Prinzipienreiter contra kreative Idee

Neuperlacher Brücken werden keine Identifikationsorte

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Die vom Büro für Ingenieur-Architektur Diplom-Ingenieur Richard J. Dietrich entworfene „Kettenbrücke“ ist eine der farbigen Brücken in Neuperlach.

Zu echten Identifikationsorten und Aushängeschildern des Stadtteils sollten sie werden, die Neuperlacher Brücken. Doch aus der hehren Idee des Ramersdorf-Perlacher BA-Vorsitzenden Thomas Kauer wird wohl nichts werden. Denn der Stadtverwaltung fehlt für fast alle seine Vorschläge jegliches Verständnis.

Die Idee von Thomas Kauer war eigentlich ganz einfach: Die Stadtverwaltung sollte gemeinsam mit dem Bezirksausschuss Ramersdorf-Perlach ein Konzept für die Neuperlacher Brücken erarbeiten, um diese in ihrer Funktion zu stärken und Bürger auf sie aufmerksam zu machen (HALLO berichtete). Konkrete Denkanstöße, wie dieses Konzept aussehen könnte, hatte der BA-Vorsitzende auch gleich parat. Ein Farbkonzept, das alle Brücken erfasst und sie mit prägenden Farben mit Wiedererkennungswert versieht, eine bedarfsorientierte Beleuchtung etwa mit sensorgestützten LEDs, Street-Art-Einsätze mit lokalen Künstlern und die Benennung der Brücken nach verdienten Persönlichkeiten aus (Neu-)Perlach schlug der CSU-Politiker der Verwaltung vor.

Doch das Baureferat konnte mit Kauers Denkanstößen so gut wie nichts anfangen und lehnte sie nach einer ungewöhnlich kurzen Bearbeitungsfrist von nur einem Monat so gut wie komplett ab.

Ein Farbkonzept, das alle Brücken erfasst — in ganz Ramersdorf-Perlach gut 50 Stück — geht nach Ansicht der Verwaltung gar nicht. „Bei Betonbrücken wird fast generell von einer farblichen Gestaltung abgesehen, weil durch den regelmäßig entstehenden Ausbesserungs- beziehungsweise Erneuerungsbedarf der Anstriche die Unterhaltungskosten deutlich ansteigen würden“, heißt es in dem Antwortschreiben an den BA. Hierbei sei zudem zu bedenken, dass die Bauwerke dazu meist komplett eingerüstet werden müssten, was sowohl auf als auch unter dem Bauwerk zu erheblichen Verkehrseinschränkungen führen würde. Eine „deckende Farbbeschichtung“ habe außerdem „negative Auswirkungen auf die Bauwerksprüfung“, weil das Erkennen und Beobachten von im Beton materialbedingt vorhandenen Rissen erschwert werde, so das Baureferat weiter. Mag ja alles richtig sein, doch dann fragt man sich, welcher gedankenlose Mensch die Fußgängerbrücke, die im Bereich der Plettstraße über die Quiddestraße führt, blau angepinselt hat oder die Brücke über den Karl-Marx-Ring am Hans-Lohr-Weg orange?

Doch selbst wenn Farbe verwendet wird, geht ein einheitliches Farbkonzept wohl nicht. Bei Stahlbrücken wie der sogenannten „Kettenbrücke Neuperlach“ über die Ständlerstraße „wird die farbliche Gestaltung gemeinsam mit dem Entwurfsverfasser festgelegt“, betont das Baureferat. Und deshalb kommen die einschlägigen Paragrafen ins Spiel: „In solchen Fällen ist eine Änderung des Farbkonzeptes aus Urheberrechtsgründen nur sehr schwer zu realisieren.“

Nicht ganz so ablehnend steht die Verwaltung Kauers Vorschlag einer bedarfsorientierten Beleuchtung etwa mit LEDs gegenüber. Im Stadtteil Freiham-Nord werde vom Baureferat bereits LED-Technik in der Straßenbeleuchtung als Pilotprojekt eingesetzt und evaluiert. Doch ob die moderne Technik auch in Neuperlach zum Zug kommen wird, steht noch in den Sternen. „Die Ergebnisse dieser Auswertungen wird das Baureferat dem Stadtrat 2019 vorstellen und gleichzeitig einen Vorschlag zum weiteren Einsatz dieser Technik bei der LHM unterbreiten“, heißt es lapidar, obwohl das Jahr nur noch knapp drei Monate dauert.

Ähnliches gilt für das EU-Projekt „Smarter Together“. In dessen Rahmen hat der Stadtrat den Test von adaptiven Straßenbeleuchtungen beschlossen. „In einem Feldversuch wurden daraufhin zwölf Gehwegleuchten mit der entsprechenden Technik ausgestattet. Ziel ist unter anderem, die erwarteten positiven Einflüsse hinsichtlich des Energieverbrauchs und der Umweltverträglichkeit unter Berücksichtigung der Aspekte zu Sicherheit, Wirtschaftlichkeit und Bürgerakzeptanz zu verifizieren“, teilt das Baureferat dem Bezirksausschuss mit. Doch auch hier gibt es keine weiteren konkreten Aussagen. Denn der Test wird durch eine Hochschule begleitet und erst Ende 2020 abgeschlossen sein. „Wir bitten um Verständnis, dass wir derzeit aufgrund der noch offenen Untersuchungen und der anstehenden Stadtratsentscheidungen zum Thema der adaptiven LED-Beleuchtung keine richtungsweisenden Aussagen treffen können.“

Was die Möglichkeiten eines Street-Art-Einsatzes mit lokalen Künstlern angeht, wird die Verwaltung hingegen fast euphorisch. „Grundsätzlich steht das Baureferat konzeptionellen farblichen Gestaltungen von Wandflächen innerhalb baureferatseigener Unterführungen im Rahmen des laufenden Bauwerksunterhalts positiv gegenüber“, heißt es in dem Schreiben. Warum aus Brücken plötzlich Unterführungen werden, wird allerdings nicht weiter erläutert. Statt dessen wird der korrekte Verwaltungsweg erläutert. Die Auswahl der ausführenden Personen oder Personengruppen obliege dem jeweils zuständigen Bezirksausschuss. Unter Einhaltung der üblichen Auflagen für Gestaltungsmaßnahmen an Unterführungsbauwerken könne das Baureferat einer Gestaltungsmaßnahme an den Wänden von Unterführungen zustimmen. Dabei sei darauf zu achten, dass Bemalungen in Unterführungen hell und freundlich erscheinen sollen. „Politische, obszöne und kommerzielle sowie urheberrechtlich geschützte Darstellungen sind nicht zugelassen“, erklärt das Baurerefat. Vor einer möglichen Umsetzung einer Bemalung müsse der BA ein Gestaltungskonzept mit Entwürfen vorlegen. Erst nach einer Freigabe des Konzepts könne dann eine Gestattungsvereinbarung „zwischen einer für die Ausführung der Gestaltungsmaßnahme verantwortlichen Person und dem Baureferat geschlossen werden.“ Im Falle einer Gestattung an baureferatseigenen Unterführungen finanziert die Behörde sogar die Materialkosten — allerdings lediglich in Höhe von 10 Euro netto pro gestaltetem Quadratmeter.

Mit Kauers „Denkanstoß“, Brücken nach verdienten Persönlichkeiten aus Neuperlach zu benennen, ist das Baureferat dann augenscheinlich endgültig überfordert. „Laut Auskunft des Geodaten Service des Kommunalreferates gibt es für die Benennung von Brücken derzeit kein festgelegtes Verfahren“, schreibt die Behörde dem BA. Das insoweit vergleichbare Straßenbenennungsverfahren regle lediglich die Benennung von Verkehrsflächen und diene der Orientierung im Stadtgebiet und der Auffindbarkeit der Anwesen. Der Stadtrat sei bei Straßenbenennungen in allen Fällen zuständig, bei denen es sich um personenbezogene Benennungen und damit um die Ehrung einer Persönlichkeit handele. „Ob dieses Verfahren auch auf die Benennung von Brücken angewendet werden kann, müsste mit dem Geodatenservice im Einzelfall geklärt werden“, gibt das Baureferat zu bedenken. Da kann man mal sehen, wie Fußgänger und ihre Brücken der Verwaltung das Leben schwer machen, wenn doch die Benennung einer Brücke für Autos so einfach ist. Oder wie kam die nach dem ermordeten US-Präsidenten benannte Kennedy-Brücke in München zu ihrem Namen?

Eine Frage, die der Sachbearbeitervielleicht noch klären muss. Denn Thomas Kauer will sich mit dem Anwortschreiben nicht zufrieden geben. „Ich werde das nicht auf sich beruhen lassen, sondern nochmals antworten. Die Antwort zeugt von nicht ausreichender Behandlung“, erklärt der BA-Vorsitzende gegenüber HALLO.

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