Hochprozentiges in Textform ausgeschenkt

Die Münchner Autorengruppe Prosathek bringt eine Buchreihe heraus

„Wir sind eine Autorengruppe, aber wir sind auch richtig gute Freunde, die gerne mal in einer Bar zusammensitzen.“ Die Autorengruppe Prosathek mischt derzeit die Münchner Kulturlandschaft auf.
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„Wir sind eine Autorengruppe, aber wir sind auch richtig gute Freunde, die gerne mal in einer Bar zusammensitzen.“ Die Autorengruppe Prosathek mischt derzeit die Münchner Kulturlandschaft auf.

„Sie könnten auch ohne einander, wollen aber nicht.“ Das ist das Motto der Münchner Autorengruppe Prosathek. Gerade bringen die neun Autoren eine Buchreihe im Diederichs Verlag der Verlagsgruppe ­Random House heraus. ­Zwei Mitglieder der Prosathek, Annika Kemmeter und Alexander Wachter, erzählen, wie sie die Münchner Kulturlandschaft aufmischen wollen und warum die Theke einer Bar für sie fürs Schreiben wichtig ist.

HALLO: Ihr habt gerade beide einen Roman herausgebracht, der jeweils Teil einer Reihe ist. In „Die letzte Flaschenpost“ geht es um einen Road-Trip, bei dem ein Pärchen der Flaschenpost eines Künstlers nachjagt. In „Am Ende bin ich“ um einen jungen Mann, der mit dem Verlust seiner ersten großen Liebe kämpft. Klingt auf den ersten Blick sehr unterschiedlich. Gibt es auch Gemeinsamkeiten, die eure Reihe ausmachen?

Annika Kemmeter beschreibt in "die letzte Flaschenpost" einen Road-Trip, der den Rhein entlangführt.

Annika Kemmeter: Auf der Handlungsebene unterscheiden sich unsere Romane. Thematisch weisen sie aber einen gemeinsamen Kern auf: Die Suche nach der letzten Flaschenpost spiegelt auf einer tieferen Ebene die Suche der Hauptfigur Angelina nach sich selbst. Und das ist auch das, was die Bücher verbindet – und Teil der Prosathek-Reihe werden lässt: Wir fragen nach der eigenen Identität, nach persönlichen Zielen und Erwartungen sich selbst gegenüber, aber auch nach Möglichkeiten, gesunde Beziehungen zu führen. Wie wir die Themen bearbeiten, unterscheidet sich aber von Autor zu Autor extrem.

Alexander Wachter: Die Selbstfindungsthematik wird dadurch aus verschiedensten Blickwinkeln betrachtet. Unsere unterschiedlichen Stile und Herangehensweisen sind auch die Stärke der Prosathek. Annikas Roman lebt von seinem starken Plot und den Krimi-Elementen. Mein Roman „Am Ende bin ich“ lebt von seiner Nähe zur Hauptfigur Luca, der einige Schicksalsschläge erlebt.

Was steckt eigentlich hinter dem Namen „Prosathek“?

Wachter: Prosathek ist eine Mischung aus den Wörtern „Prosa“ und „Bibliothek“. Zumeist gibt es bei uns Prosa zu lesen und wie in einer Bibliothek kann man beim Stöbern allerlei geheime Schätze unterschiedlicher Genres entdecken.

Kemmeter: Bei der Namensgebung unserer Autorengruppe ist auch die „Bartheke“ eingeflossen, weil für uns auch der persönliche Austausch ganz wichtig ist. Wir sind eine Autorengruppe, aber wir sind auch richtig gute Freunde, die gerne mal in einer Bar zusammensitzen. Nur, dass die Prosathek eben Hochprozentiges in Textform ausschenkt (lacht).

„Wir wollten zusammen Literatur machen“

Habt ihr in einer Bar auch die Entscheidung getroffen, die Prosathek zu gründen?

Kemmeter: Das könnte man fast meinen, oder? Nein, tatsächlich haben wir uns 2014 an der Ludwig-Maximilians-Universität in München kennengelernt. Wir waren dort alle Studenten und haben einen Kurs für Kreatives Schreiben belegt.

Wachter: Dort haben wir zusammengefunden und ein Jahr später schon die Prosathek gegründet. Wir wollten auch nach Beendigung des Kurses zusammen Literatur machen. Unser Vorbild waren Münchner Künstlervereinigungen wie man sie von früher kennt. Die Blauen Reiter etwa. So etwas fehlte unserer Meinung nach in der heutigen Münchner Kulturlandschaft.

Spielt der Ort München in euren Texten eine besondere Rolle?

Alexander Wachter hat mit dem Roman „Am Ende bin ich“ sein Debüt als Schriftsteller hingelegt. 

Wachter: München ist der zentrale Handlungsort von „Am Ende bin ich“. Die bayerische Hauptstadt symbolisiert für mich die perfekte Zerrissenheit, die auch maßgeblich für meinen Hauptcharakter Luca ist. München möchte dörflich und bescheiden sein, rühmt sich aber in gleichen Teilen mit ihrer Autoindustrie und internationalem Flair. Dieser Gegensatz zieht sich durch viele Aspekte Münchens: künstlerische Avantgarde versus dialektal-regionale Rückbesinnung, Wachstum und Profit versus gemütliche Prinzipientreue, Fremdidentität der Bayern versus Eigendarstellung. München-Kenner werden viele Orte der Stadt in dem Buch wiederfinden.

Kemmeter: Ja, es macht auch deshalb Spaß, dein Buch zu lesen, weil man die Orte sofort zuordnen kann! „Die letzte Flaschenpost“ erzählt hingegen die Geschichte eines Road-Trips, der den Rhein hinaufführt. Von Lindau, über Basel, Straßburg und Mainz führt die Reise bis nach Düsseldorf. Leider liegt München nicht am Rhein, sonst hätte ich meine zweite Heimat, in der ich elf Jahre lang gelebt habe, dort auch unterbringen können.

„Corona zwingt uns, neue Medien auszuprobieren“

Lesungen fallen derzeit ja leider aus. Gibt es andere Möglichkeiten, wie die Leser euch und eure Texte kennenlernen können?

Kemmeter: Physische Lesungen sind tatsächlich ausgefallen. Aber am 3. Juni habe ich das Glück gehabt, die Premierenlesung zu „Die letzte Flaschenpost“ live aus der Mainzer Buchhandlung Nimmerland zu streamen. Wer die Lesung verpasst hat, kann sie sich auf Youtube noch jederzeit ansehen. Und auch meine nächste Lesung wird ins Netz gestreamt: Am 24. Juni lese ich auf der Mainzer Literaturbühne „Die Leselampe“ aus meinem Roman. Wir senden aus der Dorett Bar, einem ganz schummrigen, verruchten Ort, der gar nicht verheimlichen will, dass er mal ein Table-Dance-Schuppen war, der heute aber für eine Mischung aus Kultur und Party steht. Corona zwingt uns Autoren, innere Barrieren zu überwinden und neue Medien und Dienste auszuprobieren.

Wachter: Genau. Wir posten auch auf unseren Social-MediaKanälen Auszüge aus unseren (Online-)Lesungen. So las Schauspielerin Judith Hoersch, die ein Fan der Reihe ist, aus allen drei bereits erschienenen Büchern. Diese Videos sind auch auf unseren Social-Media-Kanälen und unter www.prosathek.de zu finden.

Was sind eure Zukunftspläne?

Wachter: Die Prosathek-Reihe im Diederichs Verlag ist noch lange nicht zu Ende: Verena Ullmann hat mit „Die Papageieninsel oder von der Kunst sich selbst zu finden“ den Anfang gemacht. Annika und ich waren die nächsten. Im kommenden Jahr erwartet die Leser mit „Singe, Mädchen!“ ein märchenhafter Roman von Arina Molchan. Und im Frühjahr 2021 erscheint „Caspers Weltformel“ von einer Kollegin, dessen Namen ich nicht verraten darf, da sie eventuell unter einem Pseudonym schreibt. Sehr geheimnisvoll.

Kemmeter: Jeder von uns Prosatheksautoren hat die Chance bekommen, sein Romandebüt hinzulegen. Eine Chance, die beflügelt!

Habt Ihr beide auch schon neue Projekte?

Kemmeter: Ich bin schon mittendrin. Im Verlag Lunii erscheinen bald meine Interpretationen der Grimmschen Märchen für Kinder. Das ist ein fantastisches Projekt, diese Märchen sind uralt und trotzdem topaktuell. Und ich habe für diese Märchen die besten Testleser: Meine vier Kinder hören sie sich zum Einschlafen an. Und ein anderes Projekt für Kinder liegt mir auch sehr am Herzen. Das ist das Projekt „Zukunftsschreiben statt Schwarzmalen“: Geschichten für Kinder, die motivieren sollen, Vorstellungen für eine nachhaltige Zukunft zu entwickeln. Diese Anthologie, entstand aus den zehn Gewinnertexten eines Schreibwettbewerbs, und erscheint im Herbst im Tessloff Verlag.

Wachter: Außerdem kooperiert die Prosathek mit dem Radiosender M94.5. Unsere Texte werden von Sprechern für einen Podcast eingesprochen und teilweise von Autoren-Interviews begleitet. Die erste Folge ging am 16. Juni online und kann überall angehört werden, wo es Podcasts gibt. Meine weiteren Projekte sind in Planung, so spruchreif wie bei Annika sind sie allerdings noch nicht. Hauptsächlich konzentriere ich mich zurzeit darauf, mein Masterstudium zu beenden.

Interview: Lydia Wünsch

Mehr über den Münchner Osten gibt es in der Übersicht.

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