Die Schmiede von Ramersdorf und Perlach

Der Abriss der Unterschmiede im Jahr 1935. Foto: privat

Die Geschichte zweier bayerischer Schmiedefamilien erzählt das neue Buch „Eierstock & Winkler“. Während die Winklers ihren Ursprung im Chiemgau haben, handelt es sich bei den Eierstocks um die Schmiede aus Perlach und Ramersdorf. So gibt die Lektüre, die eine Kombination aus Familienchronik und Geschichtsbuch ist, auch einen interessanten Einblick in die Stadtteilgeschichte.

Hanno Trurnit ist Verfasser des Buchs „Eierstock & Winkler“. Der Grünwalder ist oberbayerischer Bezirksvorsitzender des Bayerischen Landesvereins für Familienkunde. Denn die Familienforschung ist sein großes Hobby. „Meine Familie, die meiner Frau, die der Schwiegertöchter – ich interessiere mich für alle.“ Um seine Forschungsergebnisse für die Enkel zu bewahren, hat er die Geschichten in bislang sieben Büchern veröffentlicht. Sein jüngstes Werk ist seiner 2005 verstorbenen Schwiegertochter Christine Winkler gewidmet. Bei deren Eltern Rosemarie (geborene Eierstock aus Ramersdorf) und Lorenz Winkler handelt es sich kurioserweise um die Nachfahren zweier bayerischer Schmiedefamilien. Familie Eierstock Die Ramersdorfer Schmiedefamilie Eierstock stammte aus Perlach, wo es von alters her zwei Schmieden gab: Die Oberschmiede am Beginn der heutigen Putzbrunner Straße und die Unterschmiede an der Hofmark-/Ecke St.-Koloman-Straße. Und Eierstock hieß sie eigentlich nur, weil der Pfarrer bei der Geburt von Bartholomäus gleichnamigem Vater sich nicht die Mühe gemacht hatte, nach den richtigen Buchstaben zu forschen. Richtig wäre Ayrstock gewesen. Es dürfte in der Region keine andere Familie geben, die über so viele Generationen so viele Schmiede in so vielen Orten hervorgebracht hat. Wie die Ayrstock/Eierstock, die seit etwa 1650 in Arget/Sauerlach, Unterhaching, Hofolding, Bergham/Taufkirchen, Hohenbrunn, Töging, Baiern, Netterndorf, Kirchdorf/Feldkirchen, Markt Schwaben und Roßhaupten wirkten – aber vor allem in Perlach. Schmied-Geschichte Zur Perlacher Unterschmiede, die schon um 1520 belegt ist, kommt Joseph Balthasar Ayrstock 1776, wie es damals üblich ist: Er erheiratet sie. Übrigens stammt hiervon auch der Ausdruck des „Eheschmiedens“ ab. Joseph Balthasar stammt aus einer alten Schmiedefamilie. Sein Vater ist Schmied von Taufkirchen, sein Onkel hat die Unterhachinger Schmiede vermacht bekommen. Joseph Balthasar hat Glück: Er muss nicht eine betagte Schmiedwitwe zum Traualtar führen, sondern bekommt ihre Tochter Catharina Stephania Dellinger. Deren Vater Stephan hatte die Schmiede in sechster Dellinger-Generation bis zu seinem Tod 1762 geführt. Der Oberschmied in Perlach, Melchior Pauer, hatte 1743 die Schwester des Unterschmieds Stephan Dellinger geheiratet – so waren die Schmiede verwandtschaftlich verbunden. Urahn 1791 heiratet Joseph Balthasar ein zweites Mal. Mit der Perlacherin Anna Peterin hat er vier Kinder, darunter auch Bartholomä, dessen Nachkommen später auf der Ober- wie auf der Unterschmiede in Perlach zu finden sind. Er ist der Ahn aller heutiger bayerischen Eierstocks. Sein erster Sohn, der ebenfalls Bartholomä heißt, wird etwa 1853 Schmied von Ramersdorf. Über ihn gibt es eine tolle Geschichte, die 1865 im Gasthaus „Zur Post“ in Ramersdorf beginnt. Als sie wieder einmal in ihrer Stammwirtschaft beieinander saßen, tratzten die Ziegelarbeiter und Bauern am großen Stammtisch den Schmied Bartholomäus Eierstock: Der Bartl tue ja immer so stark – aber ob das nicht bloß Sprüch’ seien? Es endete mit einer Wette: Wenn er es schaffe, seinen zentnerschweren Amboss rund ums Dorf tragen; dann sollten die Stammtischbrüder die Zeche einer Woche für den Bartl und seinen Freund (das waren immerhin um die Hundert Liter Bier) zahlen. Der Ausgang war spektakulär: Der Bartl schleppte nicht nur den fast drei Zentner schweren Amboss, sondern Hammer und Zange an einer Kette um den Hals gleich mit um die Kirche Maria Ramersdorf und die Dorfhäuser. Das sei ja wohl doch nicht so schwer gewesen, meinten die Gegner. Da befreite der Schmied alle von der Wettschuld, die den Amboss zur Schmiede zurücktrügen. Das schafften dann mit Müh und Not die vier Stärksten gemeinsam... Die Kinder und Enkel von Bartholomäus Eierstock werden entweder Schmiede oder heiraten in Schmieden ein. So entstehen unter anderem eine Eierstock-Linie am Forggensee, andere in Hohenbrunn und in Feldkirchen. Letzter Unterschmied Zwar waren einige Zweige der Schmiedefamilie Eierstock ausgewandert, doch die „Hinterbliebenen“ spielten nach wie vor eine gewichtige Rolle in Perlach. Johann Evangelist Eierstock ist der letzte Unterschmied in Perlach. 1879 gibt er das Handwerk auf. Die Unterschmiede an der Hofmarkstraße wird von anderen weitergeführt, bis sie 1935 stillgelegt und abgebrochen wird. Heute steht hier das so genannte Kurbad Perlach. 1874 erstehen Johann und Therese Eierstock das Haus an der Sebastian-Bauer-Straße 41-43. Der Perlacher Festring hat hier auf einem Schild den ehemaligen Hausnamen „Beim Eierstock“ festgehalten. Carmen Ick-Dietl

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