Die Erinnerungen lebendig halten

NS-Opfern auch in Ramersdorf-Perlach gedenken – Bezirksausschuss wünscht sich Erinnerungszeichen 

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Oberbürgermeister Dieter Reiter hat Ende Juli 2018 die erste Gedenktafel für die Opfer des NS-Regimes in München übergeben. Auch im Stadtteil Ramersdorf-Perlach sollen die Tafeln an die Opfer, die im Stadtgebiet lebten, erinnern.

Mit Tafeln und Stelen will die Landeshauptstadt an die 10.000 Münchner, die zwischen 1933 und 1945 von den Nazis ermordet wurden, erinnern. Auch Ramersdorf-Perlach soll der Opfer gedenken, fordert der Bezirksausschuss.

Rund 10.000 Menschen fielen während des Dritten Reichs dem Terror der Nationalsozialisten zum Opfer. Doch viele von ihnen gerieten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Vergessenheit. Seit Juli 2018 will die Landeshauptstadt dem Vergessen entgegenwirken und den Opfern auf Wunsch von Angehörigen oder der Stadtgesellschaft einen Platz im kollektiven Gedächtnis sichern.

In München geschieht dies nicht durch sogenannte „Stolpersteine“, sondern durch Tafeln oder Stelen. Die Tafeln werden am Haus, in dem die Opfer gelebt oder gearbeitet haben, angebracht, die Stelen davor aufgestellt. Sie zeigen – soweit vorhanden – ein gerastertes Bild der Opfer, der Text gibt Auskunft über die Lebensdaten und die Verfolgung der Getöteten während der Nazi-Herrschaft. Um die Erinnerungszeichen zu realisieren, hat die Stadt für zwei Jahre 150.000 Euro zur Verfügung gestellt.

Auch in Ramersdorf-Perlach soll der Opfer des Nationalsozialismus entsprechend gedacht werden, fordert der Bezirksausschuss. Die Landeshauptstadt soll „für die jüdischen Bürger, welche in Perlach und Ramersdorf zwischen dem 30. Januar 1933 und 8. Mai 1945 in den heutigen geografischen Grenzen der Landeshauptstadt München lebten, Stelen oder Tafeln, zum Gedenken an NS-Opfer aufstellen beziehungsweise an den Hauswänden, jeweils im Benehmen mit den Hauseigentümern, anbringen“, heißt es in einem Antrag der Grünen. Ein Vorstoß, mit dem Initiator Christian Smolka bei seinen Kollegen viel Verständnis erntete. „Stelen oder Tafeln sind eine gute Erinnerungskultur“, erklärte CSU-Fraktionssprecher Simon Soukup. „Sie sind wichtig für die Stadtteilgeschichte.“

Nach Recherche von Christian Smolka im Münchner Stadtarchiv handelt es sich um elf Bewohner aus Ramersdorf und Perlach: Chejne Eingelster, Ella Stadler, Fanny Gross, Klara Grüner, Ellen Therese Selbiger, Elisabeth Stupe, Paula Gertraud De Bouché, Julie Löwenthal, Ludwig Löwenthal, Elisabeth (Elsa) Neubert und Heinz Herszdörfer (Herschdörfer). Ihrer soll, so Smolka, „als Zeichen der Erinnerung durch Gedenk-Stelen oder Tafeln“ gedacht werden.

Die Kosten für ein Erinnerungszeichen bestehend aus einem Grundelement und einem vergoldeten Gedenkelement belaufen sich auf 1800 Euro. Da den BA-Mitgliedern klar ist, dass die Landeshauptstadt finanziell kaum in der Lage sein wird, alle Stelen oder Tafeln gleichzeitig aufzustellen, ist das Gremium bereit, das Projekt aus seinem eigenen Etat zu bezuschussen. 25 Prozent will der Bezirksausschuss beisteuern. 

Elf Opfer des Nationalsozialismus aus Ramersdorf-Perlach

Im Stadtbezirk Ramesdorf-Perlach gibt es elf Opfer, denen der Bezirksausschuss mit Stelen oder Tafeln gedenken will.

Eingelster, Chejne (genannt Helene; auch Chjena, Chile), geborene Gelfar, verwitwete Weinstein, geboren am 19. November 1877 in Wilna, deportiert am 4. April 1942 nach Piaski, ermordet in Piaski, Adresse in München Fasangartenstraße 2.

Stadler, Ella, geborene Spandau, geboren am 24. Dezember 1899 in Stettin, geschieden, deportiert am 16. April 1943 nach Auschwitz, ermordet am 24. November 1943 in Auschwitz, Adresse in München Rimstinger Straße 15.

Gross, Fanny, geborene Deutsch, geboren am 29. März 1873 in Miklosch, Ungarn, verwitwet, gestorben am 23. Juli 1939 in München (Todesursache unbekannt), Adresse in München Rosenheimer Straße 191.

Grüner, Klara, geborene Boroschowitz, geboren am 19. Februar 1878 in München, verwitwet, deportiert am 20. April 1943 nach Theresienstadt, Ermordet in Auschwitz, Adresse in München Rosenheimer Straße 216.

Selbiger, Ellen Therese, geborene Lewy, geboren am 25. März 1887 in Berlin, verheiratet, deportiert am 20. November 1941 nach Kaunas, ermordet am 25. November 1941 in Kaunas, Adresse in München Rosenheimer Straße 126.

Stupe, Elisabeth, geborene Lohr, geboren am 28. Juni 1894 in München, verheiratet, gestorben (Todesursache unbekannt) am 8. November 1936 in München, Adresse in München Werinherstraße 88.

De Bouché, Paula Gertraud, geborene Born, Privatiere, geboren am 25. April 1873 in Berlin, geschieden, deportiert am 23. Juli 1942 nach Theresienstadt, ermordet am 24. März 1944 in Theresienstadt, Adresse in München Ramersdorfer Straße 11/I.

Löwenthal, Julie, geborene Raaber, Kauffrau, geboren am 17. Mai 1888 in München, verheiratet, deportiert am 13. März 1943 nach Auschwitz, ermordet in Auschwitz, Adresse in München Rosenheimer Straße 214.

Löwenthal, Ludwig, Lederwarenfabrikant, geboren am 12. Juni 1879 in Rothenburg ob der Tauber, verheiratet, deportiert am 13. März 1943 nach Auschwitz, ermordet in Auschwitz, Adresse in München Rosenheimer Straße 214.

Neubert, Elisabeth (Elsa), geborene Löwy, Kaufmännische Kassenführerin und Hausfrau, geboren am 7. September 1882 in Wien, verheiratet, deportiert am 18.. Mai 1943 nach „Osten“, ermordet in Auschwitz, Adresse in München Iblherstraße 6/0.

Herszdörfer, Heinz (Herschdörfer), Kaufmann, geboren am 25. Oktober 1919 in München, ledig, deportiert aus Berlin, ermordet am 17. September 1939 in Sachsenhausen, Adresse in München Wilramstraße 14.


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Mehr über Ramersdorf-Perlach und den Münchner Osten gibt es in der Übersicht.

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