Familien während der Krise

Leiterin des Ramersdorfer Dominik-Brunner-Hauses über Homeschooling: „Kein Stress, wenn es mal nicht klappt“

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Eine Einzelförderung ist derzeit nicht möglich. Die Pädagogen des Dominik-Brunner-Hauses halten daher Kontakt zu Kindern mit Telefon- und Videogesprächen.

Ramersdorf – Renate Schemann, Leiterin des Dominik-Brunner-Hauses der Johanniter in Ramersdorf, in dem 110 sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche im Alter von ein bis 16 Jahren gefördert werden, benennt die Probleme, mit denen Familien derzeit zu kämpfen haben.

Sie betreuen Kinder aus sozial benachteiligten Familien, die häufig auch technisch nicht gut ausgerüstet sind. Welche Herausforderungen bringt das Homeschooling mit sich?

Die Probleme gehen damit los, dass viele Lehrer die Aufgaben per E-Mail schicken, etliche Eltern aber keine E-Mail-Adresse haben. Dann sollen Arbeitsblätter ausgedruckt werden. Aber wie mache ich das, wenn ich keinen Drucker habe? Oder wenn ich nicht weiß, wo ich Druckerpatronen herbekomme und wovon ich sie bezahlen soll? Viele Kinder haben zudem Förderbedarf im sprachlichen oder körperlichen Bereich oder im Sozialverhalten. Aber die Frühförderstellen, die Logopäden, die Ergotherapeuten haben alle zu. Und es gibt natürlich Familien, die zuhause nicht Deutsch sprechen. Wenn diese Kinder jetzt über Monate hinweg nicht gefördert werden, ist das ein großer Rückschritt für alle.

Wie bewältigen das Familien?

„Unsere“ Eltern bemühen sich, so gut sie können. Aber wir merken, dass der Medienkonsum bei den Kindern exorbitant ansteigt. Es haben eben nicht alle einen riesigen Fundus an Spielen und Bastelmaterialien daheim und viele Familien bräuchten auch Unterstützung bei den Spielregeln. Dazu kommt, dass sehr viele Eltern so große Angst vor dem Virus haben, dass sie ihre Kinder gar nicht mehr rauslassen. Bis zum Ende der Osterferien haben sich noch alle super geschlagen, weil sie dachten, danach geht es weiter mit der Schule. Aber jetzt geht einigen die Luft aus.

Wie können Sie die Familien aktuell unterstützen?

Wir haben nicht aufgehört, die Kinder zu betreuen, wir tun es nur in anderer Form. Jedes Kind hat einen festen Bezugskollegen. Die Kollegen telefonieren mit den Kindern und schicken ihnen einmal wöchentlich per Post Schul materialien, Spielideen und Links. Die Schulkinder erhalten so Hilfe bei den Hausaufgaben und bei Lernschwierigkeiten und gleichzeitig stehen wir auch in Kontakt mit den Eltern. Wir stellten jetzt aber auf Videobegleitung um, über eine sichere Software. Wer kein Smartphone zuhause hat, dem können wir dank einer Spende der Dominik-Brunner-Stiftung ein Tablet ausleihen. 

Aber es wäre natürlich so viel mehr getan, wenn man in der Mittags- und Hausaufgabenbetreuung Eins-zu-eins-Kontakt haben dürfte. Und man bräuchte mehr mediale Bildungsmöglichkeiten durch die Schule. Mit Lehrern, die sich hinstellen und Unterricht halten, der dann per Video übertragen wird. Wir sehen jetzt schon, wie Kinder abrutschen, wie sie viele Dinge nicht mehr verstehen. Die schulischen Konsequenzen werden wir nächstes Jahr haben.

Was raten Sie Eltern, um die Zeit möglichst gut zu bewältigen?

Ganz wichtig ist, die Tagesstruktur zu erhalten, vom Aufstehen zu einer bestimmten Zeit über das gemeinsame Mittagessen bis zum Gute-Nacht-Ritual. Das vereinfacht nicht nur die Abläufe innerhalb der Familie, sondern vermittelt den Kindern auch Klarheit, und die brauchen sie. Zweitens: Wenn man merkt, dass das Nervenkostüm dünn wird, sollte man das nicht mit sich alleine ausmachen, sondern sich einfach Hilfe holen. Es gibt ganz viele Unterstützungsangebote, auch telefonisch. Und schließlich: Man sollte sich zwar immer ums Beste bemühen, sich aber auch nicht so viel Stress machen, wenn es mal nicht so klappt. Hauptsache, man vergisst die Kinder nicht.

Mehr über den Münchner Osten gibt es in der Übersicht.

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