Ein Projekt zeigt Kindern und Jugendlichen, wie sie sich sicher im Internet bewegen

Im Internet-Dschungel nicht allein gelassen

PantherMedia
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Fluch oder Segen: Immer mehr Kinder und Jugendliche nutzen immer früher ein Smartphone

Über die WhatsApp-Gruppe regelt der Sport-Trainer mit den Eltern alles Organisatorische. Wer nach dem Weg sucht oder wissen will, wann die nächste S-Bahn fährt, zückt sein Smartphone. Kinder wachsen heutzutage wie selbstverständlich mit dem Smartphone auf. Sobald sie ein eigenes besitzen, lauern Fallen im Internet auf junge Menschen. Ein Präventions-Projekt geht in die Schulen, um Kinder über Gefahren aufzuklären.

Irgendwann geben die Eltern dann nach. „Kann ich mal dein Handy haben?“ Das haben sie lange Zeit sehr oft am Tag gehört. Doch wenn Eltern ihren Kindern den Wunsch erfüllen und den Nachwuchs mit einem eigenen Smartphone ausstatten, dann heißt das nicht, das lästige Diskussionen ums Handy für immer aus dem Weg geräumt sind. Im Gegenteil. Nun geht es erst richtig los. „Medien- kompetente Kinder brauchen medienkompetente Eltern“, sagt der Sozialpädagoge Michael Leibfried des Vereins Condrobs. Leibfried ist Projektkoordinator des Projekts „Netzgänger 3.0“, das von der Techniker Krankenkasse finanziert wird. „Wir setzen auf Prävention“, sagt Leibfried. „Kinder bekommen immer früher ein Handy, wir möchten ihnen also rechtzeitig den richtigen Umgang damit vermitteln.“ „Netzgänger“ wendet sich daher an zehn- bis zwölfjährige Schüler. Ab der fünften Klasse gibt es immer mehr Kinder, die sich selbstständig im Internet bewegen und daher lernen müssen, was für Gefahren auf sie lauern und wie sie diese vermeiden können. „Um die Schüler gut erreichen zu können, schicken wir sogenannte peers in die Klassen“, erklärt Leibfried das „Netzgänger“-Konzept. Schüler einer höheren Jahrgangsstufe werden dahingehend geschult, dass sie ihre Medienkompetenz an die Jüngeren weitergeben können. „Peer“ bedeutet im Englischen „Gleichrangiger“. „Von peers zu lernen, ist authentisch. Da die peers nur wenig älter sind, haben sie gerade erst eigene Erfahrungen gemacht, sie verstehen die Wichtigkeit des Themas sehr gut“, so der Projektkoordinator. Einen Tag lang lernen die älteren Schüler bei Condrobs, wie sie ihren jüngeren Mitschülern mögliche Gefahren im Internet gut näherbringen. Auf Augenhöhe, da sie nur wenig älter sind, geben sie die vorgegebenen Inhalte weiter.

Risikoarm und sicher unterwegs im Netz

Bayernweit sind derzeit 50 Schulen an dem „Netzgänger“-Projekt beteiligt. Zwölf Schulstunden müssen die Schulen für die Treffen der peers mit den jüngeren Schülern zur Verfügung stellen. Spielerisch, aber dennoch informativ gestalten die peers das „Netzgänger“-Projekt in den fünften oder sechsten Klassen. Und das ohne die Anwesenheit eines Lehrers. „Beide Gruppen sollen offen miteinander reden können. Die Workshops sind bewusst so gestaltet, dass es kein frontaler Unterricht ist. Die Übungen sind cool, so bleibt auch mehr hängen“, so Leibfried. Die Internet-Mentoren aus der neunten oder zehnten Klasse haben vier Module, die sie mit den jüngeren Schülern besprechen: Es geht um virtuelle Spielwelten, Soziale Netzwerke wie WhatsApp, Cybermobbing, das Bloßstellen im Internet und Smart im Netz. In letzterem Modul lernen die Schüler, wie sie seriöse von unseriösen Angeboten im Internet unterscheiden und beschäftigen sich mit dem Datenschutz. „Es ist toll, dass Schulen uns diese Zeit zur Verfügung stellen“, sagt Leibfried und fügt hinzu: „Aber im Prinzip ist die Teilnahme an unserem Projekt nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Sie kann und darf nur ein kleiner Teil in einem großen und umfangreichen Konzept zur Vermittlung von Medienkompetenzen sein — sowohl in der Schule als auch Zuhause.“ Die Welt des Internets sei ein Dschungel. Es würde lange dauern, bis ein junger Internet-Nutzer sich darin zurechtfinde.

Die Eltern mit ins Boot holen

So gehört zu dem Projekt ebenso ein Elternabend, an dem diese über den Projektablauf informiert werden. Und an solchen Abenden wird auch deutlich, wie unterschiedlich Erziehungsberechtige die Nutzung eines Smartphones zuhause handhaben. „Unsere Aufgabe ist es, Eltern dort abzuholen, wo sie stehen. Aber die Spannbreite ist sehr groß. Viele kennen sich gut aus, andere wenig. Und gleichzeitig haben manche verständlicherweise große Ängste und reagieren mit Verboten, andere lassen es mehr laufen.“ Manche sind sorgloser, weil sie entweder ahnungsloser sind oder auf die Medienkompetenz ihrer Kinder vertrauen. Das kann von Familie zu Familie unterschiedlich sein. Doch sobald ein Chat unter mehreren Kindern gegründet wurden, sitzen auch die Eltern mit Boot. „Es wie mit so vielen Sachen im Leben. Ob das das Verhalten im Internet ist oder ob es um Alkohol, Sexualität oder Gewalt geht. Medien- kompetenz ist eine Lebenskompetenz, die jeder junge Mensch erlangen sollte“, so der Münchner Sozialpädagoge. Leibfried sieht daher auch die Eltern klar in der Verantwortung, ihren Nachwuchs auf diesen Weg durch den Internet-Dschungel zu begleiten. „Wer sich nicht gut auskennt, sollte sich unbedingt informieren“, so Leibfried. Es geht ja nicht nur darum, alles medien- kritisch zu sehen. „Im Internet können Kinder so viel Tolles machen. Sie können kreativ sein, sich leicht informieren, mit Freunden kommunizieren und Spaß haben. Doch was das Gute ist, das weiß ich nur, wenn ich auch die Gefahren kenne.“ Für die Arbeitswelt später benötige man nun mal Medienkompetenz, so Leibfried. Daher sei es besser, Kinder präventiv und rechtzeitig zu schulen, dass sie sich reflektiert im Internet bewegen. Im besten Fall arbeiten Lehrer und Eltern zusammen. „Es hilft vor allem wenig, wenn sich Lehrer und Eltern gegenseitig den Schwarzen Peter zuschieben und die Verantwortung nur auf den jeweils anderen abschieben.“

Verena Rudolf

Hilfreiche Tipps

Eltern können sich zum Beispiel unter www.klicksafe.de, www.handysektor.de, www.schau-hin.info und auch unter www.netzgaenger-org informieren.

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