Serie zum Weltkriegsende

20 Millionen Einzelschicksale

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Christoph Raneberg vom DRK-Suchdienst München.

Geflüchtet, vertrieben, verloren gegangen, gefangen, gefallen — Ende des Zweiten Weltkriegs vermissten Millionen Menschen ihre Angehörigen. Vor 70 Jahren begann das Deutsche Rote Kreuz (DRK) die Suche zu organisieren. Eine Arbeit, die bis heute andauert.

Die Karteikarte gehört sicher zu den wichtigsten Hilfsmitteln des DRK-Suchdienstes. 50 Millionen davon verwaltet der DRK-Suchdienst in Ramersdorf. Es ist das weltweit größte Archiv seiner Art. Darin befinden sich Informationen zu mehr als 20 Millionen Menschen, die als Folge des Zweiten Weltkrieges als vermisst galten oder gesucht worden sind. „Nach dem Krieg wollte man die Leute einfach wieder zusammenführen“, erklärt Christoph Raneberg vom DRK-Suchdienst München. Seit Kriegsende spürt der Dienst, der an der Chiemgaustraße 109 in Ramersdorf untergebracht ist, diesen Menschen nach. Im Gegensatz zum Standort in Hamburg geht es in München in erster Linie um die Schicksale aus der damaligen Zeit.

Viele Anfragen

Allein von 1945 bis 1950 bekam man 14 Millionen Anfragen. Bei 8,8 Millionen konnten schicksalsklärende Auskünfte über nächste Angehörige erteilt werden. „Der Suchdienst konnte das Schicksal von etwa 300.000 Kindern, die infolge Flucht und Vertreibung von ihren Eltern getrennt worden waren, klären.“ Weniger als 5000 Kindersuchfälle blieben jedoch ungeklärt.

Immer noch aktuell

Auch 70 Jahre später wird immer noch nach nachgefragt. Allein 2014 erreichten den DRK-Suchdienst knapp 14.000 Anfragen, in denen Auskünfte über den Verbleib und das Schicksal von kriegsvermissten Angehörigen erbeten wurden. 12.000 davon konnten im vergangenen Jahr abgeschlossen werden. In 36 Prozent der Fälle konnte den Angehörigen geholfen werden.

„Manchmal taucht die alte Feldpost von Opa im Erbe auf oder auf einer Familienfeier werden Erinnerungen ausgetauscht, die nicht stimmig sind.“ Plötzlich gibt es da noch einen Onkel, von dem bislang nie die Rede war. Raneberg hat all das schon erlebt. „Das sind oft dramatische und sehr emotionale Angelegenheiten.“ Manches gehe einem schon nahe, da gelte es professionelle Distanz zu wahren. „Wir sind nur die Mittler im Hintergrund.“

Mittlerweile muss man sich nicht mehr durchs Archiv wühlen. Die Papierform hat seit einem Jahr ausgedient. 2014 wurde die zentrale Namenskartei des DRK-Suchdienstes in einer Datenbank aufgearbeitet. Die abgegriffenen, leicht vergilbten Pappkarten – zum Teil mit Schreibmaschine, oft aber handschriftlich ausgefüllt –gibt es allerdings noch immer. Die Originalkarten sind einmalige historische Dokumente. Suchen können nur Verwandte, erläutert Raneberg. Die Ausnahme: ein „besonderes Näheverhältnis“. „Wenn man zum Beispiel zusammen im Schützengraben lag.“ Zweite Bedingung: „Man muss immer auf uns zugehen.“ Bei der – kostenfreien – Anfrage werden penibel alle persönlichen Daten sowohl des Suchenden als auch des Gesuchten notiert. Dann beginnt die Detektivarbeit. In der Namenskartei, in alten Wehrmachtsunterlagen, in Unterlagen aus russischen Gefangenenlagern, an den Meldeämtern der zuletzt angegebenen Adresse. „Wir suchen weltweit, das geht über die nationalen Rotkreuz-Gesellschaften.“ Am Ende wird mitgeteilt, was wohl das wahrscheinlichste Schicksal war. Auch Todesnachrichten sind für die Angehörigen wichtig. Es ist die Aufklärung nach Jahrzehnten der Ungewissheit.

Stöbert der Suchdienst Angehörige auf, wird erst nachgefragt, ob der Kontakt auch erwünscht ist. Auch eine Ablehnung wird weitergegeben. Übrigens immer auf dem geschützten Kommunikationsweg Post. Keine Mails, kein Telefon. „Schließlich sind Personendaten enthalten, die nur die Angehörigen etwas angehen.“ Die Arbeit des DRK-Suchdiensts ist heute so wichtig wie vor 70 Jahren. Der immense Flüchtlingsstrom nach Europa sorgt für viele Familientrennungen und ungeklärte Einzelschicksale. Auch hier hilft man. Getreu seinem Motto: Suchen – verbinden – vereinen.

Carmen Ick-Dietl

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