Beim Breaking verschmelzen Sport und Kunst

Serhat Perhat vom TSC Savoy in Berg am Laim über seine tänzerische Leidenschaft

Ein Tänzer macht gestützt auf zwei Armen eine Kopfstand
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Unter den Besten mitzumischen erfordert ein hohes Maß an Disziplin und Selbstbeobachtung. Die Tänzer müssen hart und fokussiert trainieren, um ihre Ziele zu erreichen.
  • VonRoman Wintz
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Die Tanzsportart „Breaking“ wird 2024 als neue Disziplin bei Olympia eingeführt. Der Münchner Serhat Perhat ist für den deutschen Kader nominiert.

„Tanz ist ein Telegramm an die Erde, mit der Bitte um Aufhebung der Schwerkraft.“ Mit diesen poetischen Worten beschrieb einst der weltbekannte Stepptänzer Fred Astaire seine große Leidenschaft. Dass die Aussagekraft bis heute nicht an Gültigkeit verloren hat, beweisen Tänzer in all ihren Facetten – zum Beispiel beim „Breaking“. 

Die Tanzform ist den meisten wohl besser bekannt unter der Bezeichnung „Breakdance“, die sich in den frühen 1970er-Jahren in New York entwickelte. Seither hat sich Breaking, wie es in der Szene genannt wird, über den gesamten Globus verbreitet und erfordert sowohl ein hohes Maß an Disziplin als auch an athletischen Fertigkeiten.

Entspannt an die Hauswand gelehnt, mit Shortboard in der Hand, Flatcap auf dem Kopf und einer Baggy im 90er-Style steht Serhat Perhat, der aktuelle Deutsche Vizemeister im Breaking, da. Der 24-Jährige hat vor zehn Jahren zu tanzen begonnen und seine große Leidenschaft entdeckt. „Mein bester Freund hat mir damals erzählt, dass man beim Kinderzirkus ‚JoJo‘ breaken kann. Er hat mich mitgenommen und seitdem bin ich gefesselt. Dort habe ich auch meine Crew kennengelernt, mit der ich bis heute tanze.“ Die Crew sei für ihn wie eine Familie. „Wir teilen Leid und Freude, Schweiß und Tränen.“

Mit 16 begann Perhat, seine ersten Schüler zu unterrichten. Auch dieser Leidenschaft geht er bis heute nach und kommt dabei ins Schwärmen, wenn er sieht, wie sich so manch einer entfaltet. „Breaking ist für mich die Schnittstelle zwischen Sport und Kunst. Es ist einerseits eine körperliche Herausforderung, andererseits ein kreativer Prozess“, erläutert der Tänzer. Beim Breaking gebe es keine bestimmten Strukturen oder Choreografien.

Diese Freiheit mache es so spannend für ihn. „Jeder kreiert seine eigenen Moves und seinen eigenen Stil, dazu dienen zum Beispiel Kung-Fu-Filme oder Capoeira als Vorbilder. Breaking ist ein Symbiose aus tausend Einflüssen.“ Für Said, so sein Künstlername, war von Anfang an das Ziel, groß damit rauszukommen „und vielleicht mal unter den Besten der Welt mitzumischen“, wie er sagt.

Als europäisches Zentrum für die Tanzform gilt Frankreich. Dort finden fast wöchentlich Veranstaltungen für B-Girls und B-Boys statt, wie die Tänzer in der Szene genannt werden. Denn auch im Bereich der Damen ist ein stetig steigendes Interesse auszumachen, ebenso nimmt die Zahl an Wettbewerben zu, die ausschließlich für B-Girls veranstaltet werden.

Doch wie präsentieren sich die Tänzer auf so einem Wettbewerb, genannt Battles, am besten, was zeichnet sie aus? Die Bewertung sei sehr subjektiv, erklärt Perhat: „Für den einen zählen eher athletische Moves, andere wiederum achten darauf, wie auf die Musik getanzt wird.“ Für Olympia gebe es ein Konzept, an dem sich die Jury orientieren solle, trotzdem bleibe der Blick immer noch sehr subjektiv. „Für mich ist das eher so ein Charakter-Ding: Wenn ich sehe, die Person zeigt sich selbst oder ihre Emotionen und bringt das auch rüber, dann fühl ich das“, fügt er hinzu.

Drei bis vier Stunden tägliches Training

Ein entscheidendes Kriterium, um eines Tages an wichtigen Events wie bei der „Freestyle-Session“ in den USA teilzunehmen, ist das intensive Training. „Ich trainiere täglich drei bis vier Stunden, es vergeht wirklich kein Tag an dem ich nicht tanze. Man muss den Körper ganzheitlich stärken.

Das heißt: Laufen, Schwimmen, Eisbaden, Dehnübungen und Faszien-Training“, so Serhat Perhat. Auch mentales Training sei ausschlaggebend. Er arbeite enorm viel mit Visualisierung, indem er mit geschlossenen Augen sehe, wie er sich bewege. „Dabei fühle und erforsche ich meinen Körper, ob sich das gut anfühlt. Wer auf hohem Niveau performen möchte, muss sich sehr viel mit sich selbst beschäftigen.“

Neben dem Olympia-Kader hat sich der B-Boy durch seinen zweiten Platz bei der Deutschen Meisterschaft in Hannover auch für die Teilnahme an der Europameisterschaft im russischen Sotschi qualifiziert. Bei der diesjährigen German Championship in Niedersachsen konnte sich Perhat gegen 122 andere B-Boys durchsetzen: „Es war ein gutes Gefühl, nach so einer langen Zeit wieder zu batteln. Ich habe es genossen zu tanzen und freue mich über das Ergebnis“, betont er. Ende des Jahres wird er auch an der Weltmeisterschaft in China teilnehmen.

Für die Olympiade 2024 in Paris, bei der Breaking neben Skaten und Surfen Premiere feiert, bleibt ihm noch Zeit, um sich konsequent vorzubereiten. „Aus dem jetzigen Olympia-Kader ergeben sich dann endgültig zwei B-Girls und B-Boys, die das Land repräsentieren. Dafür werden wir natürlich gepusht und haben die Möglichkeit, nach Los Angeles zu reisen, um gezielt zu trainieren.“

Außerdem sei es wichtig, bis zu den Battles bei Olympia noch so viel wie möglich an anderen Competitions teilzunehmen, auch um sich an die Wettkampf-Atmosphäre zu gewöhnen, sagt Perhat. „Ich werde meinen Schwerpunkt mehr auf Kardio-Übungen legen und beispielsweise öfter schwimmen gehen. Letztendlich braucht man enorme Selbstdisziplin, die sich dann aber auszahlt.“

Die Breaking-Szene erhofft sich durch die Teilnahme an den Olympischen Spielen, dass deutlich wird, wie viel die Tänzer für Training und Athletik investieren. Dass sie nicht „nur ein bisschen“ tanzen. Und was machen B-Girls und B-Boys, wenn sie nicht gerade mit Meisterschaften beschäftigt sind? „Wir wirken zum Beispiel in Musikvideos oder Filmen mit, drehen Werbespots, arbeiten am Theater oder bekommen Jobs als Model“, so der B-Boy.

Abgesehen vom Breaking arbeite er momentan als zeitgenössischer Tänzer für das Theater. „Das bietet mir einen guten Kontrast und gibt mir eine neue Perspektive auf das Breaken. Ich versuche beide Elemente miteinander zu verknüpfen.“

Für die Zukunft wünscht sich der 24-Jährige, seinen Traum weiterhin zu leben und sich mit den Besten der Welt zu messen. „Früher habe ich viele YouTube-Videos geschaut und jetzt darf ich selbst gegen den ein oder anderen tanzen“. Irgendwann möchte Perhat eine Art Kulturzentrum eröffnen, am besten ein Haus am Strand, und der nächsten Generation weitergeben, was ihm selbst so viel Kraft gibt.

Roman Wintz

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