Mit 3129 Unterschriften haben die Bürger ihren Protest gegen den geplanten Bau einer großen Biomasse-Kompostieranlage auf einem Firmengrundstück an der Carl-Wery-Straße 63 deutlich gemacht. Die Unterschriften übergaben sie am vergangenen Freitag im Münchner Rathaus.

Oberbürgermeister Dieter Reiter und dessen SPD-Rathausfraktion nahm den zahlenstarken Rückenwind auf und forderte in einem aktuellen Antrag an den Stadtrat, die Großkompostieranlage (HALLO berichtete) nicht zu genehmigen. Bereits vorab hatte sich auch der Neubiberger Gemeinderat hinter die protestierenden Bürger der Initiative „Saubere Luft für Neubiberg und Waldperlach“ gestellt und das Projekt ebenfalls abgelehnt. Zusammen mit der Siedler- und Eigenheimervereinigung Waldperlach-Neubiberg will die Initiative die Biomasse-Aufbereitungsanlage auf dem gut 5,4 Hektar großen Geländestück verhindern.

Doch die Anlage ist aus Sicht der Firma Gartenbau Werner genehmigungsfähig, da das Grundstück in einem sogenannten Außenbereich liegt. Sollte der Stadtrat das Projekt ablehnen, wird die Firma wohl juristische Schritte einleiten. Die Firma glaubt dafür gute Argumente zu haben. Firmenanwalt Benno Ziegler hatte in der Vergangenheit auf den Umstand verwiesen, dass die Stadt 2006 beim Erwerb des Grundstücks durch das Unternehmen bereits schriftlich eine Kompostieranlage auf dem Gelände genehmigt hatte. Die Biomasse-Anlage entspreche dieser Planung. Wie berichtet, soll aus Gras, Laub und Algen Biobrennstoff in Form von Pellets und Briketts geformt werden und auch eine Kompostieranlage betrieben werden. Die Firma will vom derzeitigen Standort in einem Waldstück bei Grasbrunn an die Stadtgrenze umziehen.

Die Projektgegner forderten deshalb die Stadt auf, mit dem potentiellen Betreiber „in Gespräche einzutreten, um den Standort einer standortgerechten Nutzung zuzuführen“. Laut Initiativsprecher Oliver Hellmund sei auf diesem Filetgrundstück an der Stadtgrenze zum Beispiel der Bau von Wohnungen möglich. Gestank, Lärm und Abgase befürchten die Neubiberger und Waldperlacher im Fall eines Baus der Anlage. „Lärm durch die Anlagen und die an- und abfahrenden Schwertransporter, übelster Geruch, gesundheitsgefährdende Bakterien (..) sowohl in der Luft wie auch im Abwasser“ zählen Hellmund und Eigenheimer-Vorstand Wolfgang Kranz in ihrer Petition an das Münchner Rathaus als Hauptbesorgnisse auf. „Erhebliche Belästigungen und gesundheitliche Gefährdungen“ für die Anwohner fürchten die Gegner. Ihre Argumentation dürfte Gewicht haben. So verweisen die Projekt-Gegner auf eine bestehende Anlage an der Fasangartenstraße, die anders als in Waldperlach geplant von der Stadt München betrieben wird. „Obwohl diese Anlage sicher nach dem Stand der Technik und mit Umsicht betrieben wird und mehrere hundert Meter von der nächsten Wohnbebauung entfernt liegt, kommt es immer wieder zu berechtigten Beschwerden der Nachbarschaft“, erklären Hellmund und Kranz in ihrem Schriftsatz an den Münchner Oberbürgermeister.

Die Gemengelage für die umstrittene Anlage vor der eigenen Haustür freilich beurteilen die Initativstreiter als noch sensibler. „In einem Abstand von lediglich rund 50 Metern zu einem von der Gemeinde Neubiberg mittels Bebauungsplan festgesetzten, reinen Wohngebiet“ werde hier eine solch große Anlage geplant. Die Projektgegner verweisen in diesem Zusammenhang auch auf ein derzeit im Bau befindliches Bauvorhaben der Firma GEWOFAG mit 377 geplanten Wohneinheiten „im Nahbereich“. In diesem Nahbereich befänden sich zudem Kindertageseinrichtungen und wertvolle Freizeit- und Grünoasen wie der Landschaftspark „Im Gefilde“ in Waldperlach oder der Neubiberger Landschaftspark. Auch seien durch das Projekt aus Sicht der Gegner städtebauliche Entwicklungen im Umgriff wie das „Perlacher Tor“ erschwert oder würden „unmöglich gemacht“.

Der potentielle Betreiber hatte zwar in der Vergangenheit auch Gesprächsbereitschaft mit der Stadt signalisiert. Doch bei der Bürgerinitiative macht man sich keine Illusionen. „Bereits jetzt steht allerdings fest, dass nach Ablehnung der Anträge seitens des Antragstellers der Verwaltungsrechtsweg beschritten wird“, ist man hier auch aufgrund der Unternehmens-Aussagen überzeugt. „In diesem Zusammenhang sollte wegen der herausragenden Bedeutung des Standorts eine Bauleitplanung und die Absicherung dieser Planung durch die hierfür vorhandenen Plansicherungssysteme in Erwägung gezogen werden“, fordern die Initiativsprecher. Der Protest von 3.129 Unterzeichnern dieser Forderung bläst dem Projekt an der Carl-Wery-Straße entgegen.

Die SPD-Stadtratsfraktion hat das bereits erkannt. „Das ist kein Platz für eine stinkende und lärmende Biomasse-Anlage“, heißt es dazu in einer Pressemitteilung.

Andere Rathausfraktionen dürften folgen. Noch stinkt es nicht wirklich an der Stadtgrenze. Aber die Sachlage ist höchst umstritten. 

Harald Hettich

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